Analyse: Multiples Alarmversagen in der Flutkatastrophe

Wetterdienste warnten – und das kam nicht, zu spät und unverständlich bei vom Hochwasser bedrohten Menschen an. Die Gründe liegen in Technik und Politik.

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(Bild: Anastasiia Skorobogatova/Shutterstock.com)

Von
  • Nico Ernst

Das Wasser ist an den meisten Stellen abgeflossen, die Sommersonne bäckt den Schlamm zu Mörtel zusammen – aber die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei. Und auch wenn konkrete Hilfe vor Ort noch oberste Priorität hat, ist es genauso wichtig, schon jetzt die Frage nach der miserablen Alarmierung der betroffenen Gebiete zu stellen. Weil es schon am kommenden Wochenende wieder passieren kann. Diesmal sind die Wettervorhersagen für den Südwesten Bayerns Anlass zur Sorge.

Eine Analyse von Nico Ernst

Nico Ernst schreibt seit über 20 Jahren über IT-Themen und gelegentlich auch über Musik. Hardware, Wirtschaft und Netzpolitik sind seine bevorzugten Themen. Da er mit ZX81, C64 und Atari VCS aufwuchs kann er sich auch einem gelegentlichen Spiel noch immer nicht entziehen.

Dass nach aktuellem Stand mindestens 160 Tote durch die Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern zu beklagen sind, liegt ganz wesentlich an einer schlicht nicht funktionierenden Alarmkette. Die existiert zwar, arbeitete aber zu langsam und wurde stellenweise mehrfach unterbrochen. Öffentliche wie private Wetterdienste hatten schon am Wochenende vor der Flutwoche vor einer bedrohlichen Wetterlage mit bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter binnen weniger Stunden gewarnt. Ein ständig mit feuchter Luft gefüttertes Tief hatte sich über dem Westen Deutschlands festgesetzt und es war nicht klar, wann es wieder abziehen würde. In der Folge gab die Europäische Flutwarnbehörde EFAS bis zum 14. Juli über 25 Warnungen heraus.

Genau an dieser Stelle, Tage vor dem Hochwasser, hätte ein behördlicher, medialer und technischer Mechanismus nach erprobten Notfallplänen anspringen müssen. Bei extremem Starkregen ist es dann zwar für die meisten baulichen Maßnahmen zur Eindämmung der Fluten zu spät – aber es können Leben und etwas Hab und Gut gerettet werden, solange die bisher genutzten Warnwege noch funktionieren. Zeit ist der entscheidende Faktor: Bei 10 Minuten Vorwarnzeit ist es möglich, sich und die wichtigsten Dinge in obere Stockwerke oder höhere Lagen des Geländes zu bringen. Bei 30 Minuten kann man gegebenenfalls die Gefahrenzone per Fahrzeug verlassen. Und erst bei 2 bis 3 Stunden können alle Menschen von den Mitbürgern von Tür zu Tür erreicht, informiert und in Sicherheit gebracht werden.

Es ist noch nicht klar, an wie vielen Stellen Warnungen ignoriert, nur abgeschwächt weitergegeben oder nicht die richtigen Konsequenzen gezogen wurden. Tatsache ist aber, dass an den Tagen der Überschwemmungen, als es bereits heftig regnete, die Menschen in den Risikogebieten nicht sofort und flächendeckend informiert wurden – und zwar so, dass sie die Gefahr auch begreifen. "200 Liter Regen pro Quadratmeter" – damit können Meteorologen und Katastrophenschützer etwas anfangen. Sie müssen dann aber zum Beispiel den Menschen im Ahrtal sagen: Das kann zu einer Sturzflut quer durch die Orte führen, ihr müsst da weg!

Und dann muss diese übersetzte Botschaft auch ankommen. Dafür gibt es zu wenige Kommunikationswege, die zudem nicht zuverlässig funktionierten. Es geht darum, so viele Menschen wie möglich auf jede erdenkliche Weise zu erreichen. Am besten funktionierten hier noch die Warn-Apps wie NINA oder Katwarn. Radio und Fernsehen, privat wie öffentlich, reagierten großteils viel zu spät. Wer kommt denn schon auf die Idee bei einer bedrohlichen Wetterlage den ganzen Tag den Deutschlandfunk zu hören? Wenn Radio überhaupt noch genutzt wird und nicht ein Streaming-Dienst?

Der Deutschlandfunk war einer der schnellsten. Die Pop-Wellen der Anstalten werden aber am meisten gehört, das WDR-Hauptprogramm des Fernsehens hat zumindest nach einer amtlichen Warnung ein Laufband einzublenden und sobald wie möglich das Programm zu unterbrechen. Und natürlich muss es einen zuverlässigen Mechanismus geben, um die verbleibenden Sirenen anzuwerfen. Was dann zu tun ist, müssen die Bürgerinnen und Bürger aber auch vorher wissen. Katastrophenübungen müssen ab jetzt jedes Jahr durchgeführt werden.

Der Warntag 2020 hat gezeigt, dass das alles nicht klappt, passiert ist seitdem wenig. Nicht einmal alle der paar Sirenen, die von den einstmals 100.000 Geräten aus dem Kalten Krieg noch übrig sind, heulten auf. Warn-Apps wie NINA und Katwarn warnten nicht, oder gaben Entwarnung erst 24 Stunden später – bei einem geplanten Test der gesamten Infrastruktur. Wenn die dabei schon so versagt, wird sie im Ernstfall erst recht nicht funktionieren. Viel zu sehr verlässt man sich in Deutschland auf das ohnehin löchrige Mobilfunknetz, von dem die Warn-Apps abhängig sind.

