Apps für mehr Gesundheit

Das Interface-Design-Wunderkind Aza Raskin hat eine Firma gegründet, die mobile Software entwickelt, die uns gesünder leben lassen soll.

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  • Tom Simonite

Das Interface-Design-Wunderkind Aza Raskin hat eine Firma gegründet, die mobile Software entwickelt, die uns gesünder leben lassen soll.

Könnte eine mobile App Leben retten? Aza Raskin ist sich so sicher, dass er im letzten Jahr seinen Posten als Designchef für den populären Browser Firefox aufgab und in San Francisco das Start-up Massive Health gründete.

Während Smartphone-Spiele wie Angry Birds derzeit noch die App-Charts stürmen, versuchen junge Firmen wie die von Raskin, mobile Software zu entwickeln, die den Gesundheitsbereich umkrempeln sollen. Solche Apps versprechen etwas, was Ärzte oder Krankenhäuser kaum leisten können: Sie stehen stets mit dem Nutzer (und dem Netz) in Kontakt und können so eine dauerhafte personalisierte Vorsorge ermöglichen.

"Gesundheitsvorsorge findet zwischen den Arztbesuchen statt", sagt Raskin, der mit seinen gerade einmal 27 Jahren bereits zu den einflussreichsten Denkern im Bereich Interface Design im Silicon Valley gezählt wird. "Wir leben heute im Zeitalter ständig verfügbarer Internet-Zugänge, neuartiger Nutzerschnittstellen und Mobilgeräte in fast jeder Hosentasche." Massive Health sieht das alles als Substrat für Software, "die Verhalten ändern hilft".

Der Markt für Gesundheitsanwendungen im Smartphone-Bereich ist erst wenige Jahre alt. Den Marktforschern von IDC zufolge werden in diesem Jahr immerhin 14 Prozent der erwachsenen Amerikaner solche Apps einsetzen. Das Web-Statistik-Unternehmen Nielsen, das 5000 repräsentative Android-Nutzer regelmäßig abfragt, sieht derzeit die Gesundheits-App von WebMD als populärstes Angebot – sie liefern Medizinnachrichten für Endkunden. Instant Heart Rate, eine 99 Cent teure App, liegt auf Platz 2 – mit dieser ist es möglich, mittels Kamera den Puls zu erfassen. Platz 3 nimmt Epocrates ein, eine kostenlose Referenz-Anwendung für verschreibungspflichtige Medikamente.

Raskin glaubt allerdings nicht, dass Gesundheits-Apps bereits die Menschen erreichen, die am meisten von ihnen profitieren würden. Vieles falle noch unter den Bereich "Wellness", Apps, die beispielsweise Schlafmuster oder Fitness überwachten. Sie würden von Leuten genutzt, die sich sowieso schon mit der Optimierung ihres Körpers beschäftigten. "Menschen mit weniger gesundem Lebenswandel oder chronischen Krankheiten greifen noch kaum zu."

Er verrät jedoch noch nicht, was seine Firma genau plant. Die Massive-Health-App soll aber noch in diesem Jahr erscheinen. Zielgruppe sind diejenigen, die Raskin derzeit für "unterversorgt" hält. Gesundheitsvorsorge solle so zu einer Konstante im Leben der Menschen werden, nicht etwas, das nur bei Arztbesuchen zum Thema wird.

Apps, die gesundes Verhalten trainieren, könnten sich auch deshalb als wertvoll erweisen, weil die Bevölkerung in den westlichen Ländern schnell altert und es immer mehr chronische Krankheiten gibt, die aktiv gemanagt werden müssen. Bis 2020, so rechnet es jedenfalls der US-Versicherer UnitedHealth vor, könnten 52 Prozent der erwachsenen Amerikaner Diabetiker sein oder zumindest in einem Vorstadium. "Das ist erschreckend, weil unser Gesundheitssystem darauf einfach nicht vorbereitet ist", sagt Raskin. Mobile Apps könnten Diabetiker daran erinnern, ihren Blutzuckerspiegel zu überwachen, Diäten erleichtern und, in Raskins Worten, "eine Art Computerschnittstelle für unsere Körper" bieten.

Die zukünftigen Herausforderungen an das Gesundheitssystem sind der Grund, warum sich der Designer in diesem Bereich engagiert – nachdem er dabei half, einen Browser zu schaffen, der inzwischen von mehr als einer halben Milliarde Menschen genutzt wird. Gute Gesundheits-Apps seien eine echte Herausforderung. "Wer benötigt die meiste Hilfe? Das sind keine sozialen Photo-Sharing-Apps, das ist das Health-Segment." Gerade hier müsse viel passieren angesichts der sich verschlechternden Gesundheitssituation großer Teile der Bevölkerung. "Wir brauchen neue Werkzeuge, um dagegen vorzugehen." (bsc)