Asgardia: Was die erste Weltraumnation der menschlichen Geschichte schaffen will

Asgardia wurde vor dreieinhalb Jahren gegründet. Im Moment hat das Projekt mehr als eine Million Unterstützer. Doch was planen die Frauen und Männer?

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Der russische Unternehmer und Weltraumforscher Igor Ashurbeyli hat Asgardia gegründet und fungiert als Staatsoberhaupt.

(Bild: (C) Persönliche Website von I. R. Ashurbeyli)

Von
  • Wolfgang Stieler

Ist Asgardia ein Kult oder eine Sekte?

Die immer wieder erhobene Anschuldigung weist die Organisation entschieden zurück. Tatsächlich gibt es ein Element, das alle UFO-Kulte aufweisen und das bei Asgardia eindeutig fehlt: Der Glaube, mit außerirdischen Zivilisationen in Kontakt zu stehen. Solch eine Erzählung wird von Asgardia nicht vertreten. Auch ein selbsternannter Prophet oder spiritueller Führer tritt bei Asgardia nicht auf. Politisch steht die Organisation daher eher in einer Reihe mit selbst ernannten Mikro-Nationen oder libertären Projekten wie Seasteading, die einen nur von unternehmerischen Prinzipien geleiteten Freistaat auf einer Plattform in internationalen Gewässern gründen wollen.

Ist Asgardia ein echter Staat?

Ein Staat kann völkerrechtlich nur von anderen Staaten anerkannt werden. "Die Anerkennung eines Staates setzt voraus, dass dieser tatsächlich die Eigenschaften eines Staates im Sinne des Völkerrechts aufweist", schreibt das "Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten" in einer Informationsschrift zum Thema Anerkennung von Staaten. "Gemäß der herrschenden Drei-Elementen-Lehre bedarf es hierfür eines Staatsgebiets, eines Staatsvolks und einer Staatsgewalt (d.h. einer gegen außen und innen effektiven und unabhängigen Regierung als Ausdruck der staatlichen Souveränität)."

Sowohl die Punkte "Bevölkerung" als auch "Regierung" sind zumindest im Prinzip abgedeckt. Asgardia verfügt über eine Verfassung und hat 2018 die ersten Wahlen abgehalten. Kritiker werfen dem Asgardia-Gründer und "Staatsoberhaupt" Igor Ashurbeyli zwar vor, es sei eher eine konstitutionelle Monarchie als eine echte Demokratie. Formal ist die Organisation aber tatsächlich offen, demokratisch und selbstbestimmt: Jeder, der eine Gebühr von 100 Euro bezahlt, erhält den "Einwohnerstatus", ein "Ausweisdokument" und darf "am politischen Leben teilnehmen". Ob es sich bei dem neuen Staat um eine Demokratie handelt oder nicht, ist juristisch sowieso unerheblich.

Was das Staatsgebiet angeht, ist die Lage jedoch weniger eindeutig. Zwar hat Asgardia 2017 einen Mikro-Satelliten ins All gebracht, der eine SSD mit 512 GB Daten – Fotos und Botschaften von Asgardianern – enthält. Ob das genügt, um sozusagen symbolisch ein eigenes Staatsgebiet zu markieren, ist jedoch fraglich.

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Kann Asgardia denn ein Gebiet im Weltraum für sich beanspruchen?

Die Frage ist juristisch nicht endgültig geklärt. Eigentlich gilt der sogenannte Weltraumvertrag – offiziell "Vertrag über die Grundsätze zur Regelung der Tätigkeiten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums" – auch als "Outer Space Treaty" bekannt. Dieser Vertrag behandelt das Weltall analog zur Hochsee auf der Erde.

TR 5/2021

Das Ziel des 1967 beschlossenen Vertrages war die Verhinderung einer Militarisierung des Weltalls durch die Errichtung von Militärbasen oder die Stationierung von Waffen. Laut dem Vertrag dienen Weltraummissionen deshalb der "gesamten Menschheit". Der "Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper" darf laut dem Vertrag nicht okkupiert oder besetzt werden. Zudem ist jede Nation formal juristisch auch für Objekte verantwortlich, die sie ins All schickt. Der Asgardia-Satellit unterliegt also US-Recht.

Ob sich aus all dem jedoch ergibt, dass im Weltall und auf Himmelskörpern kein Privateigentum erworben werden kann, ist unter Juristen umstritten. Die US-Regierung beschloss 2015 den "Commercial Space Launch Competitiveness Act". Das Gesetz erlaubt es US-Staatsbürgern ausdrücklich, Ressourcen im Weltall "kommerziell zu nutzen". In weiteren Staaten wie Russland, China, Japan und Luxemburg werden ähnliche Gesetze diskutiert.

Ist Asgardia die einzige private Organisation, die sich für die Besiedlung des Weltraums einsetzt?

Nein. Asgardia ist zwar die einzige Organisation, die eine Kolonie auf einer Raumstation errichten will. Die Erkundung und Besiedlung weiterer Planeten wird aber auch von mindestens zwei anderen, großen, internationalen Organisationen unterstützt: Der Planetary Society und der Mars Society.

Die Planetary Society wurde 1980 von dem amerikanischen Astronomen Carl Sagan, dem Planetologen Bruce Murray und dem Raumfahrtingenieur Louis Friedman gegründet. Sie arbeitet zwar nicht direkt an Plänen für außerirdische Kolonien, finanziert aber die Entwicklung neuartiger Raumfahrt-Technologien wie zum Beispiel Sonnensegeln als Antrieb und betreibt Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zur Unterstützung von Raumfahrtaktivitäten. Die 1998 gegründete Nichtregierungsorganisation Mars Society setzt sich für eine Erforschung und Besiedlung des Mars ein. Dazu betreibt die Organisation auch eigene Forschungsprojekte.

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(bsc)