Atommüll: Das Versteck

In Finnland entsteht gerade das weltweit erste Endlager für hochradioaktiven Müll. Der englische Autor Robert Macfarlane hat es besucht.

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(Bild: Posiva Oy)

Von
  • Robert Macfarlane
Inhaltsverzeichnis

Tief im Felsgestein der Insel Olkiluoto im Südwesten Finnlands wird gerade ein Grab gebaut. Es soll nicht nur die Menschen überleben, die es sich ausgedacht haben, sondern die gesamte Spezies. Es soll ohne weitere Pflege die nächsten 100000 Jahre unversehrt überstehen und selbst eine kommende Eiszeit überdauern. Vor 10000 Jahren flossen drei große Flusssysteme durch die Sahara. Vor 100000 Jahren begann der anatomisch moderne Mensch seinen Auszug aus Afrika. Die älteste Pyramide ist circa 4600 Jahre alt, die älteste noch stehende Kirche keine 2000 Jahre.

Dieses finnische Grab ist mit Sicherungshüllen umschlossen, deren Standards ihresgleichen suchen: sicherer als die Grüfte der Pharaonen, sicherer als jedes Hochsicherheitsgefängnis. Was hier begraben liegt, so hofft man, wird sein Grab niemals verlassen, es sei denn durch die Bewegung der Erde selbst.

Das Grab ist ein Experiment in posthumaner Architektur, es heißt Onkalo, die finnische Bezeichnung für "Höhle" oder "Versteck". In Onkalo sollen hochradioaktive Abfälle versteckt werden, die vielleicht dunkelste Materie, die der Mensch je produziert hat.

Seit der Mensch Atommüll produziert, versucht er her- aus­zufinden, wie man ihn entsorgen kann. Uran entstand vor 6,6 Milliarden Jahren bei Supernova-Explosionen und ist Teil des Weltraumstaubs, aus dem unser Planet besteht. Es kommt in der Erdkruste ebenso häufig vor wie Zinn oder Wolfram und lagert in den Felsen, auf denen wir leben. In langwierigen, kostspieligen, wundersamen, gefährlichen Versuchen hat der Mensch herausgefunden, wie sich Uran in Energie umwandeln lässt. Wir wissen, wie wir mit Uran Strom erzeugen und Tod bringen können, aber wir wissen immer noch nicht, wie wir es ent­sorgen sollen, wenn es sein Werk getan hat. Über eine Viertelmillion Tonnen hochradioaktiver Abfälle warten derzeit schätzungsweise weltweit auf ihre Endlagerung, wobei jährlich circa 12000 Tonnen hinzukommen.

Uran wird in Erzminen in Kanada, Russland, Australien, ­Kasachstan und bald vielleicht auch im Süden Grönlands ­abgebaut. Das Erz wird gebrochen und zermahlen, dann das Uran mit Säure herausgelöst, in Gas umgewandelt, angereichert und zuletzt wieder verfestigt zu Pellets geformt. Ein einzelnes Pellet mit angereichertem Uran, einen Zentimeter im Durchmesser, einen Zentimeter lang, setzt ungefähr die gleiche ­Menge Energie frei wie eine Tonne Kohle. Die Pellets werden in glänzende Brennstäbe verpackt, die meist aus einer Zirconium-Legierung bestehen und gut gebündelt tausendfach in den ­Reaktorkern eingesetzt werden, wo schließlich die Kernspaltung ausgelöst wird. Bei der Kernspaltung entsteht Wärme, die Dampf in eine Turbine drückt, deren Welle einen Stromgenerator antreibt.

Erreicht die Kernspaltung den Punkt, an dem sie langsam und damit ineffizient geworden ist, müssen die Brennstäbe ausgetauscht werden. Sie sind aber immer noch extrem heiß und tödlich radioaktiv. Das unbeständige Uranoxid strahlt weiterhin Alpha- und Betateilchen und Gammawellen ab. Stünde man neben einem unbedeckten Bündel Brennstäbe, das gerade aus dem Reaktorkern kommt, würde die Radioaktivität in den Körper eindringen, die Zellen zerstören und die DNS schädigen. Vermutlich würde man binnen weniger Stunden unter Bluten und Erbrechen sterben.

Deshalb werden die verbrauchten Brennstäbe, von Wasser oder einer anderen Flüssigkeit abgeschirmt, maschinell aus dem Reaktor geholt und zunächst meist für einige Jahre in tiefen unterirdischen Becken gelagert, bevor sie zur Wiederaufbereitung oder Endlagerung in Castoren weitertransportiert werden. In den Becken saugt das Wasser geduldig den Partikelregen aus den Brennstäben auf. Weil dieser Regen das Wasser erwärmt, muss es permanent zirkulieren und gekühlt werden, damit es nicht verdampft und die Brennstäbe freilegt, was eine Katas­trophe zur Folge hätte.

