Afrikas Grünstreifen

Im Kampf gegen Hunger und Dürre begann die Afrikanische Union 2007, einen 8000 Kilometer langen Baumwall quer durch den Kontinent zu pflanzen. Es funktioniert – nur anders als geplant.

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  • Roman Goergen

Das Video der Afrikanischen Union versprüht Optimismus: Die Kamera zeigt grüne Landschaften, reiche Ernten, Brunnen voller Wasser und lachende Gesichter. Dazu ertönt majestätische, afrikanisch inspirierte Orchestermusik. Auf einer Grafik bewegt sich ein grünes Band aus Bäumen wie eine gigantische Schlange durch das Zentrum Afrikas.

Kaum zu glauben, dass es um die Sahelzone geht. Das Gebiet südlich der Saharawüste bildet über die gesamte Breite des Kontinents eine halbdürre Übergangszone zu den Trocken- und Feuchtsavannen weiter südlich. Besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand das Wort Sahel oft für Dürren, Hungersnöte und damit verbundene Konflikte – zum Beispiel in Äthiopien, Nigeria, Mauretanien oder im Sudan.

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Auch im 21. Jahrhundert ist die Region kein Garten Eden. Rund 83 Prozent der Menschen leben hier außerhalb der großen Städte von der Landwirtschaft. 40 Prozent der Anbauflächen sind jedoch inzwischen unbrauchbar, weil die fruchtbaren Schichten von Erosion abgetragen, von den Bauern zu sehr beansprucht oder von der heißen Sonne verbrannt wurden. Das betrifft rund 500 Millionen Menschen.

Die 2007 ausgerufene "Great Green Wall for the Sahara and Sahel Initiative" (GGWSSI) soll diese Verhältnisse verbessern. Das ursprüngliche Ziel: einen rund 8000 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten Baumkorridor von der West- bis zur Ostküste Afrikas zu pflanzen, um der Wüste Einhalt zu gebieten. Am Ende würde sich die "große grüne Mauer" über elf Millionen Hektar ausdehnen, ein riesiger Wald vom Senegal bis Dschibuti.

Beim Pariser Klimagipfel 2015 haben Weltbank, EU und Privatleute der Initiative vier Milliarden US-Dollar zugesagt. Auf dem Klimagipfel im Novem-ber 2016 in Marrakesch bekräftigten sie ihre Zusage.

"Wir müssen der Bodendegradation und Wüstenbildung Einhalt gebieten", sagt Elvis Paul Tangem. Der Ökologe und Ökonom koordiniert für die Afrikanische Union von Addis Abeba aus die Projekte der grünen Mauer. "Unser Kontinent leidet unter Konflikten um natürliche Ressourcen. Auswanderung, besonders nach Europa, hat mit Klimawandel zu tun, mit Armut, weil die Menschen nicht mehr vom Land leben können."

Die Mahnung könnte kaum auf fruchtbareren Boden fallen. Doch bei den finanziellen und ökologischen Dimensionen drängt sich der Verdacht auf, dass mit dem Vorhaben auch die alten Träume wieder auferstehen, per Großprojekt das Schicksal Afrikas zum Guten zu wenden. Was früher die Tonnen an Beton und Stahl für die Industrialisierung waren, wären heute die Milliarden Bäume für die Landwirtschaft: Zeugen jener Auffassung, dass große Probleme immer große Lösungen brauchen. "Staatsoberhäupter mögen immer noch diese großen und teuren Baumpflanz-Initiativen", moniert Chris Reij, Afrikaveteran vom World Resources Institute in Washington, der die Agrar- und Forstwirtschaft des Kontinents seit den 1970er-Jahren begleitet hat. Hinter den Kulissen hat die Staatengemeinschaft jedoch dazugelernt.

Die erste Lehre war, dass schon die Grundannahme, den Vormarsch der Wüste stoppen zu müssen, in die Irre führt. Das Konzept des Baumwalls geht auf den britischen Forstwissenschaftler und Umweltaktivisten Richard St. Barbe Baker zurück. Er hatte bereits 1952 vorgeschlagen, Bäume am südlichen Ende der Sahara zu pflanzen. Baker argumentierte, dass dieser Wald Wind und Sand der Wüste aufhalten könne und das Farmland verbessern würde. Denn die Bäume würden das Sediment des Bodens zusammenhalten und Nährstoffe hinzufügen. 2005 entdeckte der damalige nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo Bakers Texte. Er sah darin eine Chance, die Umweltprobleme Nigerias und die damit verbundenen sozialen und ökonomischen Missstände zu lindern. Obasanjo schlug der Afrikanischen Union das Projekt vor.

