25 Jahre MP3-Player WinAmp: Der Lama-Hintern kriegt Haue

Mit dem Siegeszug von MP3-Musik kamen passende Player auf. Lange Jahre war Winamp Platzhirsch, zum 25. Jubiläum spielt das Programm aber kaum noch eine Rolle.

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(Bild: Radionomy)

Von
  • Karl-Gerhard Haas

"Winamp – it really whips the llama’s ass!" Dieser – natürlich als MP3-Datei – mitgelieferte Spruch begrüßte Nutzerinnen und Nutzer des Winamp-Medienspielers zum ersten Start des Programms. "Mike, the llama" war das Maskottchen der entwickelnden Firma Nullsoft, der Peitschenspruch entstammt dem gleichnamigen, künstlerisch eher zweifelhaften, Lied von Wesley Willis. Irgendein tieferer Sinn des Mottos ist nicht überliefert. Aber wie kam es überhaupt zum Lama-Satz? Und wieso hörten ihn zu den Hochzeiten der Winamp-Software Millionen PC-User mit Wonne?

1995 war das maßgeblich am Erlanger Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen (IIS) entwickelte Audio-Datenreduktionsverfahren MP3 startklar, das Team um Dr. Karlheinz Brandenburg wollte mit En- und Decodern Geld verdienen. Wie fördert man die Verbreitung eines neuen Formats? Indem man für kleines Geld ein PC-Programm vertreibt, welches dieses Dateiformat am Computer spielt. So entstand im selben Jahr das optisch an die damals gängige Player-Software für Soundkarten angelehnte Winplay 3. Es spielte MP3-Titel – aber das war’s. Der Komfort entsprach in etwa dem eines CD-Spielers. Titellisten, von der Musik abhängige Visualisierungen? Fehlanzeige.

Dass die Playlistfunktion fehlte, war Ironie des Schicksals, sagt Karlheinz Brandenburg im Gespräch mit heise online: "Das Playlistformat '.m3u' wurde bei uns in Erlangen in meiner Abteilung entwickelt, der Code wurde damals von Martin Sieler geschrieben. Wir haben die Spezifikation freigegeben und alle anderen, auch Nullsoft, haben sich daran gehalten." Implementiert war die Funktion in der ersten Winplay-3-Version aber nicht.

Den US-Amerikaner Justin Frankel, Jahrgang 1978, wurmte das. Mit Computern kannte sich der damals 17-Jährige aus – für seine Highschool hatte er bereits fürs unter Novell Netware laufende Schulnetz ein E-Mail-Programm geschrieben. Er schnappte sich den vom kroatischen Programmierer Tomislav Uzelac ursprünglich für Unix entwickelten amp-MPEG-Audiodecoder (woraus die längst vergessene Firma AMP – Advanced Multimedia Products – wurde), der für private, nichtkommerzielle Zwecke kostenfrei genutzt werden durfte.

Zunächst spielte AMP in einem DOSAMP genannten Programm fürs gleichnamige Betriebssystem. Mitte der 1990er dominierte auf den IBM-kompatiblen PCs aber schon Windows; seit Ende 1995 insbesondere Windows 95. Frankel und sein Kompagnon Dmitry Boldyrev wollten also so schnell wie möglich eine Software für dieses Betriebssystem liefern.

Am 21. April 1997 war es so weit und WinAMP-Version 0.2a wurde veröffentlicht. Diese Ausgabe konnte weniger als ihr DOS-Gegenstück und keinesfalls mehr als Fraunhofers WinPlay 3. Sie bewies lediglich, dass man mit der AMP-Bibliothek unter Windows MP3 wiedergeben kann. Aber im Mai des Jahres folgte Version 0.92, deren Oberfläche schon weitgehend dem finalen Winamp-GUI entsprach. Version 1.2 hatte dann schon die Kern-Oberfläche in der immer noch aktuellen Version – und den Namen in der endgültigen Schreibweise Winamp. Der Durchbruch kam dann mit der zweiten, am 8. September 1998 veröffentlichten Programmfassung und deren Unterversionen.

Winamp wie einst: Version 2.81 mit Wiedergabesteuerung, Equalizer, Playlist, Info-Fenster und Mini-Browser (v.l.n.r.) unter Windows 98.

(Bild: Karl-Gerhard Haas; heise online)

Die erste Winamp-Version wurde kostenlos abgegeben, Frankel und Boldyrev baten aber um Spenden. Im Januar 1998, je nach Quelle auch Ende 1997, gründete Frankel Nullsoft – der Name macht sich über den des Quasi-Monopolisten Microsoft lustig. Gleichzeitig wurde aus Winamp formal Shareware. Für den gewünschten Betrag von zehn US-Dollar erhielten die Nutzer zwar keine zusätzliche Funktion, dennoch nahm Nullsoft in diesem Jahr monatlich rund 100.000 US-Dollar ein. Das gelang, obwohl Winamp schon damals Konkurrenz hatte, etwa den Anfang 1998 erschienenen, kostenlosen "Sonique"-Player, dessen futuristische Oberfläche deutlich mehr hermachte als die zunächst recht nüchterne von Winamp.

