"Altern ist eine Krankheit"

Harvard-Wissenschaftler David Sinclair will mit einer verbesserten Variante des Rotwein-Wirkstoffs Resveratrol das Altern verlangsamen.

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  • Steffan Heuer

Dieser Text ist der Print-Ausgabe 02/2010 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Harvard-Wissenschaftler David Sinclair will mit einer verbesserten Variante des Rotwein-Wirkstoffs Resveratrol das Altern verlangsamen.

David Sinclair ist Professor an der Harvard Medical School und Mitbegründer des US-Unternehmens Sirtris Pharmaceuticals. Er konnte 2006 nachweisen, dass der Rotwein-Bestandteil Resveratrol die Lebensspanne von Mäusen ver- längert. Sinclair entwickelt nun Wirkstoffe, die auf dem Naturstoff basieren, aber noch effizienter sind. Sie sollen Therapien ermöglichen, die das Altern verzögern und altersbedingte Krankheiten wie Diabetes behandeln helfen.

Technology Review: Dr. Sinclair, Sie wollen mit Ihren Medikamenten altersbedingte Krankheiten behandeln und so das Altern hinauszögern. Ist das aber nicht ein natürlicher Prozess, der sich nicht aufhalten lässt?

David Sinclair: Altern ist sehr wohl eine Krankheit. Es ist nur insofern eine Ausnahme, als fast jeder von uns daran erkrankt. Die Tatsache, dass Altern eine der tödlichsten Krankheiten auf diesem Planeten ist, sollte uns noch mehr anspornen, etwas zu tun. Wir können sie aber behandeln. Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation mit einer normalen Lebenserwartung von 80 bis 85 Jahren. Allerdings glaube ich nicht, dass wir unsterblich sein werden.

TR: Die Lebenserwartung ist im Laufe der Geschichte doch ohnehin schon stark gestiegen – etwa durch bessere Hygiene und Impfungen.

Sinclair: In den nächsten zehn, höchstens 15 Jahren sehe ich weitere radikale Veränderungen in der Medizin auf uns zukommen, mit denen man mehrere Alterserkrankungen auf einmal behandeln kann. Junge Erwachsene und selbst Menschen im mittleren Alter werden davon profitieren. Unsere Kinder werden mit 95 noch mit ihren Enkeln Tennis spielen.

TR: Muss man den Alterungsprozess nicht genau kennen, um etwas dagegen tun zu können?

Sinclair: Altern hat viele Ursachen, über die sich die Wissenschaftler immer noch uneins sind. Aber wir müssen gar nicht wissen, wie der Mechanismus bis ins letzte Detail funktioniert. Wir kennen nun einige wichtige Gene, die Alterungsprozesse regulieren, und können sie ins Visier nehmen. Ich will unsere Gesundheitsspanne verlängern und ein Medikament entwickeln, mit dem ich eine Krankheit – das Altern – behandeln kann, indem ich 20 andere verhindere.

TR: Das klingt sehr ambitioniert. Wo setzt Ihre Forschung an?

Sinclair: Es wurden bislang mehr als zwanzig Gene identifiziert, die für ein langes Leben verantwortlich sind, und es wird immer deutlicher, dass viele dieser Gene auch unsere Gesundheit steuern. Diejenigen, an denen ich arbeite, heißen Sirtuine. Sie bilden sozusagen die Baupläne für Enzyme, die ebenfalls Sirtuine heißen. Bestimmte Substanzen wie der Rotwein-Bestandteil Resveratrol machen diese Enzyme aktiver, vor allem das "SIRT1", das als Wächter der Zelle funktioniert. Es greift immer dann ein, wenn der Organismus gestresst ist oder nicht genug Nahrung bekommt. Es signalisiert dann anderen Proteinen, den Körper vor Krankheiten zu schützen, etwa indem zellulärer Abfall besser beseitigt wird. Hier setzen wir mit unseren Medikamenten an.

TR: Was sollen sie bewirken?

Sinclair: Die Mittel spiegeln dem Körper vor, dass er sich im Belagerungszustand befindet, und aktivieren den natürlichen Verteidigungsmechanismus der Sirtuine. Das ist ungefähr so, als wenn man einen falschen Notruf abschickt, sodass SIRT1 die Feuerwehr und die Polizei in den Zellen ausrücken lässt. Dieser Effekt war bisher nur aus Experimenten bekannt, bei denen man Labortieren 30 bis 40 Prozent weniger zu essen gab. So was macht jedoch kein Mensch freiwillig mit. Unsere Medikamente können denselben Effekt erzielen, ohne dass man permanent Diät halten muss.

TR: Wie wirken sie auf den Körper?

Sinclair: Wir wissen noch nicht, was genau im Menschen passiert. Aber wir wissen aus Tierstudien, dass Resveratrol bei Mäusen gegen Krankheiten wie Diabetes, Osteoporose, grauen Star, Krebs, Herzerkrankungen, Alzheimer und viele mehr wirkt. Die Mäuse können außerdem zweimal so lang und schneller laufen als gesunde Artgenossen.

TR: Und wie viel länger als ihre unbehandelten Artgenossen leben die Nager?

