Bambus statt Beton

Bislang sind Häuser und Brücken aus Bambus Einzelfälle. Forscher von der ETH Zürich wollen jetzt aus dem Süßgrasgewächs einen ökologischen und günstigen Massenbaustoff für die Städte von morgen entwickeln.

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Von
  • Oliver Ristau

Bislang sind Häuser und Brücken aus Bambus Einzelfälle. Forscher von der ETH Zürich wollen jetzt aus dem Süßgrasgewächs einen ökologischen und günstigen Massenbaustoff für die Städte von morgen entwickeln.

Wer im Sharma Springs am Ayung River in Bali übernachten will, muss das nötige Kleingeld mitbringen. Unter 550 Euro die Nacht geht nichts. Dafür erhält der Gast aber Zugang zu einem architektonisch einzigartigen Komplex. Auf sechs Stockwerken erhebt sich ein Anwesen, fast ausschließlich aus Bambusrohren gebaut und so organisch-futuristisch, wie es mit herkömmlichen Baumaterialien kaum möglich wäre. Eine lange Tunnelbrücke führt zum Eingang, Wendeltreppen verbinden die einzelnen Ebenen miteinander, alle Räume sind oval geformt. Dank der tropischen Temperaturen ohne Außenwände erbaut, gewähren sie so dem Gast einen freien Blick in den Dschungel.

Bereits vor 20 Jahren begann der Kanadier John Hardy, auf der indonesischen Insel mit Bambus zu experimentieren. Seit 2012 ist das Sharma Springs fertig – konzipiert von seiner Tochter, der Architektin Elora Hardy, sowie einheimischen Fachleuten und Designern. In der Nähe stehen weitere Bambusbauten von Hardys Architekturbüro Ibuku, etwa die Öko-Privatschule Green School. „Bambus ist stark, schön und flexibel, er speichert Kohlenstoff und wächst in vier Jahren zu 20 Meter hohen Pflanzen heran“, sagt die Architektin. „Das macht ihn zum denkbar umweltfreundlichsten Baumaterial.“ Auch Dächer, Böden, Treppen und Geländer bestehen aus ihm. „Nur im Innenbereich setzen wir Glas, Steine, Kupfer, Messing und ein bisschen Altholz ein.“

Die Konstruktionen sind zunächst natürlich Spielereien für Betuchte. Und doch steckt dahinter mehr als nur ein luxuriöser Architektentraum. Weltweit erleben traditionelle Baustoffe eine Wiedergeburt (siehe Seite 56). Viele Designer wollen den oftmals kühlen Stahl- und Betonkonstruktionen wärmere Bauwerke gegenüberstellen, möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen. Dabei entdecken sie die überraschenden Qualitäten der alten Baustoffe neu. Dirk Hebel vom Forschungsprojekt Future Cities Laboratory der ETH Zürich etwa hat sich dem Bambus verschrieben. Die Architekturen auf Bali zählt er „weltweit zu den komplexesten ihrer Art“. Daneben existieren nur in China, Costa Rica und Kolumbien vergleichbar anspruchsvolle Bambuskonstruktionen wie große Brücken und Wohnungskomplexe. Für die Zukunft hat Hebel allerdings Größeres vor als ein paar Symbolbauten. Er will Bambus als Baustoff für den Städtebau von morgen etablieren.

(wst)