Wie so oft in der Geschichte kamen mit dem Erfolg Rechtsstreitigkeiten – und das große Geld. 1997 hatte Frankel eine offizielle Decoder-Lizenz von AMP erworben. Nachdem Advanced Multimedia Products aber in einer Firma namens PlayMedia aufgegangen war, verklagte diese Nullsoft im März 1998 wegen Lizenzverletzungen.

Nullsoft behauptete, man habe AMP längst durch einen eigenen Decoder namens Nitrane ersetzt. Da Nitrane MP3 nicht korrekt decodierte, kam der Verdacht auf, dessen Einsatz sei nur vorgeschützt, während in Wahrheit nach wie vor die AMP-Bibliothek werkelte. Nach einem per einstweiliger Verfügung erwirkten Vertriebstopp einigten sich Nullsoft und PlayMedia im März 1999 außergerichtlich. Kurz darauf, erinnert sich Karlheinz Brandenburg, erwarb Nullsoft bei Fraunhofer eine offizielle Lizenz für deren MP3-Decoder. Im Juni 1999 kaufte der damals führende Internetprovider AOL Nullsoft für – je nach Quelle – 80 bis 100 Millionen Dollar in AOL-Aktien. Zum Software-Portfolio gehörte neben Winamp auch die ebenfalls von Nullsoft entwickelte Streaming-Software Shoutcast.

Einige Jahre arbeitete Frankel für AOL – nach einem Streit um die von ihm privat geschriebene Filesharing-Software "W.a.s.t.e." packte er im Sommer 2003 die Koffer. Die Fans von Winamp wurden seit der Übernahme durch AOL mit dem Programm auch nicht mehr wirklich froh.

Mit der 2002 veröffentlichten Winamp-Version 3 begann der Niedergang: Zu aufgebläht, ressourcenhungrig und instabil erschien die Software. Zudem war reihenweise Konkurrenz aufgetaucht: Mit MusicMatch erschien kurz nach Winamp eine Musikverwaltung, die als erste einen für die private Nutzung kostenlosen Fraunhofer-MP3-Encoder mitbrachte. Weitere Player kamen auf: foobar2000, MediaMonkey, Quintessential Player, VLC – um nur einige zu nennen. Nach einigen im Sande verlaufenen Versuchen konnte Apple mit iTunes schließlich einen legalen Netz-Musikladen etablieren und – zusammen mit der Musikbranche – mit Downloads Geld verdienen. Schlussendlich bündelte AOL den Player mit der verhassten "Toolbar"-Browser-Erweiterung – in den Augen der Fans der Todesstoß für Winamp.

Zum 20. Dezember 2013 wollte AOL das Winamp-Kapitel beenden und den Internetauftritt abschalten, was aber nicht passierte. Stattdessen verkündete man am 14. Januar 2014, der belgische Webradio-Aggregator Radionomy habe Nullsoft übernommen.

Dann wurde es lange um Winamp sehr still. Nicht nur die erwähnten Player-Alternativen lösten auf Desktop-PCs Winamp ab – mit immer schnelleren und bezahlbaren mobilen Internetzugängen und dem Siegeszug des Smartphones ersetzte bei vielen Musikfreunden Streaming die eigene Musikbibliothek. 2018 geriet – offiziell aus Versehen – Winamp 5.8 in Umlauf, seit einiger Zeit stellt Radionomy Version 6 in Aussicht.

Die von Winamp erstmals genutzten Playlists ließen sich sinnvoll nur mit ID3-Tags nutzen, also in den Audiodateien gespeicherten Informationen zu Titel, Interpret und so weiter. Ausgedacht hatte die sich allerdings Eric Kemp schon 1996. Fraunhofer IIS war darin nicht involviert – und Karlheinz Brandenburg berichtet: "MP3 konnte von Anfang Metadaten enthalten – allerdings hatten wir nichts spezifiziert, die ID3-Entwicklung lief komplett an Fraunhofer vorbei. Das Ergebnis ist ein unglücklicher Wildwuchs, mit dem Konsumenten und Entwickler leben müssen. Bei späteren Multimediaformaten hat man es dann richtig gemacht."

Apropos richtig gemacht: Wie und vor allem zu welchem Zeitpunkt Frankel und sein Partner Boldyrev ihre AOL-Aktien (der Wert von Frankels Anteil wurde seinerzeit mit rund 59 Million US-Dollar beziffert) versilberten, ist nicht bekannt. Wie’s scheint, muss Frankel nur noch die Dinge tun, zu denen er Lust hat – auf seiner Webseite und seinem Youtube-Kanal musiziert er, seine aktuelle Firma Cockos vertreibt unter anderem die Musikproduktionssoftware Reaper. Eine Interviewanfrage von heise online an Frankel blieb leider unbeantwortet.

Siehe auch:

(dahe)