Artenwanderung: Weltweiter Anstieg gebietsfremder Spezies

Bis 2050 könnte die Einwanderung fremder Pflanzen und Tiere weltweit deutlich zunehmen. Europa ist besonders stark betroffen, so ein neues Computermodell.

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Nicht immer sind Spezies auch dort, wo sie eigentlich hingehören.

(Bild: Photo by Johannes Plenio on Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

In der globalisierten Welt werden Grenzen leichter überwindbar. Das gilt auch für Tiere und Pflanzen. Das Frankfurter Senckenberg Forschungszentrum für Biodiversität und Klima prognostiziert einen starken Anstieg der Artenwanderung: In den nächsten 30 Jahren, bis Mitte des Jahrhunderts, sollten sogenannte gebietsfremde Arten – im Biologenjargon auch "alien species" genannt – um 36 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 zunehmen. Die Studie ist im Journal "Global Change Biology" erschienen.

Dr. Hanno Seebens verantwortete die Untersuchung, für die er mit einem internationalen Team ein Computermodell entwickelte, das basierend auf Daten der letzten Jahrzehnte die Artenwanderung bis 2050 voraussagen kann. Mit Blick auf die internationale Entwicklung habe dies bislang noch keine Studie geleistet, andere Untersuchungen konzentrierten sich auf einzelne Spezies oder Länder. Seebens und seine Kollegen stellten fest: Je nach Region gibt es große Unterschiede.

Die rasante Zunahme der Artenvielfalt gilt insbesondere für Europa. Hier rechnen die Forscher mit rund 2500 neuen, gebietsfremden Arten. Damit beträgt die relative Zunahme zum Vergleichsjahr 2005 ganze 64 Prozent. Allerdings heißt das nicht, dass bald die Elefanten los sind: Es handele sich hauptsächlich um Insekten, Weichtiere und Krebstiere, erklärt Sebens. "Im Gegensatz dazu wird es kaum neue, gebietsfremde Säugetierarten wie beispielsweise den bereits eingewanderten Waschbär geben."

Ko-Autor Dr. Franz Essl von der Universität Wien sagt außerdem, dass die Anzahl neuer, gebietsfremder Arten dieser ausgewählten Tiergruppen bis zur Mitte des Jahrhunderts in jeder Region der Erde deutlich zunehmen wird – "in den gemäßigten Breiten von Asien sogar um 117 Prozent". Neben Gliederfüßlern wird auch eine weltweit ansteigende Verbreitung von Vogel-Arten erwartet. Säugetiere und Fische werden eher heimisch bleiben.

Die wenigsten Übersiedler darf Australien erwarten. Allerdings gehört Down Under ohnehin schon zu den siebzehn, meist tropischen Ländern der Mega-Biodiversität, wie sie 1988 von der Naturschutzorganisation Conservation International bestimmt wurden. Deutschland hingegen ist ein relativ artenarmes Land. Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gibt es hierzulande etwa nur 3.062 Gefäßpflanzenarten. Zum Vergleich: Brasilien ist das pflanzenreichste Land mit etwa 56.000 Arten.

Die Arten gelangen per Schiff, Flugzeug und LKW in neue Territorien. Vermeidbar ist die Artenwanderung also nicht, wenn man den weltweiten Handel nicht erheblich einschränken würde. Seebens setzt auf strenge Regularien, die strikt umgesetzt werden müssen. "Der Nutzen entsprechender Maßnahmen ist durch Studien belegt. Gerade in Europa, wo die Regelungen noch vergleichsweise locker sind, gibt es noch viele Möglichkeiten, die Einbringung neuer Arten zu vermeiden."

2017 veröffentlichte das Fachmagazin "Science" eine Studie ("Biodiversity redistribution under climate change"), an der insgesamt 40 Forschungsinstitute beteiligt waren. Sie zeigte: Auch der Klimawandel führt zu Wanderungsbewegung zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Sie bewegen sich nord- und südwärts in Richtung der Pole. Die Erde erlebe zurzeit die größte Wanderungsbewegung von Arten seit 25.000 Jahren. Was die Veränderung für die jeweiligen Ökologien bedeutet, lässt sich nur schwer vorhersagen.

(bsc)