"Wir brauchen radikalere Antworten"

Je stärker soziale Medien uns in Beschlag nehmen, desto stärker leben wir in Filterblasen und Echokammern. So lautet eine häufige Klage über den modernen Medienkonsum. Aber stimmt sie? Simon Hegelich, Professor für politische Datenwissenschaften an der TU München, glaubt: Ja. Die Grundlagen der Gesellschaft geraten ins Schwimmen. Kommunikationswissenschaftler Sascha Hölig, Senior Researcher am Hans-Bredow-Institut, widerspricht. Ein Streitgespräch.

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Von
  • Gregor Honsel
  • Wolfgang Stieler

Dieser Artikel-Ausschnitt ist der aktuellen Print-Ausgabe der Technology Review entnommen. Das Heft 02/2018 ist ab dem 25.01.2018 im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich.

TR: Gefährden Filterblasen unsere Demokratie?

HEGELICH: Was da in sozialen Netzwerken passiert, halte ich für sehr gefährlich, weil plötzlich eine Plattform wie Facebook zu einem der wichtigsten Kanäle der politischen Kommunikation wird, die dafür nicht gemacht ist. Ich würde allerdings nicht von Filterblasen sprechen, sondern von Echokammern. Es sind nicht einfach nur Algorithmen, die einen dazu bringen, dass man nichts mehr mitkriegt, sondern auch das eigene Verhalten. Das Bild der Echokammer gibt gut wieder, dass man sich in einem Raum befindet, wo man das, was man selber reinruft, immer wieder raushört. Dieses „Ich suche mir nur Leute, die schon meine Meinung haben“. Doch Politik funktioniert nicht ohne Diskurs und Diskussion.

HÖLIG: Das streite ich gar nicht ab, aber Sie überschätzen die Rolle sozialer Netzwerke. Menschen bewegen sich nicht ausschließlich dort. Auch traditioneller Journalismus spielt noch eine Rolle.

HEGELICH: In den USA beziehen zwei Drittel der Leute politische Nachrichten über soziale Netzwerke. Und für die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen sind sie der einzige Nachrichtenkanal.

HÖLIG: Die USA sind etwas anderes als Deutschland. Hier gibt es ganz, ganz wenige Menschen, auch unter jungen Nutzern, die ausschließlich soziale Medien verwenden. Das Fernsehen und traditionelle Printmedien dienen immer noch als Korrektiv.

HEGELICH: Aber nur, solange es diese Medien noch gibt. Journalisten sind ja immer sehr zuversichtlich, dass sich Qualität durchsetzt. Aber wer weiß, ob das so ist? Wenn die deutsche Politik Facebook immer stärker in die Ecke eines Medienkonzerns drängt, wer hindert denn Facebook daran, einfach mal die komplette Verlagslandschaft aufzukaufen und zu sagen: Jetzt machen wir die Nachrichten?

HÖLIG: Bis dahin ist es aber noch ein sehr, sehr weiter Weg. Studien zeigen, dass das Vertrauen in Informationen aus sozialen Medien am geringsten ist.

Gibt es nicht eigentlich zwei Arten von Filterblasen: Eine blendet alles aus, was politisch nicht genehm ist, und eine andere alles, was komplex, anstrengend oder unanschaulich ist – zugunsten von Katzenvideos? Und ist letztere nicht die relevantere?

HEGELICH: Ich denke auch in so eine Richtung. Das Erfolgskonzept von Facebook ist, dass es den Nutzern zeigt, was sie wirklich sehen wollen, und zwar alles höchst emotionalisiert. Selbst wenn es auch gute Beiträge gibt: Geteilt werden die, die besonders emotional, besonders polarisierend sind. Was heißt das im politischen Kontext? Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen Meinung und Nachricht, weil alles genau den gleichen Stellenwert hat. Nutzer und Journalisten passen sich daran an. Also nicht nur die Maschinen lernen, was den Nutzern gefällt, sondern auch die Nutzer lernen, was den Maschinen gefällt.

HÖLIG: Ich halte Menschen für intelligenter, selbst wenn sie Fake News weiterleiten, aus welchen Gründen auch immer. Es kann ja sein, dass sie die nur absolut witzig finden. Ich kann doch nicht unterstellen, dass sie daraufhin ihr Wahlverhalten ändern.

HEGELICH: Da würde ich Ihnen jetzt recht geben. Alle Studien, die man findet, sagen, dass es nicht leicht ist, Leute in ihrer politischen Meinung umzudrehen. Relativ gut funktioniert es allerdings, Leute dazu zu bringen, zur Wahl zu gehen – oder es sein zu lassen. Facebook hat 2012 selber in einem Experiment gezeigt: Wenn man Leuten anzeigt, dass man selber wählt, hat das einen mobilisierenden Effekt auf die Facebook-Freunde. Das klappt auch andersherum, wie der Wahlkampf von Trump gezeigt hat. Dort ging es massiv um Demobilisierung – darum, die Leute zu überzeugen, nicht für Hillary zur Wahl zu gehen. Das wird gefährlich.

HÖLIG: Unbestritten. Aber warum Trump gewonnen hat, ist ein sehr vielschichtiges Phänomen. Das hat nicht nur mit Twitter zu tun, sondern auch damit, wie eine Gesellschaft tickt.

(grh)