50 Jahre WorldCat: Der weltgrößte Online-Katalog feiert Jubiläum

1971 steht erstmals ein Buch in einem Online-Katalog. Heute verwaltet er drei Milliarden Bestände. Wie ein Bibliothekskatalog digital wurde – ein Rückblick.

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(Bild: Proxima Studio/Shutterstock.com)

Von
  • René Meyer
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WorldCat ist der älteste und weltgrößte Bibliothekskatalog. Er umfasst mehr als 500 Millionen Datensätze. Jede Sekunde kommt ein neuer dazu. Der Erste wird vor 50 Jahren aufgenommen, im Sommer 1971.

Da ein Buch in der Regel in mehreren Sammlungen steht, verwaltet der Katalog drei Milliarden Nachweise an Beständen. Nicht nur von Büchern – auch Zeitschriften, Musik, Filme und elektronische Dokumente sind auffindbar. Mehr als 40 Millionen Suchanfragen und Updates täglich bewältigt die Plattform, die sich auf zehntausende Prozessoren und 10 Petabyte Speicher stützt, verteilt auf Rechenzentren und Cloud-Dienste auf drei Kontinenten.

Für viele Einrichtungen ist WorldCat der primäre Katalog. Sie tragen ihre Bestände direkt in WorldCat ein und rufen sie von dort ab. Andere Bibliotheken gleichen ihre Einträge mit dem Katalog ab. Kooperationen gibt es außerdem zu Diensten wie Google Books und dem Internet Archive.

Bestandsnachweis heißt erst einmal: WorldCat sagt, in welchen Bibliotheken das gesuchte Buch oder die gesuchte Zeitschrift steht, sortiert nach der Entfernung zum Nutzer. Wie man an den Inhalt kommt, ist ganz unterschiedlich. Gerade ältere Literatur liegt vielfach nicht elektronisch vor. Also muss man das Buch vor Ort ausleihen, bei Präsenzbibliotheken vor Ort lesen oder per Fernleihe bestellen.

Aktuelle Fachliteratur gibt es auch als E-Book. Ist man Student oder Mitarbeiter einer Hochschule, die entsprechende Rahmenverträge abgeschlossen hat, kann man mit Glück in Sekundenschnelle mit seinem Hochschul-Log-in auf das PDF zugreifen. Sehr viele Veröffentlichungen – man denke an alte Zeitschriften und Magazine – sind bisher noch gar nicht digitalisiert oder als PDF nicht so leicht zu finden. Bei historischer Computerliteratur aus den siebziger und achtziger Jahren hilft oft Google: Die Community hat viele Bücher und Magazine eingescannt und stellt sie auf irgendeine Weise zur Verfügung, etwa auf (teilweise versteckten) Websites oder FTP-Servern.

Noch im 18. Jahrhundert haben viele Büchereien gar keinen Katalog. Genauer: Der Bibliothekar ist der Katalog. Erste Kataloge entstehen als handgeschriebene, später als gedruckte Bücher. Damit lassen sich zum ersten Mal Kataloge vernünftig vervielfältigen. Doch das Aktualisieren, also das alphabetische Einsortieren neuer Werke, ist kaum möglich. Man muss dazu das Buch neu drucken. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckt man die praktischen Kärtchen, die teilweise bis in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts verwendet werden.

Die Automatisierung beginnt vor rund 100 Jahren mit der Lochkarte. Im Buchwesen kennt man vor allem Randlochkarten. Auf ihnen sind wie gewohnt Angaben wie Autor, Titel, Jahr und Standort im Regal aufgedruckt. Gleichzeitig sind diese Informationen als Löcher an allen vier Rändern eingestanzt.

Ist die Anzahl der Karten überschaubar, braucht man kein aufwendiges Gerät zum Suchen, sondern nur eine Nadel in der Anmutung eines Schaschlik-Stabs. Ist ein bestimmtes Merkmal vorhanden, wird das Loch in der entsprechenden Spalte bis zum Rand zu einem Schlitz erweitert, es ist also offen. Man stapelt alle Karten und steckt die Nadel in das gesuchte Loch. Karten mit der gesuchten Eigenschaft fallen durch den Schlitz nach unten; alle anderen bleiben aufgespießt.

Das System baute man in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aus, um mit mehreren Stäben nach mehreren Eigenschaften zu suchen. Eine Alternative ist die Sichtlochkarte aus den vierziger Jahren. Sie enthält nicht die gesuchten Informationen, sondern den Suchbegriff; und auch hier kann man durch Übereinanderlegen nach mehreren Kriterien filtern.

Alden Library mit Wolfe Garden, 1970: An der Ohio University wurde der Vorgänger von WorldCat entworfen.

(Bild: Ohio University)

Da auf eine Lochkarte nur wenige Zeichen passen, erweist sich eine andere Erfindung als Segen: die Einteilung von Büchern in Sachgebiete durch eine Zahlenfolge. Häufig verwendet man DDC, die Dewey-Dezimalklassifikation. Der Bibliothekar Melvil Dewey entwickelt sie 1876; in den USA wird sie auch Grundlage für die Sortierung der physischen Bestände.

Es gibt zehn Hauptklassen, 000 bis 900. Naturwissenschaften und Mathematik gehören etwa zur 500. Weitere Ziffern teilen die Sachgebiete immer genauer ein. 600 ist Technik und Medizin. 630 Landwirtschaft, 636 Viehwirtschaft, 636.3 Schafe. Die Klassen sind in vielen Sprachen verfügbar und werden regelmäßig erweitert. Sind Sachgebiete auf Karten gestanzt, kann man sie mit einem Lochkartensortierer leicht durchforsten.