Abgas-Skandal: Vor fünf Jahren bekam VW einen brisanten Brief

Volkswagens Abgasaffäre fegte Manager aus dem Amt, kostete Milliarden, beschädigte weltweit das Verbrauchervertrauen.

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In den USA nahm der Abgas-Skandal seinen Anfang.

(Bild: Volkswagen)

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Von
  • Jan Petermann
  • dpa
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Es war ein Beben, wie es selten vorkam in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Am 18. September 2015 schickt die kalifornische Umweltbehörde CARB einen Brief an die US-Vertretungen des VW-Konzerns. Auf den ersten Blick wirkt das Schreiben technisch, relativ unscheinbar. Doch es tritt einen der größten internationalen Industrieskandale mit Ursprung in der Bundesrepublik los.

"VW muss sofort Gespräche anstoßen, um angemessene Korrekturmaßnahmen zu beschließen", fordert Annette Hebert, Leiterin der Abteilung zur Überwachung von Abgasvorschriften. Eine aufgedeckte "Nichteinhaltung" von Emissionsregeln bei Dieselautos der Deutschen solle so rasch wie möglich "richtiggestellt" werden. Die Aufseherin schließt ihre knapp dreiseitige Zuschrift – mit Durchschlägen an Kollegen der nationalen Umweltbehörde EPA – in einem zunächst noch recht versöhnlichen Ton: "Wir erwarten von VW volle Kooperation bei dieser Untersuchung, damit diese Angelegenheit zügig und sachgerecht angegangen werden kann."

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Was dann binnen weniger Tage folgt, sprengt die Vorstellungskraft vieler – auch mächtiger Automanager, die sich lange für unangreifbar hielten. Volkswagen scheint auf dem Zenit: Milliardengewinne, über Jahre eine Jobmaschine, nur noch knapp hinter Toyota zweitgrößter Autokonzern der Welt, strotzend vor Selbstbewusstsein. Aber schon bald steht Europas größtes Unternehmen mit dem Rücken zur Wand.

Der jähe Absturz wird ausgelöst durch systematische Manipulationen von Schadstoffwerten, die VW sogar nach zwischenzeitlichen Rückrufen in den USA zu vertuschen versuchte. Dabei war der Verdacht früh in der Welt. Nur bei Tests sorgt ein versteckter Software-Code dafür, dass giftige Stickoxide (NOx) so stark entfernt werden wie in den Papieren angegeben. Im Straßenbetrieb, wenn kein Prüfer hinschaut, blasen die Dieselwagen dagegen ein Vielfaches der Menge in die Luft.

Chronologie des Abgas-Skandals (74 Bilder)

Mitte September 2015:  Die US-Umweltschutzbehörde EPA beschuldigt den Volkswagen-Konzern, Diesel-PKWs der Baujahre 2009 bis 2015 mit einer Software ausgestattet zu haben, die die Prüfungen auf US-amerikanische Umweltbestimmungen austrickst. Zu ähnlichen Untersuchungsergebnissen ist auch das California Air Resources Board (CARB) gekommen. Beide Behörden schicken Beschwerden an VW. (Im Bild: Zentrale der EPA in Washington D.C.)
(Bild: EPA
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"Während eines Treffens am 3. September 2015 gab VW gegenüber CARB und EPA zu, dass diese Fahrzeuge mit einem "defeat device" entwickelt und gefertigt wurden, das Teile des Abgaskontrollsystems umgehen sollte", lauten die Erkenntnisse der Behörden. Jedes "so ausgestattete Fahrzeug" verstoße gegen US-amerikanisches Bundes- und Landesrecht.

Großangelegter Betrug also, der drastische Konsequenzen für die gesamte Autobranche haben sollte. Auch wenn VW bis heute die einzige Firma ist, die von sich aus gezielte Täuschungen einräumte – wobei manch einer im Konzern das generelle Eingeständnis für verfrüht hielt und individuelle Schuldfragen noch immer die Justiz beschäftigen: Es war eine Zäsur für alle. Daimler, BMW, Opel, Fiat, Mitsubishi – sie und andere sahen sich Vorwürfen gegenüber, in der Schadstoffreinigung zumindest mit faulen Tricks und in rechtlichen Grauzonen zu arbeiten.