Android Automotive OS: Lässt Google Autoherstellern noch eine Chance?

Google drängt mit Android Automotive OS auf die Mittelkonsole neuer Autos. Wie gut ist das System in der Praxis?

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  • Clemens Gleich
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Eigentlich eignet sich Android nicht besonders gut als Betriebssystem für die Telematikeinheit der Mittelkonsole, das Infotainment-System. Es bootet eine Ewigkeit, es kämpft mit Sicherheitsproblemen und der Hardware-Wildwuchs hat Google stets auf Zack gehalten. Doch die ersten aktuellen und künftig wahrscheinlich alle Autos setzen wie im Serverbereich auf Virtualisierung: Einzelne Komponenten laufen in ihrer jeweils eigenen virtuellen Maschine (VM), mit ihren jeweils eigenen Anforderungen für Sicherheit und Zuverlässigkeit. Ein sogenannter "Hypervisor" verwaltet die VMs, alle teilen sich eine gemeinsame, leistungsfähige Hardware. Um von dieser unabhängiger zu werden, setzt Google auf VirtIO als Standard. Und so wagt Alphabet den Einstieg in die Telematiksysteme, zuerst im Polestar 2, später bei PSA (Opel!) und GM.

Es hat aufgrund des hohen Interesses an diesem Fahrzeug etwas gedauert, aber jetzt konnten wir endlich den Polestar 2 mit Googles Infotainment-OS ausprobieren. Obwohl sich die Bedienung relevant von Smartphones unterscheidet, gibt es kaum Fragen. Android Automotive OS (AAOS) erklärt sich von selbst. Ganz unten gibt es einen Home-Softbutton, die Home-Anzeige sortiert die Anzeige auf Kacheln, alles recht klar. Die Latenz ist gering, die Animationen flüssig, und was dabei beachtlich ist: Polestar setzt keine besonders kräftige Hardware ein. 4 GByte RAM, 128 GByte Flash-ROM, Quadcore-SoC mit 2,4 GHz Maximaltakt und GPU, separater DSP, Radio, Kühlgebläse, viel mehr enthält das Kästchen unter/hinter dem TFT nicht. Die Leistung liegt auf dem Niveau eines günstigen Smartphones.

Umso bemerkenswerter, wie gut das flutscht. Der Polestar 2 gehört zu den angenehmsten Fahrerlebnissen, die es derzeit gibt. Nichts bimmelt, nichts nervt, und wenn der Fahrer sagt "Spiel mir ein bisschen Classic Rock von Spotify!", dann spielt der Assistent Classic Rock von Spotify. Einziger Wermutstropfen der überschaubaren Hardware-Leistung aus Nutzersicht: Es gibt keine Offline-Sprachverarbeitung. Da jedoch schon geringe Bandbreiten ausreichen, ist die Frage, wie sehr das Kunden angesichts fortschreitenden Netzausbaus stört. So oder so ein sehr starker Konkurrent, selbst für viele Hardware-seitig deutlich leistungsfähigere Mitbewerber.

Android Automotive OS im Polestar 2 (21 Bilder)

So kam das Auto an: große Radiosenderansicht, große Touch-taugliche Buttons.
(Bild: Clemens Gleich)

Google gibt schrittweise den Play Store für AAOS-Neuentwicklungen frei, teilweise überschneidend mit dem bekannten Android Auto unter dem Sammelnamen "Android for Cars" und mit Design-Richtlinien für ablenkungsarme Apps. Aktuell gibt es hauptsächlich Apps der Kategorie "Media": Software, die Audiodaten abspielt. Viele Radiosender haben ihre Streaming-Apps fertig, die Polestar-Fahrer also installieren können. Aktuell noch nicht freischaltbar, aber in der Entwicklungsphase: Navigations-Apps, Parkplatzsuche oder Ladesäulenfinder. Die App-Auswahl wird also zügig wachsen. Man stelle sich nur vor: "Calimoto" und "A Better Route Planner" integriert auf der Mittelkonsole! Das wird hart werden für Volkswagen, die ja eine deutsche Automotive-Alternative zum Play Store anbieten wollen.

Kaum ein Autohersteller wird sich fragen müssen, ob er das besser kann (die bittere Antwort dürften die meisten kennen). Es bleibt nur die Frage, ob Googles Angebot für den Fahrzeughersteller preislich passt. Vielleicht könnte Volkswagen mit Here Maps die günstigere Alternative anbieten, die somit etwas schlechter sein darf. Für mich lesen sich diese Zeilen ebenso bitter wie für Sie oder jeden anderen Autodeutschen. Fest steht: Es gibt aktuell kein mit Android vergleichbares Angebot, vor allem beim Thema App-Ökosystem. Und es ist unwahrscheinlich, dass Volkswagen eine solche Alternative zuwege bringt, wie es sich die Wolfsburg-Oberen wünschen.

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Android ist kein typisches Mittelkonsolen-Betriebssystem. Es braucht berüchtigt lange, um durchzubooten. Es ist notorisch unsicher. Und manches Latenzverhalten gibt es anderswo auch besser (man vergleiche einmal die Audio-Latenzen von Android mit iOS). Dem stehen die vielen Vorteile gegenüber, die das System zum führenden mobilen OS beförderten. Zum Glück neutralisiert schlaue Virtualisierung Androids Nachteile zu großen Teilen.