Winterschlaf für Menschen

Wissenschaftler haben schon lange den Verdacht: Auch Menschen können in ­Winterschlaf fallen. Man muss nur den richtigen Knopf drücken. Allerdings könnte es sein, dass sie beim Aufwachen nicht mehr dieselben wären.

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Ein Astronaut ruht in der ­Internationalen Raumstation ISS. Gelingt es Medizinern, ­Menschen in den Winterschlaf zu versetzen, könnten sie lange Missionen im All überdauern.

(Bild: NASA)

Von
  • Nike Heinen

Der Tag, an dem Mitsutaka Uchikoshi verloren ging, war sonnig und noch ziemlich warm für einen Oktober in Kobe. Erst stieg er zusammen mit Kollegen in die Gondel auf den Berg Rokko. Nachdem sie gepicknickt und den Blick über Kobe und die umgebenden Berge ausreichend gewürdigt hatten, beschloss Uchikoshi, allein zu Fuß abzusteigen. Dabei kam er vom Weg ab, rutschte in einem Bachbett aus und brach sich sein Becken. „Das Letzte, an das ich mich erinnere, war, dass nach einer kalten Nacht die Sonne wieder herauskam“, sagte er damals dem „Guardian“. „Ich lag auf einem Feld und fühlte mich wohl. Danach muss ich eingeschlafen sein.“

Nur eingeschlafen? Erst 24 Tage später hatte ein Kletterer den 35-Jährigen gefunden. In den zehn Grad kalten Nächten war seine Körpertemperatur auf 22 Grad gefallen, und sein Puls war kaum noch vorhanden. Die niedrigen Werte hätte man noch dadurch erklären können, dass der Mann im Sterben lag, als er gefunden wurde. Unerklärlich war allerdings, wie er über drei Wochen ohne Wasser und Nahrung überlebt hatte und nach ein paar Tagen Ruhe geistig wieder völlig hergestellt war. Der Erste, der das Wort Winterschlaf ins Spiel brachte, war der Leiter der Notaufnahme, in die Uchikoshi eingeliefert wurde. Schließlich passt seine unwahrscheinlich klingende Geschichte zu der erstaunlich anspruchslosen Art, wie ein Braunbär in seinem Bau den Winter übersteht. Ein rätselhaftes Programm wäre demnach in seinem Körper angesprungen, das nach bisherigem Wissen nur andere Säugetiere besitzen und beim Menschen und allen anderen höheren Affen verschüttgegangen ist. Untersucht hat die These seit jenem Oktobertag in 2006 jedoch niemand, und so ist bis heute ungeklärt, was genau in seinem Körper geschah.

Nun widmen sich Forscher mit neuer Energie der Frage, ob Menschen nicht doch in den Winterschlaf versetzt werden können. Sie hoffen, wenn sie eine ganze Reihe von medizinischen Problemen lösten, könnte man ihn gezielt auslösen oder zumin­dest seine verschiedenen Schutzmechanismen anschalten. So lie­ßen sich unterversorgte Zellen länger am Leben halten, etwa wenn Operateure den Blutfluss in eine Körperregion unterbrechen müs­sen oder wenn ein Gerinnsel ein großes Gefäß verstopft. Möglicherweise lassen sich so eines Tages sogar Astronauten zu Zielen schicken, die weiter als ihre Lebensspanne entfernt liegen.

(vsz)