Analyse: Corona zeigt, wie es mit dem Klimawandel nicht laufen darf

Die Wirtschaft stillzulegen ist keine nachhaltige Lösung im Kampf gegen die Erderwärmung. Stattdessen müsste sie sehr viel schneller verändert werden.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 131 Beiträge

Waldbrände in Griechenland.

(Bild: Photo by Filippos Sdralias on Unsplash)

Von
  • James Temple
Inhaltsverzeichnis

Eines muss man 2020 lassen: Trotz all der Entbehrungen, die das Jahr forderte und der vielen erlittenen Schicksalsschläge konnte es zumindest einen Wendepunkt in der Klimakrise markieren. Mittlerweile lässt sich annehmen, dass die weltweite Öl-Nachfrage samt der Treibhausgas-Emissionen schon 2019 ihren Höhepunkt erreicht haben, denn die Pandemie hat das Wirtschaftswachstum um Jahre gebremst. Der Kohleausstieg wird sich beschleunigen und die Energienachfrage womöglich dauerhaft sinken – Veränderungen wie der vermehrte Einsatz des Homeoffice sei Dank.

Hinzu kommt, dass eine wachsende Anzahl großer Unternehmen und Nationen, einschließlich China, sich dazu verpflichtet haben, bis zur Mitte des Jahrhunderts emissionsfrei zu sein. Mit der Wahl von Joe Biden kommt in den USA ein Präsident ins Weiße Haus, der angekündigt hat, härtere Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele zu ergreifen. Saubere Technologien im Bereich Solar- und Windenergie, Batterien und E-Mobilität werden günstiger und fassen immer mehr Fuß auf dem Markt.

Und auch dies ist neu: In den letzten Tagen des vergangenen Jahres autorisierte der US-Kongress ein umfassendes Corona-Entlastungsgesetz, laut dem mehrere zehn Milliarden US-Dollar in dem Land für saubere Energieprojekte investiert werden sollen. Das Paket sieht auch strengere Grenzwerte für Fluorkohlenwasserstoffe vor – hochpotente Treibhausgase, die in Kühlschränken und Klimaanlagen vorkommen. (Nachdem Präsident Trump das Gesetz zunächst als eine "Schande" bezeichnet hatte, unterschrieb er es dennoch am 27. Dezember).

Doch auch wenn hiermit ein Wendepunkt erreicht würde – Jahrzehnte nachdem die Wissenschaft erstmals vor den Gefahren warnte –, zählen solche Gesetze weniger als die Frage, wie schnell und konsequent Emissionen jetzt wirklich zurückgefahren werden. Und an dieser Stelle hat 2020 tatsächlich auch dunkle Vorzeichen gebracht.

Selbst wenn die Emissionen ihren Höhepunkt nun schon erreicht hätten, bedeutet das nur, dass die Situation nicht mit einer steigenden Rate von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Trotzdem verschlechtert sich die Gesamtsituation. CO2 bleibt lange in der Atmosphäre. Jede zusätzliche Tonne, die weiter ausgestoßen wird, treibt den Klimawandel also weiter an und könnte zu neuen oder schlimmeren Hitzewellen, Dürren, Waldbränden, Hungersnöten und Überflutungen führen. Es reicht nicht, nur die Emissionen zu senken – sie müssen so schnell wie möglich beendet werden. Selbst dann werden die schon entstandenen permanenten Schäden eine Herausforderung bleiben.

Manche werten die radikalen Änderungen im Verhalten der Menschen und die angewandten Methoden zur Eindämmung des Coronavirus als ein vielversprechendes Zeichen für unsere kollektive Fähigkeit, den Klimawandel anzugehen. Um es direkt zu sagen: Das ist leider Unsinn. Große Bevölkerungsanteile haben aufgehört, zur Arbeit zu fahren, Bars, Restaurants und Theater zu besuchen und um den Globus zu fliegen. Das Wirtschaftswachstum ist abgestürzt. Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren. Hunderttausende von Unternehmen haben für immer dicht gemacht. Menschen hungern. Und die Welt wird sehr viel ärmer. Es handelt sich also nicht um einen akzeptablen mit dem Leben zu vereinbarenden Weg, um die Erderwärmung zu bremsen.

Darüber hinaus hat all diese Verwüstung nur etwa 6 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart – zumindest in den USA nach einer Schätzung der Analysten von BloombergNEF. Weltweit sieht es ähnlich aus. Diese Verringerung der Verschmutzung kam zu einem hohen wirtschaftlichen Preis, irgendwo zwischen 2600 Euro und 4300 Euro pro Tonne CO2, nach früheren Schätzungen der Rhodium Group.

Damit diese Kürzungen überhaupt nachhaltig werden könnten, müssten sie Jahr um Jahr und zwar über Dekaden so bleiben. Nur dann würde die Erwärmung sich nicht weiter verschlimmern. Stattdessen aber wird die Wirtschaft sich erholen und Emissionswerte werden zu einem ähnlichen Stand wie 2019 zurückspringen. Es könnte kaum deutlicher sein, wie tief die Umweltzerstörung in unsere gesellschaftliche Funktionsstruktur eingebettet ist – und wie drastisch jeder Teil der Wirtschaft verändert werden müsste, um Emissionen substanziell und nachhaltig zu senken. Sie muss also gewandelt und nicht stillgelegt werden. Und das geschieht viel zu langsam.

Es sind fantastische Nachrichten, dass saubere Technologien günstiger und wettbewerbsfähiger werden. Trotzdem repräsentieren sie nur einen Bruchteil des heutigen Marktes: E-Fahrzeuge machen nur 3 Prozent der weltweit verkauften Neuwagen aus, während erneuerbarer Strom nur etwa einen Anteil von gut 10 Prozent des Weltmarkts einnimmt.

Währenddessen werden Industrien, die schwieriger grün umzuwandeln sind, kaum angerührt, etwa die Zement- und Stahlproduktion, der Schiffsverkehr, die Landwirtschaft und die Luftfahrt. Der "Netto"-Teil der nationalen und unternehmerischen Pläne zur Emissionsfreiheit beruht auf großen Anstrengungen hinsichtlich der CO2-Entfernung und des CO2-Ausgleichs, obwohl nicht einmal ansatzweise demonstriert werden konnte, wie das zuverlässig, kostengünstig, dauerhaft und in großem Maßstab möglich wäre. Vielmehr erwarten alle freudig, dass der freie Markt sich an umweltfreundlichen Produkten orientiert. Die hochmütigen Emissionsziele, die sich Nationen für Mitte des Jahrhunderts gesetzt haben, bedeuten für sich genommen wenig.