50 Jahre Atari: Pong – und sonst?

Am 27. Juni 1972 wird das erste Videospiel-Unternehmen gegründet: Atari. Es ist über Jahre der Motor der Branche, aber in den Neunzigern versiegt das Glück.

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(Bild: Shutterstock.com/Anderson Reis)

Von
  • René Meyer
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Atari. Das Videospiel hat viele Väter, doch dürfte man nur ein Unternehmen nennen, das die Branche begründet hat, würde die Wahl auf diesen Namen fallen. Niemand hat die Frühzeit der Bildschirmspiele mehr geprägt. Erst durch seine Münzautomaten, dann durch Spielkonsolen, dann durch Heimcomputer.

Und das ab 1972, Jahre vor Apple und Microsoft. Auch Atari hat zwei Gründer. Einen, der im Vordergrund steht, und der Mann im Hintergrund – Nolan Bushnell und Ted Dabney. Während seines Studiums verfällt Bushnell einem der ersten Computerspiele, Spacewar. Die Weltraum-Ballerei für (mindestens) zwei Spieler entsteht ursprünglich auf einer PDP-1. In seiner Freizeit gelingt es ihm, auch dank des drastischen Preisverfalls integrierter Schaltkreise, eine einfache Version des Spiels in einen Fernseher zu stecken. Zu jener Zeit ist er beim Tonband-Hersteller Ampex angestellt, mithilfe seiner Kollegen Ted Dabney und Larry Bryan gründet er eine informelle Partnerschaft namens Syzygy (ein Begriff aus der Astronomie), um das Gerät fertigzustellen und zu vermarkten.

Mit dem kleinen Automaten-Hersteller Nutting Associates finden sie einen Produzenten. Der stellt Bushnell als Chef-Ingenieur an. Ted Dabney folgt. Als Bushnell und Dabney klar wird, dass sie Bryans Expertise als Programmierer nicht benötigen, wird er wieder ausgeladen.

Die Geschichte von Atari (71 Bilder)

Computer Space von 1971, der erste kommerzielle Videospiel-Automat (Computerspielemuseum Berlin 2011)
(Bild: René Meyer )

"Computer Space" ist 1971 das erste kommerzielle Arcade-Spiel. Zwar erscheint bereits zwei Monate zuvor das ähnliche "Galaxy Game", aber nur als Einzelstück in einer Cafeteria der Stanford-Universität. Doch es ist kein großer Erfolg. Es ist zu kompliziert. Bushnell nimmt Kontakt mit dem Automaten-Riesen Bally auf. Die bieten 24.000 Dollar für die Entwicklung eines Flippers und eines Videospiels, verlangen aber, dass die Verbindung zu Nutting gelöst wird.

So kündigen Nolan Bushnell und Ted Dabney bei Nutting und gründen eine eigene Firma. 250 Dollar steuern beide zu. Am 9. Juni 1972 unterschreiben sie zusammen mit ihren Ehefrauen die Gründungsurkunde für eine nun formelle Unternehmung namens Syzygy und lassen sie über eine Kanzlei beim Staat Kalifornien einreichen. Das böse Erwachen: Der Name ist bereits belegt. Eigentlich hätten sie gern ihre Initialen verwendet, doch B&D heißen schon Black & Decker, und D&B heißen schon Dun & Bradstreet. So kommen drei Begriffe aus dem Brettspiel Go in die engere Wahl: Hane, Sente und Atari. Ted Dabney zufolge reichen sie alle drei Namen beim California Secretary of State ein. Und das entscheidet sich für: Atari. Am 27. Juni 1972 ist Atari, Inc. offiziell gegründet.