Doch selbst nach Jahrzehnten sind die Brennstäbe immer noch heiß, giftig und radioaktiv. Es gibt nur einen Weg, wie sie der Biosphäre keinen Schaden mehr zufügen können: den langfristigen natürlichen Zerfall. Bei hochradioaktiven Abfällen kann das Zehntausende Jahre dauern, in denen die abgebrannten Brennstoffe sicher gelagert werden müssen, ohne Kontakt zur Luft, zur Sonne, zu Trinkwasser, zu Leben.

Die beste bislang bekannte Lösung besteht darin, die Abfälle zu vergraben. Die zu diesem Zweck gebauten Grabstätten werden auch geologische Tiefenlager genannt und sind die ­Cloaca Maxima – die große Kanalisation – unserer Spezies. In die Tiefenlager der unteren und mittleren Stufe kommen leicht radioaktive Materialien, die als Nebenprodukte von Atomkraft und Atomwaffen abfallen: Dinge, die nur für einige Jahre schädlich sind, Kleidung, Werkzeuge, Filtereinsätze, Reißver­schlüsse oder Knöpfe. Sie werden in Fässer gelegt und dann in den unterirdischen Silos von Lagern überall auf der Welt versenkt. Jede neue Schicht wird mit Beton ummantelt, damit die nächste ­darübergelegt werden kann. Die Waste Isolation Pilot Plant ­(Pilotanlage zur Endlagerung von Abfällen), kurz WIPP – ein Endlager der mittleren Stufe, das in einer Salzformation in New Mexico gebaut wurde –, soll 800000 Trommeln aus Weichstahl mit einem Fassungsvermögen von je 208 Litern aufnehmen können. Sie enthalten die transuranischen Abfälle aus militärischer Produktion, darunter radioaktive Späne, die bei der Herstellung von Atomsprengköpfen angefallen sind. Die Trommelkammern der WIPP werden mit der Zeit als hochorganisierte akkurate Schichten neben dem Felsgestein aufragen – ein weiteres Taxon künftiger Fossilien aus dem Anthropozän.

Die gefährlichsten Abfälle indes – die giftigen, radioaktiven Brennstäbe aus den Reaktoren – brauchen ein noch sichereres Grab und eine spezielle Bestattung. Bislang gab es nur wenige Versuche, Endlager für solche hochradioaktiven Abfälle zu ­bauen. In Belgien wurde ein unterirdisches Testgelände eingerichtet, um Möglichkeiten künftiger Endlagerung zu erforschen, das den Namen HADES trägt. In den USA hat man versucht, im Yucca Mountain, einem erloschenen Supervulkan in der Wüste von Nevada, ein Endlager zu errichten, doch nach jahrelangen Streitereien und Protesten wurde der Bau gestoppt, sodass die in den Ignimbrit gegrabenen Höhlen derzeit leer ­stehen. Ein Grund für den Stopp des Projekts ist die Nähe des Yucca Mountain zu einem 270 Meter breiten Erdbebengebiet, der Sundance-Störung, die ihrerseits von der noch tieferen Ghost-Dance-Verwerfung unterwandert wird. Sollte der ­Yucca Mountain jemals in voller Kapazität befüllt werden, enthielte er laut John D'Agata "radioaktiven Abfall, der zwei Millionen Atomsprengungen entspräche und damit sieben Milliarden ­Dosen tödlicher Strahlung". Damit könnte jeder Mensch auf der Erde 350-mal getötet werden.

Das bei Weitem fortschrittlichste Endlager ist Onkalo, das Versteck, das in 450 Metern Tiefe in 1,9 Milliarden Jahre altem Gestein an der Küste der finnischen Bottensee liegt. Wenn die Grabkammern von Onkalo mit dem Abfall der drei Kraft­werke von Olkiluoto gefüllt sein werden, liegen hier 6500 Tonnen ­abgebranntes Uran.

So endet die Welt, so endet die Welt, so endet die Welt – nicht mit einem Knall, sondern mit einem Besucherzentrum. "Herzlich willkommen auf Olkiluoto", sagt Pasi Tuohimaa. "Sie ­haben es geschafft!" Ich bin im Winter nach dem Sommer der großen Schmelze und dem Herbst der Gletschermühle nach Onkalo gekommen.

Der Empfangsbereich ist sauber und gut ausgestattet. Es gibt drei frei stehende Garderobenschränke, die mit hochauflösenden Bildern von Waldpanoramen verziert sind. Auf der Toi­lette wird man nicht mit Musik berieselt, sondern mit Vogelgesang. Die Besucher pinkeln zum Ruf von Spechtmeisen, vielleicht auch Waldbaumläufern.

Pasi geht mit mir nach draußen. Hinter dem Empfangs­bereich beginnt ein Bohlenweg, der über einige Stufen hinab zur Salzmarsch führt. Schilf sprödet im Wind. Das Meer ist gefroren, gelbe Eisplatten stapeln sich unter den Rohrkolben. In der Bucht verweht der Sturm die Konturen dreier Atomkraftwerke. Das dritte und am weitesten entfernte ähnelt einer Moschee: eine Kuppel aus Terrakotta, von der ein Minarett aufsteigt.