"95 Prozent machen nicht richtig mit"

Michael Kerres, Pionier des Online-Lernens, über den Hype beim Telelearning und die Frage, ob die Technik wirklich immer funktioniert.

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  • Stefan Brunn

Michael Kerres, Pionier des Online-Lernens, über den Hype beim Telelearning und die Frage, ob die Technik wirklich immer funktioniert.

13000 Teilnehmer meldeten sich für Online-Kurse am Hasso-Plattner-Institut an, zwölf Millionen Downloads verzeichnet die LMU München für ihren Bereich in der iTunes University. Doch bei aller Begeisterung gibt es auch skeptische Stimmen. Kerres, 52, ist Professor für Mediendidaktik an der Universität Duisburg-Essen und führte bereits 1995 erste Internet-Kurse durch. Er warnt davor, die Technik überzubewerten.

Technology Review: Herr Professor Kerres, sind die Massen an Zuhörern bei Online-Veranstaltungen ein Zeichen dafür, dass eine neue Ära des Lernens anbricht?

Michael Kerres: Noch sind diese Angebote gar nicht richtig evaluiert worden. Ich glaube, die hohen Nutzerzahlen werden überbewertet. Geschätzte 95 Prozent machen nicht richtig mit, sie lesen zum Beispiel die Texte nicht. Da sind eben auch viele dabei, die einfach einmal etwas Neues miterleben wollen.

TR: Sind solche Veranstaltungen also vorübergehende Phänomene?

Kerres: Nein, langfristig werden sie sicher zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Lernens. Viele Bildungseinrichtungen ergänzen schon heute ihr Portfolio mit Lernplattformen wie Moodle, auf denen die Schüler Inhalte austauschen und diskutieren können, Tests absolvieren und so weiter. Manche bieten jetzt auch Massenvorlesungen im Internet an, sogenannte MOOCs. Man darf aber nicht vergessen, dass es hier in den meisten Fällen nur um Ergänzungen geht. Wenn man es mit der gewohnten Lernwelt vergleicht, könnte man sagen: Die Bibliotheken ersetzen ja auch nicht die Schulen.

TR: Aber hat eine Vorlesung im Hörsaal überhaupt etwas, was eine Online-Vorlesung nicht hat?

Kerres: Eine Vorlesung im Hörsaal ist eingebettet in ein soziales System. Man unterschätzt leicht, wie wichtig das ist. Sich mit anderen auszutauschen und zu vergleichen, von den Lehrenden klare Ziele vorgelegt zu bekommen, einen Stundenplan zu haben und auch kontrolliert zu werden – das sind entscheidende Vorteile. Bildungsangebote im Netz versuchen so etwas nachzubilden; es zeigt sich aber, dass dies nur für manche Zielgruppen und Themen geht.

TR: Ist aber nicht gerade die Selbstständigkeit beim Lernen ein wichtiges Ziel?

Kerres: Natürlich. Es soll ja Leute geben, die sich in der Bücherei selbst Englisch beibringen. Aber das schafft eben nicht jeder. Vor allem für die Jüngeren wird die Präsenz sehr wichtig bleiben. Und vieles hängt vom Stoff ab: Für manche Scheine reicht vielleicht ein Buch, bei anderen kommt man damit nicht weit. Bei Differentialgleichungen etwa fällt es vielen schwer, sich das selbst beizubringen.

TR: Sie glauben nicht, dass sich das Lernen in den nächsten 10 oder 15 Jahren weitgehend ins Netz verlagern wird?

Kerres: Darum geht es aus meiner Sicht gar nicht. Mich ärgert es immer ein bisschen, wenn ständig behauptet wird, dass bestimmte Technologien das Lernen komplett revolutionieren. Sie vergrößern die Spielräume für Lernen und Lehren. Viel wichtiger ist, dass wir die neuen Medien nutzen können, um Lernende individuell besser zu unterstützen. Wir müssen dem Einzelnen und seinen Voraussetzungen gerechter werden, zum Beispiel online mehr Übungsmaterialien zur Verfügung stellen, bessere Beispiele zur Veranschaulichung anbieten. Ob wir jetzt alle Schulen und Hochschulen mit iPads ausstatten und Moodle installieren, spielt nicht die entscheidende Rolle.

TR: Sie raten also nicht zum Verzicht auf diese Instrumente?

Kerres: Nein, im Gegenteil, unsere Uni hat etwa deutschlandweit eine der größten Moodle-Instanzen. So eine Plattform macht Lernen flexibler, vernetzter, effizienter. Wir sehen es als Teil von etwas an, das wir Blended Learning nennen und das die Zukunft prägen wird: Neben Präsenzseminaren und Übungen treten zunehmend unterschiedliche Online-Angebote. Die Lehre wird sich nicht in eine einzige bestimmte Richtung entwickeln, sondern die Vielfalt des Lernens wird sich erweitern. (bsc)