Diese Apps sind für eine Alarmierung wichtig, ebenso wie das eigentlich per EU-Richtlinie verpflichtend einzuführende Cell Broadcast. Das ist ein ziemlich geniales System, das jedes Gerät in der Nähe eines Mobilfunksenders erreichen kann. Was es kann, und warum es gerade für Warnungen ideal ist, hat der Programmierer und Fernmeldetechniker Harald Welte ausführlich beschrieben. Cell Broadcast muss Deutschland Mitte 2022 aktiviert haben – der Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, erklärte am 20. Juli 2021 per Twitter, man arbeite an einer Machbarkeitsstudie. Offenbar ist in den letzten drei Jahren sonst nicht viel passiert, während unter anderem die Niederlande und Italien Cell Broadcast schon aktiviert haben.

Schusters Behörde ist im Übrigen vor allem beratend für den Katastrophenschutz zuständig – echte Befugnisse hat sie trotz des Namens nicht, sie ist für den Kriegsfall konzipiert worden. Die Hintergründe hat der Sprecher der AG KRITIS, Manuel Atug, im Heise-Interview erklärt. Zuständig sind einzelne Behörden der Bundesländer und eine Vielzahl privater und kommunaler Organisationen. Den sprichwörtlichen roten Knopf, der sie alle in Aktion setzt, gibt es auf Bundesebene nicht.

Das ist weiterhin politisch so gewollt, wie Horst Seehofer bei einem Besuch im Krisengebiet sichtlich genervt in die Kameras sagte – der Föderalismus muss unangetastet bleiben. Am 21. Juli 2021 sagte er dann in der Bundespressekonferenz: "Stellen Sie sich vor, wir sollen aus Berlin heraus eine Entscheidung für Ahrweiler treffen". Das ist eine der typischen Nebelkerzen, mit der deutsche Spitzenpolitiker immer häufiger um sich werfen. Natürlich weiß die Kommune vor Ort am ehesten, wo Hochwassergefahr besteht. Sie muss dann aber auch die Kompetenz haben, Alarm auszulösen. Und dafür die Rückendeckung von Fachleuten haben, die auch direkt greifbar sind.

Genau das, die klare Regelung von Verantwortung, fehlt in dem im März 2021 vom Innenministerium vorgelegten Papier zur "Stärkung des Bevölkerungsschutzes" vollständig. Auf einer ganzen Seite wird dort das Thema Warnung behandelt: Apps, digital ansteuerbare Sirenen, Cell Broadcast (natürlich nur zur Prüfung) und vage "Rundfunk und Telemedienbetreiber" werden genannt.

Da es Jahre dauern wird, bis da geprüft und vielleicht auch die Sirenen digitalisiert oder überhaupt wieder angeschraubt werden, ist Selbsthilfe gefragt. Von Bürgermeisterin bis Landrat sollten alle kommunal Verantwortlichen sich schlaumachen, welche Kompetenzen und Erkenntnisquellen sie für etwaige Naturkatastrophen haben. Sieht es damit mager aus, dann gilt es, diese Zustände vielleicht auch medienwirksam an die übergeordnete Stelle zu eskalieren. Das braucht Mut – ihre kommunale Wahlentscheidung sollten Bürgerinnen und Bürger auch danach ausrichten, wer diesen Mut aufbringt.

Daneben ist es sinnvoll, die von Mobilfunk, TV und Radio unabhängigen Kommunikationswege zu stärken. Dafür gibt es fast vergessene Mittel wie CB- und Amateurfunk. Ja, CB-Geräte die als Festinstallation mit einer meterlangen Antenne ein paar Dutzend Kilometer überbrücken, sind immer noch erhältlich, es braucht keine Lizenz oder Prüfung, anders als beim Amateurfunk. Aufstellen, einschalten und gucken, wen man erreicht, ist wirklich einfach. Ein CB-Gerät beherrscht in der Regel, weil fürs Fahrzeug vorgesehen, 12-Volt-Versorgung und läuft im Empfangsbetrieb schon mit einer kleinen Motorradbatterie eine Nacht. Mit eigenen Bastellösungen auch einen Tag.

Natürlich soll der örtliche Funk-Nerd nicht rund um die Uhr vor dem Gerät sitzen, es soll nur bei einer Bedrohungslage ständig empfangsbereit sein. Und ihm muss zugehört werden, wenn er dann im Wortsinne an die Türen klopft. Da, bei Anschaffung und Toleranz für die Antenne, gilt es solche engagierten Leute zu unterstützen. Gleiches gilt für Freifunk, LoRaWAN und andere unabhängige Infrastrukturen. Die Vernetzung von Bürgern samt Zugriff auf seriöse Informationsquellen ist eine echte Chance.

Wenn wir aus der bisherigen Corona-Krise ganz allgemein etwas gelernt haben sollten, dann ist es, dass nur ein Ansatz an mehreren Punkten und dem Sozialverhalten hilft, solche Krisen zu bewältigen. So wie bei Maske, Abstand, Impfung und Hygiene ist es auch bei der durch den Klimawandel ständig steigenden Gefahr von Naturkatastrophen nötig, jedes geeignete Mittel einzusetzen. Jedes. Ohne Warten auf den Staat. Auf geht's!

(nie)