65.000-Einwohner-Stadt halbiert ihren CO2-Ausstoß

Wirtschaftswachstum und sinkender Kohlendioxidausstoß schließen sich aus? Nicht so im schwedischen Växjö.

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65.000-Einwohner-Stadt halbiert ihren CO2-Ausstoß

(Bild: Stora Enso)

Von
  • Hanns-J. Neubert

In der 65.000-Einwohner-Stadt sank die Kohlendioxidemission in den vergangenen 20 Jahren immerhin um 54 Prozent. Gleichzeitig wuchs das Bruttoregionalprodukt um satte 89 Prozent.

Bereits 1991 fassten die Stadtoberen den Plan, ihre Kommune bis 2030 völlig fossilfrei zu bekommen. Diesem Ziel fühlen sich seitdem alle lokalen politischen Parteien verpflichtet. Für ganz Schweden soll diese Vision indes erst 2045 realisiert sein.

Zugute kommt Växjö, dass die Stadt inmitten der Wälder und Seen Südschwedens liegt. So lag die Idee nahe, den vorhandenen Rohstoff Holz verstärkt als Baumaterial zu nutzen – und zwar nicht nur für Einfamilienhäuser. Aus ihm entstanden auch neue, sechs- bis achtstöckige Hochhäuser. Ausschließlich Holz verbrennt zudem das kommunale Kraftwerk, das damit Strom erzeugt und auch nahezu alle Häuser mit Fernwärme versorgt.

Hinzu kamen weitere erfolgreiche Maßnahmen. Die Baugenehmigung für auf Dächern montierte Solarpaneele wurde abgeschafft, was einen Solarboom auslöste. Außerdem fahren die Innenstadtbusse mit Biogas aus der Kläranlage. Und der Autoverkehr geht zurück, seit die Stadt den Umstieg aufs Fahrrad attraktiver gemacht hat – nicht zuletzt dadurch, dass im Winter die Radwege noch vor den Straßen geräumt werden.

Heute stößt jeder Einwohner Växjös im Schnitt nur rund drei Tonnen Klimagas aus. Zum Vergleich: Auf einen deutschen Bundesbürger kommen elf Tonnen pro Jahr. Ab 2020 soll sogar ganz Schluss mit dem Verbrauch von Erdöl, Erdgas und Kohle sein. So dürfen beispielsweise nur noch Elektroautos als Dienstwagen angeschafft werden, Baumaschinen müssen zumindest mit Biodiesel arbeiten.

Für dieses Engagement erhielt Växjö in diesem Jahr den Green Leaf Award der EU-Kommission. Der Preis wird jährlich an eine europäische Stadt mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern verliehen. Trotzdem scheinen die Bemühungen der Stadt jüngst ins Stocken geraten

zu sein: Im jährlichen Umweltranking von 290 schwedischen Kommunen fiel Växjö von Platz 12 auf Platz 33. Cheryl Jones Fur, die grüne Vorsitzende des Umweltausschusses im Stadtrat, räumte der Tageszeitung "Smålandsposten" gegenüber ein: "Es gibt in der Tat einige Dinge, wo wir ganz klar besser werden müssen. Eine Kategorie beim Ranking ist zum Beispiel die Vermeidung von Plastik in der Kommune. Darum haben wir uns nicht besonders gekümmert. Aber es könnte auch sein, dass inzwischen andere Kommunen ihre Umweltarbeit verbessert haben, was ja im Grunde gut ist."

Doch damit nicht genug: Växjö schrammte auch knapp am schwedischen Greenwashing-Preis 2018 vorbei, der von der schwedischen Sektion von Friends of the Earth vergeben wird. Letzten Endes blieb der unwillkommene Titel zwar an der Zentrumspartei hängen, aber die Stadt gehörte zu den drei Nominierten. Ein Grund ist der Bau eines riesigen Verkehrsknotens mit autobahnähnlichen Anschlüssen, um Växjö besser an das Fernstraßennetz anzuschließen. Sogar Teile eines Naturschutzgebietes fallen dem Projekt zum Opfer. Bürgerklagen wurden abgelehnt.

Negativ bewerteten die Umweltschützer auch die Investitionen in den Flugplatz und die Werbung für mehr Flugreisen auf zwei neuen Direktrouten nach Berlin und Amsterdam. Der Stadtrat verteidigte sich: Schließlich habe die niederländische Fluggesellschaft KLM versprochen, die Linie nach Amsterdam langfristig ausschließlich mit biobasiertem Flugtreibstoff aus Holz zu betreiben. Doch davon gibt es bisher nicht genug. So kommt das Biokerosin fürs Erste aus Kalifornien und könnte zusammen mit wachsendem Autoverkehr Växjö die gute Klimabilanz verhageln.

(bsc)