Smart City

Stadtplaner lieben den Begriff, Bürgermeister werben damit für die Modernität ihrer Metropole, und Technologiekonzerne wittern das große Geschäft: Überall auf der Welt werden Städte in Smart Cities verwandelt. Doch steigert die digitale Vernetzung auch die Lebensqualität?

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Stadtplaner lieben den Begriff, Bürgermeister werben damit für die Modernität ihrer Metropole, und Technologiekonzerne wittern das große Geschäft: Überall auf der Welt werden Städte in Smart Cities verwandelt. Doch steigert die digitale Vernetzung auch die Lebensqualität?

Stolz zeigt Jeon Haeng-Ja im Fernsehen, was sie mit ihrer Schlüsselkarte alles machen kann: Haus- und Wohnungstür, Garagentor, Gemeinschaftsraum und sogar den Müllschlucker im Hausflur öffnen. Das Besondere: Jede Nutzung wird registriert, auf der Karte selbst zur Eigenkontrolle und als Teil von Big Data im städtischen Datenzentrum.

Im Flur der lichtdurchfluteten Wohnung hängt neben der Tür ein kleiner Monitor. Darauf kann die junge Mutter nicht nur ihrer kleinen Tochter auf dem Spielplatz zusehen, sondern auch beobachten, wer das Haus verlässt und betritt, ja, sogar jeden Fremden, der auf der Straße vorbeigeht. Auch das wird zentral gespeichert.

Keine Utopie. So durchkontrolliert ist das Leben in Songdo, der Smart City vom Reißbrett, 40 Kilometer von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt. Tausende Kameras überwachen jeden Schritt der Bürger rund um die Uhr, Millionen von Sensoren messen Verkehrsaufkommen, Strom, Wasser, Abwasser, Müllmengen, Wetterdaten, Innen-, Außen-, Wasser- und Hauswandtemperaturen. All diese Messdaten landen zusammen mit den Informationen der Schlüsselkarten im zentralen Datenspeicher der Stadt. Im Kontrollzentrum erscheinen die Informationen als bunte Grafiken auf einer mit zahlreichen Bildschirmen bestückten Wand. So haben die Systembetreuer jederzeit den Puls der Stadt im Blick und können sofort eingreifen, wenn sich irgendwo etwas Ungewöhnliches zeigt. Vieles erledigt das Rechnersystem aber ohnehin selbstständig, etwa die Ampelphasen dem Verkehrsfluss anzupassen.

Es war der Großkonzern Cisco, der bei der Vernetzung von Songdo seine gesamte Expertise einbringen konnte, seine Idee vom „Internet of Everything“. Jetzt will er auch Berlin und Hamburg dabei helfen, zu den smartesten Städten Europas – wenn nicht gar der Welt – zu werden.

Es scheint ein Wettlauf um die intelligenteste Metropole entbrannt zu sein. Unzählige haben sich die digitale Umrüstung auf die Agenda geschrieben, behaupten gar schon, die smarteste Stadt der Welt zu sein. Laut einem Ranking der Wissenschaftszeitschrift „National Geographic“ führen San Francisco, Paris und Mumbai die Liste der 50 smartesten Städte an, das Wirtschaftsmagazin „Fast Company“ hat in Europa Kopenhagen, in Asien Seoul, in Nordamerika Seattle und in Lateinamerika Santiago zum Spitzenreiter gekürt.

Selbst die Mega-Metropolen in den Entwicklungsländern wie Lagos in Nigeria oder Bogotá in Kolumbien streben danach, intelligente und vernetzte Städte zu werden (siehe Interview Seite 78). Verständlich, lebt doch heute die Hälfte der Menschheit in Städten, in Europa sogar drei Viertel. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD schätzt den Investitionsbedarf für die Umrüstung der Städte weltweit auf 1,8 Billionen US-Dollar – jährlich.

Einige Großkonzerne haben deshalb aus den Portfolios ihrer angestammten Aktivitäten schon Bündel geschnürt, um Städten die Probleme zu lösen, die sie mit Energie- und Wasserversorgung, mit Müllabfuhr und Autoverkehr haben. IBM legte die Programme „Smarter Cities“ und „Smarter Planet“ auf. Siemens schmiedete aus fünf tradierten Abteilungen den Unternehmenssektor „Infrastructure & Cities“, in dem 87000 Mitarbeiter weltweit tätig sind. Und natürlich will auch Cisco mit seiner Vision des „Internet of Everything“ mitmischen.

Wenn Songdo also die Stadt der Zukunft ist, stellt sich die Frage: Wer will dort wohnen? Das südkoreanische Vorzeigeprojekt zumindest scheint bislang nicht auf die gewünschte Resonanz zu stoßen: Mehr als 22000 Einwohner hat es seit 2007, als die ersten Wohntürme bezugsfertig waren, nicht dorthin verschlagen. Dabei war vorgesehen, dass im Jahre 2020 einmal 60000 bis 70000 Menschen die Stadt bevölkern.

Die Fokus-Artikel im Einzelnen:

Seite 66 - Trend: Die digitale Aufrüstung droht an den Bedürfnissen der Bürger vorbeizugehen

Seite 72 - Interview: US-Autor Anthony Townsend über eine neue Beteiligungswelle beim Stadtumbau

Seite 74 - Beispiele: In manchen Projekten bewährt sich die smarte Technik bereits

Seite 76 - Überwachung: Ein intelligentes Kamerasystem soll potenzielle Straftäter entlarven

Seite 78 - Mega-Metropolen: Die Großstädte der Entwicklungsländer funktionieren nicht nach Smart-City-Plan

Seite 80 - IT-Sicherheit: Hacker warnen vor Cyberattacken auf das vernetzte Stadtleben

(wst)