Auf dem Weg zu den "Web-Wissenschaften"

Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, will das Netz sozialer machen. Dazu plant er die Einführung eines ganz neuen Forschungszweiges.

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  • Brittany Sauser

"Die heutige Simplizität des Netzes bildet seine soziale Komplexität nicht ab", findet Tim Berners-Lee. Der Vater des World Wide Web will der heutigen Technik daher eine neue Schicht hinzufügen: Von einem Ort, an dem Informationen nur angezeigt werden, solle sich das Web zu einem System entwickeln, wo sie auch interpretiert, ausgetauscht und verarbeitet werden können. "Die Menschen sollen mit dem Web besser interagieren können", so der Erfinder.

Die Ursprungsidee des Web sei immer eine soziale gewesen. "Aber wir haben eine mikroskopisch kleine Infrastruktur entwickelt, bei der die kleinen Dinge nicht ausreichen, um die großen zu verstehen", sagte Berners-Lee auf einer Veranstaltung der "Web Science Research"-Initiative (WSRI), die neue Werkzeuge für das Web herstellen und ihre Einsatzmöglichkeiten prüfen soll. "Wir sind in der Pflicht, all das Schöne und Wunderbare grundlegend zu verstehen, was wir da produziert haben, und es dann besser zu machen", so der Direktor des World Wide Web Consortium (W3C).

Berners-Lee, der auch am MIT im "Computer Science and Artificial Intelligence Lab" (CSAIL) forscht und Professor an der University of Southampton ist, will dazu einen neuen Lehrplan für "Web-Wissenschaften" an beiden Universitäten schaffen. "Die WSR-Initiative will das Web und seine wissenschaftlichen Grundlagen besser verstehen und dann herausfinden, was gemacht werden kann, um es zu verbessern", erklärt Rodney Brooks, einer von fünf Vorständen des Projektes und Direktor am CSAIL.

Die WSR-Initative will nicht nur in der Informatik tätig werden, sondern auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie Biologie und Soziologie. Auf der WSRI-Website werden Wissenschaftler dazu ermuntert, eine Agenda zur Erforschung des aktuellen, sich entwickelnden und zukünftigen Web zu entwickeln.

Teil des Programms ist eine Zusammenarbeit von Doktoranden aus verschiedenen Disziplinen, die an Forschungsprojekten in den neuen "Web-Wissenschaften" arbeiten sollen. Dazu will die WSRI bestehende Lehrpläne verändern. In einigen Jahren könnte daraus sogar ein neuer Bachelor-Studiengang werden, hofft die Initiative.

"Da kommt eine ganz neue Welle von Technologien auf uns zu, die beeinflussen werden, wie wir unser Leben führen. Da werden Dinge passieren, die wir heute noch gar nicht vorhersagen können", meint Wendy Hall von der University of Southampton.

Die WSR-Initiative ist eng an das so genannte "Semantic Web"-Projekt angelehnt, das beim W3C von Berners-Lee geleitet wird. Derzeit können die Informationen auf einer Web-Seite von Computern nicht besonders leicht interpretiert werden, weil ihr enthaltener Code nur besagt, wie die Seite dargestellt werden soll. Semantik, also eine Bedeutungslehre, enthalten die Angebote kaum. Aktivisten des "Semantic Web" wollen ein System, dassden online erhältlichen Daten mehr Informationen zu ihrer Interpretierbarkeit beistellt. So ließen sich dann Verbindungen zu anderen Daten im ganzen Web lherstellen. Berners-Lee glaubt, dass die neuen "Web-Wissenschaften" hier wichtige Puzzle-Steine liefern könnten.

"Wir schauen uns dieses riesige, komplexe System an und versuchen zu verstehen, ob es möglich ist, die darunter liegende Infrastruktur, die ja von Menschen gemacht wurde, zu verändern", meint Berners-Lee. Wenn man dazu einen ganz neuen Forschungsbereich starte, sei es auch möglich, ganz neue Fragen zu stellen. (wst)