Für das neu geplante Bildschirmspiel holen sie von Ampex den Ingenieur Al Acorn. Als Mitarbeiter Nummer 3 soll er zunächst ein sehr einfaches Spiel entwerfen, als Probe. Bushnell denkt an das Ping-Pong-Spiel, das er erst wenige Tage zuvor an der Odyssey-Spielkonsole auf der Hausmesse von Magnavox gesehen hat, und beschreibt die Aufgabe. Al Alcorn legt sich ins Zeug; und am Ende stellt sich heraus, dass das einfache "Pong" sehr viel Spaß macht. So bleibt es dabei. Das Probespiel wird das fertige Spiel.

Pong, das erste Produkt von Atari, 1972 (Computerspielemuseum Berlin 2011)

(Bild: René Meyer)

Der Ingenieur Wolfgang Nake, dessen Steckenpferd es ist, die frühen Atari-Automaten nachzubauen, schwärmt von der Eleganz von Pong: "Die Odyssey ist ein Meisterwerk der analogen Schaltung, realisiert mit einem Minimum an Bauelementen. Und Pong ist sozusagen die digitalisierte Variante der Odyssey. Das technisch Interessanteste am originalen Pong-Automaten ist die Kunst einer Schaltungstechnik, die mit erstaunlich wenigen einfachen logischen Bauelementen performante Spielefeatures realisiert. Das sind zum Beispiel die schrittweise erhöhte Ballgeschwindigkeit und die Möglichkeit, geschickt mit dem Schläger dem Ball eine spieltaktisch günstige Flugrichtung zu geben. Das macht das Spiel gegenüber seinen Vorgängern und Nachfolgern bemerkenswert."

Am 29. November 1972 wird der Prototyp des Pong-Automaten in einer Kneipe in Sunnyvale aufstellt, Andy Capp's. Die Legende besagt, dass zwei Tage später ein Mitarbeiter der Kneipe erbost anruft und meint, das Gerät sei kaputt. Al Alcorn fährt hin und erkennt die Ursache: Das Gehäuse ist voller eingeworfener Münzen, die einen Kurzschluss verursachen. Der Automat macht ein Vielfaches der Umsätze eines Flippers. Zugleich muss Bushnell von Bally erfahren, dass sie keinerlei Interesse an dem Videospiel haben. Beides führt zu dem Entschluss: Atari produziert die Automaten selbst.

Atari mietet eine ausgediente Rollschuhbahn, bekommt einen Kredit über 50.000 Dollar und später eine Finanzspritze durch einen Investor. Und stellt zahlreiche junge langhaarige Freaks an, die in T-Shirts und nicht selten barfuß Pong-Automaten zusammenbauen. Statt teurer Monitore kauft man einfache Fernseher und verwendet nur die Bildröhre.

Einer der ersten Angestellten ist der erst 17 Jahre alte Steve Jobs, der mit Nolan Bushnell zum ersten und zum letzten Mal einen Vorgesetzten hat. (Und der später Apple auch deswegen Apple nennt, um im Telefonbuch vor Atari zu stehen.) Mitgründer Dabney hingegen wird von Bushnell bereits nach einigen Monaten aus der Firma gedrängt und gibt seine Anteile für 250.000 Dollar ab.

Am Anfang ist Atari in ständigen Geldnöten. Das ändert sich mit dem zweiten Automaten, dem Rennspiel "Gran Trak", mit einem Lenkrad. Spielideen oder deren Umsetzungen kommen nicht selten von den jungen Angestellten, die häufig einen technischen Hintergrund haben. Etwa "Breakout", das Bushnell gefällt, aber zu viele Schaltkreise benötigt. Er verspricht Jobs einen Bonus von 100 Dollar für jeden eingesparten Chip. Steve Wozniak, der spätere zweite Apple-Gründer, den Jobs nachts in die Fertigungshalle schmuggelt, damit er gratis "Gran Trak" spielen kann, macht die ganze Arbeit. Jobs bekommt einen Bonus von 5000 Dollar, erzählt Wozniak aber, er habe nur 700 Dollar bekommen und gibt ihm davon die Hälfte. Erst Jahre später erfährt Wozniak die Wahrheit.