2012 haben jedoch 13 französische Wüstenexperten vom "Comité Scientifique Francais de la Désertification" in einem Bericht erhebliche Fehleinschätzungen in dem ursprünglichen Plan für den Sahelwald aufgedeckt. Es sei falsch, die Wüste als eine Krankheit zu beschreiben, die ihre Umgebung anstecke und bekämpft werden müsse.

Die Sahara sei vielmehr ein gesundes und wertvolles Ökosystem. Außerdem sei nicht ihr Sand die Ursache für die Wüstenbildung in der Sahelzone, verantwortlich seien vielmehr geringer Niederschlag, eine hohe Bevölkerungsdichte und unausgewogene Landwirtschaft. "Ein Gürtel von Bäumen kann Wüstenbildung nicht stoppen, besonders in einem Gebiet mit weniger als 400 Millimetern Niederschlag pro Jahr", sagt auch Reij. "Die durchschnittliche Überlebenschance eines jungen Baums in der Sahelzone liegt nur um die 20 Prozent."

Es war aber noch eine zweite Lektion zu lernen: Denn solch ein Plan funktioniert nur, wenn man die Menschen mit einbezieht sowie Rücksicht auf ihren Lebensstil und ihre Einkünfte nimmt. "Die grüne Mauer hätte durch zahlreiche Gegenden führen sollen, in der Landwirtschaft stark entwickelt und in vollem Gange ist", sagt Peter Fabricius, ein Analyst der Denkfabrik "Institute for Security Studies" (ISS) im südafrikanischen Pretoria.

Für den Agrarexperten Reij geht es daher weniger darum, massenhaft Bäume zu pflanzen, als vielmehr viele kleine, in den Dorfgemeinschaften verwurzelte Projekte zu unterstützen und existierende Baumbestände zu erhalten. Er selbst hatte ein Schlüsselerlebnis, als er 2004 mit seinem Kollegen Gray Tappan von U.S. Geological Survey in die Maradi-Region des Niger reiste. Weitgehend unbemerkt vom Westen hatten die Farmer dort Abertausende Hektar mit jungen Bäumen bestückt. In ihrer Studie berichten Reij und Tappan, "dass die Kleinbauern in diesem dicht besiedelten Teil des Nigers Baumsprösslinge, die spontan auf ihrem Farmland wuchsen, aufzogen und kultivierten."

Über eine Periode von 20 Jahren hatten sie Reij zufolge dem Land rund 200 Millionen neue Bäume hinzugefügt – "ohne einen einzigen selbst zu pflanzen". Die Bodenqualität stieg, die Ernten erhöhten sich. "Die Kleinbauern haben keine 'große grüne Mauer' geschaffen, sondern etwas Besseres: eine 'große grüne Landschaft'", sagt Reij und bekräftigt, dass nur so der Wüstenbildung Einhalt geboten werden könne. Das sieht Fabricius ähnlich: "Dabei geht der Idee der 'großen grünen Mauer' vielleicht ein wenig die ursprüngliche Romantik verloren, aber die Relevanz des Konzepts hat sich erhöht."

Mittlerweile hat die Afrikanische Union ihr Programm angepasst. Offiziell heißt es zwar immer noch "Great Green Wall". Aber die Verantwortlichen sprechen mittlerweile lieber von einem Mosaik als von einer Mauer. Außerdem geht die Initiative nun über die Sahelzone hinaus, insgesamt 21 afrikanische Staaten beteiligen sich. Die bisherigen Erfolge geben ihnen recht: Laut Projektkoordinator Tangem sind 15 Prozent der ursprünglich geplanten Bäume gepflanzt, etwa im Senegal und in Burkina Faso. Der Senegal habe zwölf Millionen Bäume auf einer Länge von 150 Kilometern und einer Fläche von 40.000 Hektar gepflanzt – vor allem einheimische Arten, die keine Bewässerung brauchen.

"Viele Tierarten, die verschwunden waren, kehren zurück – Antilopen, Hasen und seltene Vögel", sagt Tangem. Auch die Menschen profitieren: Aus den angepflanzten Akazien können sie die Substanz Arabicum gewinnen, die in Arznei und Süßgetränken verarbeitet wird. Insgesamt gibt es rund 30 derartige Projekte in mehr als 20 Partnerländern. Dazu gehören Initiativen für Öko-Tourismus in Mali, gegen Erosion in Nigeria oder für nachhaltige Wasserwirtschaft an den Ufern des Blauen Nils im Sudan. Die grüne Mauer mag als aberwitzige Idee eines gigantischen Baumkorridors begonnen haben. Inzwischen ist sie weit mehr: ein Mosaik aus nachhaltigen Umweltinitiativen südlich der Sahara. (bsc)