Ampeln in London: Grüne Welle für Fußgänger

Die britische Hauptstadt stellt Fußgängerampeln standardmäßig auf Grün. Rot werden sie erst, wenn sich ein Fahrzeug nähert.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 151 Beiträge

(Bild: Alexey_Erofejchev/Shutterstock.com)

Von
  • Rachael Revesz
  • Gregor Honsel

Transport for London (TfL), die Dachorganisation für den Verkehr der britischen Hauptstadt, hat an 18 Kreuzungen die Ampelschaltungen geändert. Für Fußgänger stehen sie jetzt immer auf grün – es sei denn, Sensoren melden ein herannahendes Fahrzeug.

Die Daten aus einem neunmonatigen Versuch zeigen laut TfL praktisch keine Auswirkungen auf den restlichen Verkehr. Für Busse ergab sich eine maximale Verlängerung der Fahrzeit von 9 Sekunden, für sonstige Fahrzeuge von 11 Sekunden.

Im Gegenzug bekommen Fußgänger im Schnitt täglich 56 Minuten länger Grün. Zudem halten sie sich der Studie zufolge mit 13 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an die Verkehrsregeln.

Dies kann die Menschen vor einer sehr realen Gefahr schützen: Im Jahr 2020 wurden allein in London 868 Fußgänger getötet oder schwer verletzt. Das ist zwar ein starker Rückgang gegenüber den 1.350 Verkehrsopfern im Vorjahr, aber dieser geht wahrscheinlich auf die Corona-Einschränkungen zurück. Zudem ist das Niveau immer noch weit entfernt von Städten wie Oslo und Helsinki, wo 2019 kein einziger Fußgänger getötet wurde.

Um diese "Vision Zero" zu erreichen, will TfL die Dominanz und die Geschwindigkeit des Autoverkehrs weiter reduzieren – etwa durch zusätzliche Rad- und Fußwege oder Straßensperrungen für Autos. Zwischen 2016 und 2020 wurden 77 neue oder verbesserte Fußgängerüberwege eingerichtet, und jedes Jahr werden die Ampelschaltungen an mehr als 1.000 Übergängen überprüft. Auch die Fußgänger-Vorrangampeln will TfL weiter ausbauen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmmung wird hier ein externes YouTube-Video (Google Ireland Limited) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Google Ireland Limited) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das ist ein Anfang. In den letzten 20 Jahren lag der Schwerpunkt der Londoner Verkehrspolitik mehr auf der Bekämpfung des Autoverkehrs als auf Verbesserungen für Fußgänger: 2003 führte die Stadt eine Citymaut ein. Später haben Emissionsvorschriften die umweltschädlichsten Fahrzeuge aus der Stadt verdrängt. Im vergangenen Oktober wurde deren Verbotszone noch einmal erweitert. Mehr als 1.500 Kameras sollen helfen, die Vorschriften durchzusetzen und den Verkehrsfluss besser zu verstehen.

Die Bemühungen für Fußgänger sind weniger langfristig und ausgefeilt. Während der Pandemie erhielten beispielsweise die lokalen Behörden Notfallbefugnisse, um Poller oder Pflanzkübel aufzustellen oder Straßen ganz für Autos zu sperren, wenn die Bürgersteige nicht breit genug waren, Fußgängern einen Sicherheitsabstand von zwei Metern zu ermöglichen. Das hat mitunter heftige Kontroversen verursacht. Es lässt sich jedoch kaum bestreiten, dass dies zu 50 Prozent weniger verkehrsbedingten Verletzungen, geringerem Autobesitz, einem Rückgang der Straßenkriminalität und mehr Platz zum Spielen führte.

Auch jenseits der lokalen Politik gewinnt der Ansatz, den Fußgängerverkehr in den Mittelpunkt zu stellen, zunehmend an Bedeutung. Die britische Straßenverkehrsordnung (National Highway Code) wurde Anfang dieses Jahres aktualisiert und schreibt nun vor, dass diejenigen, die das größte Risiko auf den Straßen darstellen – die Autofahrer – auch am meisten Rücksicht auf andere nehmen müssen.

Auch Helsinki arbeitet daran, seine Ampeln effizienter zu machen. In einem Pilotprojekt rüsten Marshall AI and Dynniq Finland Oy eine Kreuzung mit Kameras aus, die Autos, Fahrräder und Fußgänger erkennen. Wenn sich aus einer Richtung Verkehrsteilnehmer nähern, bekommen diese automatisch und ohne Wartezeit Grün – zumindest, wenn aus den anderen Richtungen niemand kommt. Dies soll nicht nur den Verkehrsfluss verbessern, sondern auch die Emissionen um drei bis acht Prozent senken.

Mehr von MIT Technology Review Mehr von MIT Technology Review

(grh)