Gehört Code zum künftigen Bildungskanon?

Experten fordern, Programmieren in der Grundschule in den Lehrplan aufzunehmen und Informatik zum Pflichtfach zu machen. Ein Streitgespräch darüber, wie Kinder fit für die Zukunft werden.

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Dieser Text-Ausschnitt ist der aktuellen Print-Ausgabe der Technology Review entnommen. Das Heft ist ab 20.3.2017 im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich.

TR: Herr Noller, Herr Schleicher, sollten Kinder bereits in der Grundschule programmieren lernen?

Noller: Auf jeden Fall. Wir arbeiten mit Drittklässlern – und schon in der ersten Doppelstunde können sie normalerweise ihren ersten Schrittzähler programmieren. Das Tolle ist, dass es die digitale Sphäre ein bisschen entmystifiziert. Das Hauptziel ist die digitale Souveränität: das Gefühl, mit digitalen Mitteln souverän umgehen zu können und sie zu verstehen.

Schleicher: Ich finde nicht, dass Informatik in den Lehrplan der Grundschule gehört. Wir dürfen die Kinder nicht für die Probleme ausbilden, die wir heute haben, denn sie könnten in Zukunft nicht mehr relevant sein. Informatik als Schulfach bildet die Kinder für unsere Vergangenheit aus und nicht für ihre Zukunft. Heute ist programmieren sicherlich sehr wichtig, morgen kommt etwas anderes dazu. Wir überfrachten unsere Lehrpläne. Und am Ende lernen unsere Kinder von allem ein bisschen, aber nichts richtig.

Noller: Wenn Informatik heute wichtig ist, muss es in den Lehrplan. Sonst hat das Fach in unserem heutigen Schulsystem keine Chance.

Schleicher: Das dachte man 2008 im Jahr der Finanzkrise auch: Wir brauchen Wirtschaftserziehung als Schulfach. Manche Länder haben das in den Lehrplan aufgenommen. Aber als man die Schüler einige Zeit später auf ihr Wissen über Wirtschaft und Finanzen prüfte, schnitten die Schüler in Shanghai am besten ab. Die hatten von Wirtschaftserziehung noch nie etwas gehört. Dafür aber konnten sie wie ein Mathematiker denken, wie ein Naturwissenschaftler. Diese übergreifenden Kenntnisse sind viel wichtiger als Spezialwissen, um auf neue Herausforderungen zuzugehen. Wir müssen Kreativität fördern, nicht programmieren.

Noller: Aber das tun wir mit dem Informatikunterricht doch! Die spannendsten Lernsituationen sind die, in denen irgendein Problem auftaucht. Das kennen wir ja alle im Umgang mit Computern: Irgendwas funktioniert immer nicht. Drittklässler sind schon in der Lage herauszufinden, woran es liegt. Gleichzeitig mit dem Programmieren lernen sie eine Art wissenschaftliches Vorgehen: ein Problem zerlegen, den Fehler finden, ihn fixen und dann wieder zusammenbauen. Das ist übrigens etwas, das Kinder nach neuen psychologischen Studien schon viel früher können, als man bislang dachte. Viele sind schon in der ersten Klasse in der Lage, Hypothesen zu formulieren und diese zu überprüfen. Die Schule vernachlässigt das.

Schleicher: Das stimmt, Lehrer brauchen mehr Freiraum. Unvorhergesehene Probleme lösen zu können, sollte ein ganz wichtiges Ziel im Unterricht sein. Dafür braucht man kreatives Denken. Wenn eine Lehrkraft das mit einem digitalen Projekt macht – gut. Aber dafür brauchen wir kein Schulfach Informatik. Teamkompetenz, Kreativität, Problemlösen kann man auch toll mit Musik lernen. Das Problem unserer Lehrpläne ist doch, dass Detailwissen im Vordergrund steht. Gerade die Pisa-Studien haben gezeigt: Bei ganzheitlichem Wissen steht Deutschland schlecht da. Wenn wir nun einfach nur Informatik als weiteres Schulfach einführen, verschärfen wir das Problem. Fachwissen ist zwar leicht zu unterrichten, man kann es aber auch leicht automatisieren. Und genau das sind die Dinge, die verschwinden werden. Zukunft hat dagegen Strukturwissen, die Fähigkeit, kritisch zu denken, Dinge zu hinterfragen, Wissensbereiche so zu verknüpfen, dass dadurch Neues entsteht.

Noller: Dem würde ich nicht ganz zustimmen. Natürlich sind Modeschulfächer ein Problem. Aber die Vermittlung von informatischen Skills kommt zu kurz, das ist inzwischen Konsens, sogar unter bislang kritischen Eltern und Lehrern. Im europäischen Vergleich sind wir ein dunkler Fleck auf der Landkarte. Das Fach Informatik hat eine eigene Existenzberechtigung.

Schleicher: Niemand kann sagen, ob es Programmierung in 20 Jahren überhaupt noch gibt. Der Grund, warum wir heute Trigonometrie in der Schule lernen, ist der, dass die Menschen das vor 200 Jahren mal gebraucht haben, um die Größe ihrer Felder zu messen. Damals wurden diese Kompetenzen im Lehrplan verankert. Die Gefahr ist, dass sich so etwas verselbstständigt – davon gibt es unendlich viele Beispiele. Für die Herausforderungen unserer Zeit braucht man ganzheitliche und fächerübergreifende Ansätze. Wir sollten nicht für jede Disziplin ein neues Fach gründen. Kinder sollten stattdessen in allen Fächern lernen, wie ein Mathematiker zu denken oder wie ein Historiker oder ein Naturwissenschaftler.

Noller: Aber genau das hat gute Informatik doch als Inhalt. Sie geben ein Problem vor und verlangen eine Lösung. Als wir mit unserem Computerprojekt Calliope angefangen haben, haben die Kinder schnell kleine Einmaleins-Automaten gebaut, ohne dass wir das gesagt haben. Machen Sie mit Drittklässlern mal freiwillig das Einmaleins! Der Umkehrschluss, dass man das alles im Matheunterricht abhandeln kann, wäre aber falsch. Da könnte man genauso gut sagen: Biologie braucht man nicht, wir lesen ab und zu ein paar Texte über Pflanzen im Deutschunterricht. Das ist nicht seriös.

Die Fokus-Artikel im Einzelnen:

Seite 84 - Streitgespräch: Sollen Kinder programmieren lernen?

Seite 88 - Programmieren: Eine kurze Einführung in die Sprache der Informatik

Seite 94 - Codes: Verschiedene Programmierstile im Vergleich

Seite 96 - Spracherkennung: Ein neues Übersetzungssystem kann gewöhnliche Worte in Code umwandeln

Seite 97 - Entwicklerbörse: Eine Software soll Unternehmen helfen, passende Programmierer zu finden

Seite 98 - Essay: Der kanadische IT-Spezialist Bill Sourour über die Ethik des Programmierens

(wst)