Wer erschafft das erste Designer-Baby?

Eine revolutionäre Methode namens CRISPR-Cas erlaubt Forschern, ein Tabu zu brechen: Sie könnten mit ihrer Hilfe genveränderte Menschen erschaffen. Nun diskutiert die Fachwelt, ob die Versuche noch zu stoppen sind.

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Von
  • Antonio Regalado

Eine revolutionäre Methode namens CRISPR-Cas erlaubt Forschern, ein Tabu zu brechen: Sie könnten mit ihrer Hilfe genveränderte Menschen erschaffen. Nun diskutiert die Fachwelt, ob die Versuche noch zu stoppen sind.

Wenn irgendjemand ein Designerbaby mit maßgeschneiderten Genen schaffen kann, dann wohl George Church. In seinem verwinkelten Labor auf dem Campus der Harvard Medical School finden sich Forscher, die E.-coli-Bakterien ein neues Genom geben, wie es in der Natur nirgends vorkommt. Eine Ecke weiter arbeiten andere Wissenschaftler daran, mittels Erbgut-Manipulationen das Wollmammut wiederauferstehen zu lassen. Sein Labor, sagt Church gern, ist das Zentrum einer neuen technologischen Genesis – einer, in der Menschen die Schöpfung so umbauen, wie es ihnen gefällt.

Als ich Church nach den Designer-Babys fragte, schlug er vor, ich solle mit Luhan Yang sprechen, einer Harvard-Wissenschaftlerin aus Peking, die entscheidend zur Entwicklung der mächtigen neuen DNA-Editiermethode CRISPR-Cas9 beigetragen hatte (siehe Seite 44). Zusammen mit Yang hatte Church ein kleines Unternehmen gegründet, um gezielt die Genome von Schweinen und Rindern zu verändern: Bessere Gene sollen eingefügt, schlechte wegeditiert werden. Während Yang über diese Pläne berichtete, wartete ich auf eine Chance, meine eigentlichen Fragen zu stellen: Lässt sich irgendetwas davon auch mit Menschen machen? Können wir den menschlichen Genpool verbessern? Die weitaus meisten Wissenschaftler sind der Meinung, dass solche Manipulationen unsicher, unverantwortlich und sogar unmöglich sind. Yang aber zögerte nicht lange: Ja, natürlich, sagte sie. Tatsächlich gebe es in dem Harvard-Labor bereits ein Projekt dazu. Dann klappte sie ihren Laptop auf, um mir eine Powerpoint-Folie mit dem Titel „Meeting über Keimbahn-Editing“ zu zeigen.

Da war es also: ein technisches Vorhaben zur Veränderung des menschlichen Erbguts.

Mit „Keimbahn“ bezeichnen Biologen Eizellen und Spermien, die zusammen einen Embryo entstehen lassen. Wenn man die DNA dieser Zellen oder eines Embryos verändert, könnte es möglich sein, Krankheitsgene zu korrigieren und diese genetischen Reparaturen an künftige Generationen weiterzugeben. Eine solche Technologie würde Familien von vererbbaren Plagen wie Mukoviszidose befreien. Ebenso ließen sich Gene einbauen, die lebenslangen Schutz vor Infektionen, Alzheimer und, wie mir Yang sagte, vielleicht auch den Folgen des Alterns bieten. All das wären historische medizinische Fortschritte, die für dieses Jahrhundert so wichtig sein könnten wie Impfstoffe für das vorige.

So jedenfalls lautet das Versprechen. Die Angst dabei ist, dass Manipulationen an der Keimbahn den Weg zu einer Dystopie mit Supermenschen und Designerbabys bereiten. Warum erschaffen wir nicht eine superintelligente Gruppe von Menschen, die zur politischen und wissenschaftlichen Elite der Zukunft werden?

Bislang haben Vorsicht und ethische Bedenken die Oberhand behalten. Ein Dutzend Länder (die USA sind nicht darunter) haben Manipulationen an der Keimbahn verboten. Wissenschaftliche Gesellschaften halten sie einstimmig für zu riskant. Der Menschenrechts- und Biomedizinkonvention der Europäischen Union zufolge wäre es ein Verbrechen gegen „menschliche Würde“ und Menschenrechte, den Genpool zu manipulieren. All diese Erklärungen aber stammen aus einer Zeit, in der exakte Veränderungen an der Keimbahn noch gar nicht möglich waren. Mit CRISPR hat sich das geändert.

Das von Yang beschriebene Experiment sieht ungefähr wie folgt aus: Aus einem Krankenhaus in New York wollen die Forscher die Eierstöcke einer Frau bekommen, die wegen der Mutation eines Gens namens BRCA1 an Brustkrebs erkrankt ist und deshalb operiert werden muss. Zusammen mit dem Harvard-Labor des Anti-Aging-Spezialisten David Sinclair wollen Yang und Kollegen dem Eierstock unreife Eizellen entnehmen, die sich im Labor zum Wachsen und Teilen bringen lassen. Mittels CRISPR soll dann das BRCA1-Gen korrigiert werden. Das Ziel dabei ist, eine lebensfähige Eizelle ohne Gendefekt zu erhalten.

Wie mehrere andere Wissenschaftler, die ich über Eingriffe in die menschliche Keimbahn befragt hatte, wollte Yang auf meine Fragen bald nicht mehr antworten. Also lässt sich schwer sagen, ob das von ihr beschriebene Experiment gerade stattfindet, abgesagt wurde oder nur noch auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung wartet. Church sprach in einem Telefonat von einem „Nicht-Projekt“, jedenfalls so lange, bis es ein publikationsfähiges Ergebnis gebe. Sinclair allerdings bestätigte, dass eine Kooperation zwischen seinem und Churchs Labor besteht (einige Zeit später rief Yang an und sagte, sie habe seit Monaten nicht mehr an dem Experiment gearbeitet). Unabhängig vom Schicksal dieses speziellen Experiments lässt sich jedoch sagen: Veränderungen an der menschlichen Keimbahn sind ein wachsender Forschungsbereich geworden. Mindestens ein Zentrum in Boston arbeitet daran, ebenso wie Wissenschaftler in China, in Großbritannien und bei einer Biotechfirma namens OvaScience im US-Bundesstaat Massachusetts, in deren Beirat einige der wichtigsten Fertilisationsspezialisten weltweit sitzen.

(rot)