Sinclair: Die Verlängerung beträgt etwa 14 Prozent. Wir hoffen, dass das Gleiche beim Menschen zutrifft. [Anm. d. Red.: Bei einem Menschen wären das, gemessen an einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren, bei gleich starker Wirkung etwa elf Jahre mehr.]

TR: Kann man die Maus-Ergebnisse wirklich auf den Menschen übertragen?

Sinclair: Unsere Wirkstoffe funktionieren in 15 verschiedenen Mausmodellen mit gängigen Erkrankungen – also bei Mäusen, die extra mit bestimmten Krankheiten gezüchtet wurden. Selbst wenn sich nur zehn Prozent dieser Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist es immer noch ein wichtiger Erfolg. Unsere Erfolgschancen stehen sogar besser als zehn Prozent, denn die anvisierten Gene sind sehr alt und haben sich im Laufe der Evolution wenig verändert. Wir Menschen haben sie auch. Anders ausgedrückt: Wenn diese Wirkstoffe beim Menschen nicht funktionieren würden, wären wir eine biologische Ausnahme.

TR: Aber können Sie wirklich sagen, dass Ihr Medikament lebensverlängernd wirkt, ohne abzuwarten, wie es den Versuchspersonen langfristig ergeht?

Sinclair: Wenn Tausende ältere Menschen das Medikament einnehmen, wird man schon in wenigen Jahren feststellen können, ob die Sterblichkeitsrate sinkt.

TR: Es gibt auch andere Erfolg versprechende Wirkstoffe, die Sirtuine aktivieren. Wieso hat ausgerechnet das Resveratrol so viel Aufmerksamkeit erregt?

Sinclair: Resveratrol ist eine gute Geschichte und ein guter Vorwand, Rotwein zu trinken. Es ist außerdem eine natürliche Substanz, die man schon jetzt jederzeit "einnehmen" kann, ohne auf die synthetischen Medikamente warten zu müssen. Unsere Wirkstoffe sind allerdings buchstäblich tausendmal wirksamer als das Resveratrol und haben das Potenzial, die Medizin zu verändern.

TR: Wann könnte Ihr Medikament auf den Markt kommen?

Sinclair: Der erste neue Wirkstoff SRT2104 wird gerade an mehreren Hundert Diabetes-Patienten in Europa getestet. Er befindet sich in der zweiten von insgesamt drei klinischen Testphasen. Für weitere Wirkstoffe und andere spezifische Erkrankungen sind mehr als ein Dutzend klinische Tests für 2010 und 2011 geplant. Wenn es funktioniert, dann reden wir nicht von einem Jahrzehnt, sondern den nächsten zwei Jahren, bis Ergebnisse vorliegen und Medikamente auf den Markt kommen werden. Das ist schneller, als ich es erwartet hatte.

TR: Online werden schon jetzt Resveratrol-Präparate mit abenteuerlichen Versprechen verhökert.

Sinclair: Ich kriege jeden Tag E-Mails, in denen mich Leute fragen, was sie von diesen Angeboten halten sollen. Ich habe daher gemeinsam mit einem Arzt von Harvard die Webseite "Resforum.org" gestartet. Dort will ich über seriöse Quellen aufklären, Schwindelfälle entlarven und wissenschaftliche Fakten präsentieren.

TR: Das klingt, als könnte man auch echtes Resveratrol bekommen.

Sinclair: Es gibt Resveratrol in pharmazeutischer Güte und Konzentration, aber ich gebe keine Empfehlungen ab. Ich stelle meine eigene Mischung her, die ich seit 2004 einnehme, und beobachte mich. Fest steht, dass bereits mehrere Hunderttausend Menschen Resveratrol einnehmen. Christoph Westphal, der Geschäftsführer unserer Firma Sirtris, hat eine gemeinnützige Stiftung namens Healthy Lifespan Institute gegründet, um der Öffentlichkeit klinisch getestetes Resveratrol in pharmazeutischer Güte zum Selbstkostenpreis zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen, dass sich dadurch Tausende von Menschen für neue klinische Tests anbieten. So könnten wir zum ersten Mal überprüfbare Fakten über gesundes Altern und Lebensverlängerung sammeln.

TR: Welche gesellschaftlichen Folgen erwarten Sie, wenn Ihre Erwartungen sich erfüllen?

Sinclair: Das wäre großartig! Sicherlich wird es seltsame Situationen und ethische Dilemmas geben: Was tun, wenn ein Athlet Sirtuin-Aktivatoren einnimmt, um schneller laufen zu können? Aber die Menschen werden auch auf unsere Zeit zurückblicken und sich wundern, in was für einer primitiven Gesellschaft wir gelebt haben. Es dauert so lange, sich zu bilden, Wissen und Weisheit anzusammeln – die Menschen sterben viel zu jung. Zehn Jahre gesund länger zu leben, würde unserer Gesellschaft nur nützen und Hunderte Milliarden an Behandlungskosten sparen.

Wenn die Lebensarbeitszeit gleich bliebe, würden die Kosten für die Altersversorgung erheblich ansteigen. Das muss man im Kontext sehen. Ökonomen haben ausgerechnet, dass wir mehr als eine Billion Dollar sparen können, wenn wir die Häufigkeit auch nur einer Krankheit um zehn Prozent senken könnten. Dieses Geld kann man in gesellschaftlich wichtige Dinge wie Bildung investieren. (bsc)