Armee-Einsatz zu Zeiten der Klimakrise: So will sich das Militär vorbereiten

Dass die Klimakrise eine Sicherheitskrise ist, bei der das Militär seine ganz eigenen Aufgaben und Interessen sieht, sickert langsam in die Armeen ein.

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2 Soldaten in Tarnkleidung hantieren mit technischen Geräten

(Bild: US Army)

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  • Hanns-J. Neubert

Die Klimaerwärmung hat bereits verheerende Auswirkungen auf Natur und Mensch. Doch damit nicht genug: Sie selbst schaukelt Konflikte auf, verursacht sie sogar. Es wird mehr Streit um Wasser geben, um Land, um Metalle, und auf absehbare Zeit auch weiterhin um Öl. Denn letzteres hält die weltweiten Militärmaschinerien am Laufen, die schätzungsweise für fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.

Wo es Konflikte gibt, ist das Militär nicht weit. Zukünftige Kriege üben Militärs heute schon mal mit Computerspielen. Dafür hat das Haager Zentrum für strategische Studien (HCSS) ein so genanntes seriöses Spiel für Militärexperten entwickelt. Es soll deren strategische Fähigkeiten und Entscheidungen angesichts von Cybersicherheit, hybrider Kriegsführung, Klimasicherheit, Wasser- und Ölknappheit, strategischer Kommunikation und Propaganda schulen.

Dass die Klimakrise eine Sicherheitskrise ist, bei der Militärs ihre ganz eigenen Aufgaben und Interessen sehen, sickert langsam in die Armeen ein.

Im Weißbuch der Bundeswehr von 2016, erstellt unter der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und seitdem nicht mehr aktualisiert, erschien der Klimawandel erstmals als sicherheitspolitisches Problem. Darin heißt es noch etwas moralisierend, dass Deutschland sich mehr für Gesellschaften einsetzen soll, die potenziell durch den Klimawandel gefährdet sind.

Erst seit zwei Jahren häufen sich plötzlich Publikationen und Veranstaltungen von Militär- und Sicherheitsstrategen, die sich Sorgen um die Einsatzbereitschaft und Reaktionsfähigkeit ihrer Truppen machen. Und auch darum, welche neuen Arten von militärischen Aufträgen eine heißere Welt mit sich bringen könnte, wie beispielsweise mehr Einsätze als Katastrophenhilfen.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2020 stellte erstmals eine Expertengruppe des Internationalen Militärrats für Klima und Sicherheit (IMCCS) den Weltklima- und Sicherheitsbericht vor, der inzwischen in einer aktualisierten Fassung vorliegt. Experten von Streitkräften aus 31 Ländern stellten darin ihre neuesten Erkenntnisse zu den Auswirkungen und Risiken des Klimawandels für die Sicherheitspolitik und die Streitkräfte zusammen, aufgeschlüsselt nach Weltregionen.

Der Bericht folgt allerdings der alten Logik des kalten Kriegs. Weder China noch Russland schrieben daran mit, arme Staaten sowieso nicht. So betont er auch vor allem die erneuerte Führungsrolle der USA und lotet aus, wie EU und der NATO darauf aufbauen könnten. Ein echter Weltbericht ist es also nicht.

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Im Dezember 2020 trat dann der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell mit einer so genannten Roadmap auf, einem Fahrplan für EU-Maßnahmen mit dem Titel "Auf dem Weg zu einer klimasicheren Sicherheits- und Verteidigungspolitik".

Im Kern will die Roadmap dazu anregen, das Klimabewusstsein von Offizieren zu verbessern. Auch Frühwarnsysteme und die strategische Vorausschau will die EU optimieren. Im Rahmen der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik Europas sollen vermehrt Klimawandel- und Umweltaspekte in Militärmissionen einbezogen werden.

Auch soll natürlich die militärische Ausrüstung unter extremen Wetterbedingungen effektiv funktionieren, der Energiebedarf der Streitkräfte soll sinken.

Zum Dritten hebt die Roadmap hervor, dass die EU in Bezug auf die Verbindung von Klimawandel und Verteidigung eine globale Führungsrolle einnehmen müsse und sich dafür bei den Vereinten Nationen, der NATO und in Partnerschaftsländern diplomatisch positionieren solle.

Im Juni vergangenen Jahres zog dann die NATO nach und stellte ihren eigenen Aktionsplan für Klimawandel und Sicherheit vor. Darin wirbt das Bündnis, dass überhaupt erst einmal das Bewusstsein über den Klimawandel bei den NATO-Alliierten und innerhalb der NATO-Strukturen zu stärken sei.

Als konkrete militärische Anpassung an den Klimawandel benennt der Aktionsplan zahlreiche Einzelaktionen, zu denen unter anderem Zivilschutz, Verteidigungsplanung und Katastrophenschutz zählen, aber auch die Klimawandeltauglichkeit der Abschreckungsfähigkeiten und der Reaktionsschnelligkeit.

Im selben Monat folgte das Europäische Parlament mit seiner eigenen Analyse mit dem umständlichen Titel "Die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik auf das durch den Klimawandel geschaffene neue Sicherheitsumfeld vorbereiten". Anders als die NATO-Studie gehen die Europaparlamentarier genauer auf die lokal oft sehr unterschiedlichen naturräumlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ein. Die Verteidigungspolitiker müssten ihre Kompetenzen deshalb in genau diesen kleinräumigen Bedingungen stärken, fordern sie.

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Neu ist, dass in diesem Papier auch die geopolitischen Konsequenzen einer zunehmend eisfreien Arktis berücksichtigt werden, vor allem die Sorge um Russlands Ansätze, die Arktis zu militarisieren.

Das Norwegische Institut für Außenpolitik vermeidet genau diese wieder an den kalten Krieg erinnernde Polarisierung. Dessen Studie "Klimawandel und Sicherheit in der Arktis" spricht lieber von Unfällen und Missverständnissen, und warnt davor, dass sich Staaten mit Hilfe von kommerziellen Unternehmen strategisch in der rechtlichen Grauzone der Arktis positionieren. Die Norweger setzen sich eher für robuste Mechanismen von Kooperation und Kommunikation im zivilen und kommerziellen Bereich ein, um die Überbetonung militärischer Ansätze in der Region zurückzudrängen.

Ob das gelingen kann ist angesichts der übermächtigen politischen Interessen der einzelnen Anrainerstaaten aber durchaus fraglich.

(jle)