Antibiotika-Resistenz: Chronisch kranker Patient mit Viren-Behandlung geheilt

Ärzten gelang es nun, einen Patienten mit gedrosseltem Immunsystem erfolgreich mit Bakteriophagen gegen Antibiotika-resistente Bakterien zu behandeln.

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(Bild: Bukhta Yurii/Shutterstock.com)

Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Viren haben normalerweise einen schlechten Ruf. Kein Wunder, wenn viele von ihnen schwere Infektionen verursachen und sie auch für die aktuelle Pandemie verantwortlich sind. Doch eine besondere Gruppe könnte bei der Antibiotika-Krise Abhilfe schaffen. Sie hat das Potenzial, die Präzisionswaffe gegen sogenannte Superbugs zu werden, denen die besten Antibiotika nichts mehr anhaben können: Bakteriophagen oder kurz Phagen, die selektiv nur Bakterien befallen und töten.

Zwar hat es noch keine Therapie mit den Bakterienkillern zur Zulassung oder bis zu den fortgeschrittenen klinischen Studienphasen geschafft. Doch eine wachsende Zahl von Unternehmen arbeitet genau daran mit Hochdruck und erregt dabei die Aufmerksamkeit größerer Firmen. So erwarb etwa das deutsche Unternehmen Biontech, bisher als Impfstoffentwickler gegen COVID-19 und gegen Krebs bekannt, im Dezember des vergangenen Jahres das 2017 gegründete Wiener Start-up PhagoMed Pharma. 2020 bezifferte eine Marktstudie von Coherent Market Insights den globalen Marktwert von Phagentherapien auf etwa eine Milliarde Euro (1,15 Milliarden Dollar).

In besonders dringenden Einzelfällen, wenn kein Antibiotikum mehr hilft, dürfen Phagen mit einer Sondergenehmigung experimentell eingesetzt werden. So haben kürzlich Forscher um Jessica Little und Rebekah Dedrick vom Brigham and Women’s Hospital in Boston eine neue Fallstudie im Fachjournal "Nature Communications" vorgestellt, bei der Phagen erfolgreich gegen den multiresistenten Erreger Mycobacterium chelonae eingesetzt wurden.

Diese Keime wurden in immer wiederkehrenden, eiternden und schmerzhaften Hautknoten eines 56-jährigen Patienten gefunden, der neben einer chronischen Nierenerkrankung auch wegen einer autoimmunen Form von Arthritis behandelt wurde. Doch in diesem Fall half kein Antibiotikum, im Gegenteil, einige der insgesamt elf eingesetzten Mittel verursachten sogar Vergiftungen. Anfangs mussten die Bostoner Ärzte aus den immer größer werdenden Hautläsionen totes Gewebe entfernen. Später verursachte das resistente Bakterium auch schmerzhafte Abszesse. Die Uhr für eine wirksame Behandlung tickte, da Mycobacterium chelonae neben Hautproblemen auch Organschäden verursachen kann.

Multiresistente Erreger gehören der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge zu den zehn wichtigsten gesundheitlichen Bedrohungen weltweit. Sie bedrohen vor allem Menschen, deren Immunsystem durch Krankheiten geschwächt ist oder durch Therapien unterdrückt wird und verursachen bei ihnen Infektionen mit ernsten Komplikationen oder gar mit tödlichem Verlauf.

2019 ließen sich mehr als 1,2 Millionen Todesfälle direkt auf Infektionen mit vielfach resistenten Bakterien zurückführen, hieß es in einer Anfang dieses Jahr im Fachjournal "Lancet" veröffentlichten Studie. Bei 4,95 Millionen Todesfällen waren solche Bakterien zumindest mitverantwortlich. Die Entwicklung neuer, schlagkräftiger Antibiotika ist allerdings schwierig und langwierig. Große Hoffnungen ruhen deshalb auf ergänzenden Waffen wie eben den Phagen, denen die Keime nicht so leicht entkommen können.

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Im Fall des Bostoner Patienten entschlossen sich die Ärzte schließlich zu einer experimentellen Phagenbehandlung. Um den passenden Stamm zu finden, sequenzierten sie zunächst das Erbgut des Schadbakteriums und suchten in einer Gruppe von Phagen, die bereits gegen andere Mycobacterium-Stämme – inklusive gegen den Tuberkulose-Erreger Mycobacterium Tuberculosis – wirksam waren. Tatsächlich machte eine der Phagen namens Muddy in ersten Labortests auch Mycobacterium chenolae den Garaus.

Nachdem der Patient mehrere Tage zweimal täglich Infusionen mit Muddy erhalten hatte und die Ärzte parallel dazu auch die Antibiotika-Behandlung fortgesetzt hatten, verbesserten sich die Hautläsionen deutlich. Nach vorübergehenden Nebenwirkungen direkt nach den Behandlungen wie Hitzewallungen, Zittern und Übelkeit konnte der Patient drei Tage später entlassen werden. Er setzte die kombinierte Phagen- und Antibiotikatherapie mehrere Monate lang zuhause fort.

Wöchentliche Labortests zeigten stabile Werte für das Blutbild, die Leberfunktion und verschiedene Stoffwechselmarker. Zwei Hautbiopsien im Abstand von einigen Monaten fanden keine Spur von den Bakterien und auch keine Entzündungsmarker mehr. Zwar fanden die Ärzte in Bluttests neutralisierende Antikörper gegen die Phagen, trotzdem besserte sich der Status der Hautinfektion des Patienten weiter kontinuierlich. Neutralisierende Antikörper wurden auch bei anderen experimentellen Phagentherapien gefunden, das fiel allerdings nur einmal mit dem Versagen der Behandlung zusammen, schreiben die Autoren.

Sie sehen zwei mögliche Erklärungen dafür, dass sich die Beschwerden des Patienten trotz der Anti-Phagen-Antikörper verbesserten. Zum einen könnte die schnelle Wirkung der Phagen die Bakterienzahl so stark dezimiert haben, dass die zuvor unzureichenden Antibiotika nun eine Wirkung entfalten konnten. Oder die Phagen hatten es geschafft, sich in den Infektionsherden ausreichend zu vermehren und die Antikörper wurden nur gegen die regelmäßig neu verabreichten Phagen gebildet. Hier seien weitere Untersuchungen nötig.

Normalerweise bestehen Phagentherapien nicht nur aus einem Stamm, sondern einem Cocktail aus verschiedenen Bakterienkillern, damit sich resistente Keime nicht durchsetzen können. Diese Absicherung sei mangels weiterer geeigneter Kandidaten nicht möglich gewesen, schreiben die Autoren. Umso bedeutender ist es, dass die Behandlung mit nur einem Stamm so gut wirksam war und keine Resistenz gegen die Phagen beobachtet wurde.

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(vsz)