Assistierte Radtour: Selbstlenkendes E-Bike im Test

Die TU Delft entwickelt einen elektronischen Lenkassistenten fürs E-Bike, der älteren Menschen helfen soll, so lange wie möglich sicher Fahrrad zu fahren.

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Der Prototyp des selbstlenkenden Fahrrads ist noch etwas klobig.

(Bild: TU Delft)

Von
  • Hans Dorsch

Ich trete in die Pedale und bin, dank elektrischer Unterstützung, schnell bei knapp 20 km/h. Beim Anfahren ruckelt der Lenker etwas, aber nicht unangenehm. Jetzt abbremsen und auf einem schmalen Weg wenden: Ich fasse den Lenker locker, lehne mich in die Kurve, zirkle in kleinen Kreisen hin und her – und überlasse dem Fahrrad dabei die Lenkarbeit. Genauer gesagt, kleinen Motoren in einem dicken Rohr unter dem Lenker.

Den Prototyp dieses Lenkassistenten hat das Bicycle Lab der TU Delft schon 2019 entwickelt. Er ist noch etwas klobig. "Wir haben auch ein neueres Modell, das eleganter aussieht", sagt Projektleiterin Leila Alizadehsaravi. "Aber das können wir noch nicht zeigen." Unterstützt wird die Forschung von Partnern wie Gazelle und Bosch.

Dieser Text stammt aus: Technology Review 3/2022

(Bild: 

Technology Review 3/2022 im heise shop

)

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Vom Fahrgefühl her ist die Lenkhilfe ziemlich unauffällig. Ich habe erst mal nicht das Gefühl, sie sei unbedingt nötig. Dann fahre ich die gleiche Runde ohne Unterstützung und merke: Jetzt muss ich doch konzentrierter lenken.

Aber was macht das System da eigentlich? Vereinfacht ausgedrückt: Es lenkt in den Sturz hinein. Ein Sensor für Lage und Beschleunigung erkennt, dass sich das Rad zu einer Seite neigt, und lenkt das Vorderrad automatisch zu dieser Seite. Dadurch richtet sich das Rad wieder auf.

Tatsächlich ist die Dynamik des Fahrradfahrens äußerst komplex, erklärt Jason K. Moore, der Leiter des Bicycle Lab. Sein Vorgänger Arend Schwab hatte dafür ein Computermodell entwickelt, das nun eine Grundlage für das Assistenzsystem ist.

Auf der Straße hinter dem Institut fahre ich schneller und mache ein paar ruckartige Lenkbewegungen – der Assistent lenkt dagegen. Ich werde übermütig und mache einen flotten U-Turn. Es ruckelt im Lenker, und ich durchfahre locker eine enge Kurve. "Mit dem Nachfolger lässt sich sogar bei Schritttempo freihändig fahren", erklärt Leila Alizadehsaravi. "Ohne Assistenz ist das sehr schwer."

In ihrer Doktorarbeit hat sie die biomechanischen und neurophysiologischen Aspekte der Gleichgewichtskontrolle bei älteren Menschen untersucht. Etwa mit 55 Jahren lassen die motorischen und kognitiven Fähigkeiten nach, hat sie dabei herausgefunden.

Die Menschen wollen aber weiterhin Rad fahren und kaufen deshalb E-Bikes, die schneller, schwerer und entsprechend schwieriger zu kontrollieren sind. Der Fahrassistent soll dem Gehirn die Arbeit des Lenkens abnehmen und ihm so Raum geben, die Umgebung aufmerksamer wahrzunehmen.

Für Jason Moore ist das System ein Baustein einer gesünderen, umweltfreundlicheren Gesellschaft. "Wenn das E-Bike und der Lenkassistent die Menschen dazu bringen können, aufs Auto zu verzichten, sollten wir diese Technologie weiter vorantreiben."

Hans Dorsch fährt seit seinem fünften Lebensjahr praktisch täglich Fahrrad. Leider neigt er, ähnlich wie Fünfjährige, zur plötzlichen Unaufmerksamkeit, weshalb ein Assistenzsystem auch für ihn ein Sicherheitsgewinn wäre.

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(jle)