Augmented Identity

Eine schwedische Software-Firma kombiniert Gesichtserkennung, Augmented Reality und soziale Netze zu einem neuen Dienst: "Recognizr" sagt, wer im Café neben einem sitzt.

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  • Erika Jonietz

Eine schwedische Software-Firma kombiniert Gesichtserkennung, Augmented Reality und soziale Netze zu einem neuen Dienst: "Recognizr" sagt, wer im Café neben einem sitzt.

Die schöne neue Welt der Überwachung ist um eine Variante reicher - mit einem neuen Werkzeug für die vielen privaten „Little Brothers“: Die schwedische Software-Firma The Astonishing Tribe (TAT) hat eine Handy-Anwendung entwickelt, die Informationen über fremde Menschen anzeigt, wenn man mit der Smartphone-Kamera auf sie zielt. Das System kombiniert Technologien des Cloud Computing, der Gesichtserkennung, sozialer Netze und erweiterter Realität (Augmented Reality).

„Dies ist eine neue Stufe von sozialem Netzwerken“, sagt Dan Gärdenfors, Leiter der Forschungsgruppe User Experience bei TAT. „Wir fanden, dass eine Kombination aus dem Kennenlernen neuer Menschen in der realen Welt mit dem Kennenlernen im Internet ziemlich interessant sein könnte.“

Die aktuell verfügbare Prototypversion namens „Recognizr“ läuft bislang auf Handys mit dem Mobil-Betriebssystem Android und einer 5-Megapixel-Kamera. Wenn ein Nutzer die Anwendung öffnet und die Kamera auf den Tischnachbarn im Café richtet, tritt eine Software der schwedischen Firma Polar Rose in Aktion. Sie erkennt das Gesicht der Person und erstellt aus deren Gesichtszügen und einem ad hoc konstruierten 3D-Modell eine Identitätssignatur.

Diese Signatur wird dann an einen Server übermittelt und mit anderen in einer Datenbank gespeicherten verglichen. Gibt es einen Treffer, werden Name und Profil samt Twitter- oder Facebook-Daten zurückgeschickt – vorausgesetzt, dass die betreffende Person dies auch erlaubt hat. Um das Ergebnis im Handy anzuzeigen, berücksichtigt die Software von Polar Rose sogar die Kopfhaltung der Person: Die Informationen werden so eingeblendet, dass das Gesicht nicht verdeckt wird.

„Dieser Ansatz der Gesichtserkennung ist ziemlich solide und viel, viel besser als die, die ich vorher gesehen habe“, ist Andrew Till, Marketing-Verantwortlicher der britischen Softwareberatung Teleca, voll des Lobes. Gesichtserkennung auf Bilder in sozialen Netzwerken anzuwenden, eröffne interessante neue Möglichkeiten. „Mit solchen kreativen Ansätzen werden viele Dienste auf sehr nützliche Weise zusammengebracht, sowohl für den privaten Gebrauch als auch fürs Geschäft.“

Die Polar-Rose-Software laufe auf iPhones von Apple sowie auf Handys, die mit Googles Betriebssystem Android arbeiten, sagt Jan Erik Solem, Gründer und Technikchef der Firma. Die Anwendung, die man in Anlehnung an den Begriff Augmented Reality „Augmented Identity“ nennen könnte, nutzt die verteilte Rechenkraft des Cloud Computing, um die Gesichtserkennung vorzunehmen. Dies soll nicht nur den Rechenvorgang beschleunigen, sondern löst vor allem das Problem, dass auf dem Handy eines Nutzers nie genügend Bilddaten für den Abgleich zur Verfügung stehen könnten.

Augmented Reality (AR), das Überblenden von Informationen auf Live-Bilder, wird bereits seit den neunziger Jahren vorangetrieben. Bis vor kurzem benötigte man dafür aber ein umständliches Brillen-Headset und einen Laptop. Dank der leistungsfähigen Sensoren, Kameras und Prozessoren, die inzwischen serienmäßig in Mobiltelefone eingebaut werden, haben es erste AR-Anwendungen im vergangenen Jahr aber in den Mainstream geschafft. Einige nutzen etwa ins Handy integrierte GPS-Systeme und Kompasse für eine genaue Ortsbestimmung aus. Beispiele sind die iPhone-Anwendungen Metro Paris von PresseLite oder Nearest Tube von Acrossair, die mit Einblendungen ins Kamerabild den Weg zum nächsten U-Bahnhof weisen.

TAT-Mann Dan Gärdenfors findet diese Anwendungen aber noch "recht grobschlächtig". Oft verdeckten die Infoblöcke Objekte im Bild, und manchmal stünden keine passenden Positionsdaten zur Verfügung. AR-Dienste könnten besser werden, wenn sie mehr auf Bilderkennung setzen würden. „Das funktioniert dann auch für ganz andere Objekte, da wird schon bald mehr kommen“, ist sich Gärdenfors sicher.

Allerdings seien Dienste etwa für Gebäude nicht so leicht umzusetzen wie die Augmented-Identity- Anwendung. „Wenn es um Gesichtserkennung geht, weiß man schließlich, wonach man sucht. Bei anderen Objekten könnte es schwieriger werden, das richtige Bildelement zu identifizieren.“

Gärdenfors betont, dass man sich von Anfang Gedanken darüber gemacht habe, welche Auswirkungen Augmented Identity auf die Privatsphäre haben könnte. „Gesichtserkennung hat auch etwas Unheimliches, und man könnte sie für ganz andere Zwecke nutzen“, räumt er ein. Deshalb habe man den Recognizr-Dienst mit einem Opt-in aufgesetzt: Nutzer müssen Bild sowie Profildaten selbst hochladen und freigeben. „Sie sollten mit Recognizr nur Leute identifizieren können, die sich dafür angemeldet haben.“

Bereits im Sommer 2009 hatte TAT das Konzept in einem Youtube-Video vorgestellt – und damit eine Menge Interesse geweckt. Laut Gärdenfors teste man Ideen häufig auf diese Weise, um herauszufinden, ob sich eine weitere Entwicklung überhaupt lohnt. Auf dem Mobile World Congress vergangene Woche in Barcelona gab es dann ein viel beachtetes Live-Demo. „In den nächsten paar Monaten werden wir uns mit weiteren Firmen zusammentun, um daraus ein fertiges Produkt zu entwickeln“, kündigt Gärdenfors an. Dafür müssten zwar noch ein Gerätehersteller, ein Mobilfunkbetreiber und ein Social-Networking-Dienst mit ins Boot geholt werden. Die Technologie selbst, versichert Gärdenfors, sei aber schon so weit, dass eine kommerzielle Anwendung innerhalb von zwei Monaten machbar wäre. (nbo)