Augmented-Reality-Brille hilft bei schweren Sehschäden

Als blind geltende Menschen sind selten völlig blind. Eine neuartige Brille soll ihnen dabei helfen, Personen und Objekte in ihrer Umgebung besser zu erkennen.

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Von
  • Rachel Metz

Als blind geltende Menschen sind selten völlig blind. Eine neuartige Brille soll ihnen dabei helfen, Personen und Objekte in ihrer Umgebung besser zu erkennen.

Wenn man durch die Augmented-Reality-Brille von Stephen Hicks schaut, sieht man eine Cartoon-artige Schwarzweiß-Welt – fast könnte man glauben, in eine Pop-Art-Installation in einer Galerie in Brooklyn geraten zu sein. Tatsächlich aber soll die Brille Menschen mit starken Augenschäden dabei helfen, besser zu sehen.

Hicks forscht an der University of Oxford in den Bereichen Neurowissenschaft und visuelle Prothesen. Außerdem ist er Mitgründer von VA-ST, einem Spin-Off der Universität, das die mit Sensoren und Software ausgestattete Brille entwickelt. Sie hebt die Umrisse von Personen und Objekten in der Nähe des Trägers hervor und vereinfacht ihre Erscheinung. Dafür gibt es vier unterschiedliche Betriebsarten. Sie zeigen die Welt mit unterschiedlichem Detail- und Vereinfachungsgrad in Schwarz, Weiß und Grau; in einem Farbmodus können Objekte näher herangezoomt oder als Standbild angezeigt werden.

Die meisten Menschen, die rechtlich als blind gelten, haben immer noch einen Rest Sehfähigkeit. Sie sind aber häufig nicht in der Lage, Gesichter und Hindernisse zu erkennen, vor allem bei schlechtem Licht. Mit seinem Gerät namens Smart Specs will Hicks ihnen helfen, sich in ihrer Umgebung besser zurechtzufinden. "Es hilft dabei, Dinge in der Nähe zu erkennen, und stellt sie sehr deutlich heraus", sagt er.

Im Juni hat VA-ST in Großbritannien eine Studie begonnen, bei der 300 Menschen mit Augenproblemen wie Makuladegeneration, Glaukomen oder Retinitis Pigmentosa jeweils vier Wochen lang Prototypen der Brille sowie des dazugehörigen Controller-Kästchens bekommen. Weil die Steuerung aufzeichnet, welche Einstellungen die Probanden wann nutzen, und weil sie außerdem auch Bewegungsdaten eines eingebauten Beschleunigungsmessers erfasst, werden die Forscher später sehen können, wie Menschen mit unterschiedlichen Augenproblemen die Brille im Alltag verwenden.

Eine kommerzielle Version soll laut Hicks ab Anfang kommenden Jahres verkauft werden. Der Preis werde unter 1.000 Dollar liegen.

In der aktuellen Version bestehen die Smart Specs aus einem voluminösen, glänzenden Plastik-Headset, in dem als Bildschirme zwei Augmented-Reality-Gläser von Epson verbaut sind. Hinzu kommt ein Gerät von Asus, das eine Tiefenkamera und eine normale Farbkamera enthält. Das Headset kommt auf den Kopf und wird mit einer kleinen Box mit mehreren Knöpfen verbunden, die ebenfalls immer dabei sein muss. In ihr befindet sich ein Computer mit dem Betriebssystem Android, der für die Bildverarbeitung zuständig ist. Außerdem befindet sich in der Box ein Batteriepack, mit dem das System bis zu acht Stunden am Stück mit Strom versorgt wird. Es ist kaum zu übersehen, doch schon unauffälliger als der vorige Prototyp, bei dem das Headset noch mit einem Laptop verbunden war.

Die normale Kamera in dem Asus-Gerät erfasst das Umfeld des Trägers, die Tiefenkamera ermittelt seine Entfernung zu allen Objekten und Oberflächen. Mit Hilfe der Tiefenmessungen entscheidet Software auf dem Computer in der Box, was hervorgehoben werden soll und was ignoriert. Wenn zum Beispiel eine Person in drei Metern Entfernung steht, zeigt die Software sie – je nach den gewählten Einstellungen – wie eine Animation. Die Person wird in Schwarz-Weiß mit einem weißen Umriss dargestellt, außerdem sind Gesichtsmerkmale wie Brille, Nase oder Mund zu sehen. Andere Personen und Objekte in größerer Entfernung dagegen erscheinen grau, der Hintergrund ist komplett schwarz.

"Wenn man in ein Restaurant oder eine Bar kommt, verändert sich das Licht so sehr, dass fast niemand richtig sehen kann", sagt Hicks. "Mit unserer Brille könnte man zum Beispiel freie Stühle hervorheben."

Ich habe die Smart Specs bei einer Technologiekonferenz in Kalifornien ausprobiert. Für eine Person mit normaler Sehfähigkeit fühlt sich das ein wenig an, als würde man in einem minimalistischen Animationsfilm sitzen. Hicks selbst vergleicht es mit dem psychedelischen Film Waking Life von Richard Linklater, bei dem die Filmaufnahmen mit einer Technik namens Rotoscoping nachgezeichnet wurden.

Beim Blick auf Hicks sah er für mich schwarz-weiß aus. Seine Gesichtszüge waren nur noch stilisiert, sein Karohemd zeigte ein einfacheres Kreuzmuster. Andere Personen, die weiter entfernt standen, erschienen als schwarze Figuren mit weißem Umriss.

Eine der größten Herausforderungen besteht laut Hicks noch darin, Tiefenkameras mit genügend Reichweite zu bekommen, die gut mit der Brille zusammenarbeiten. Erforderlich sei dafür eine Reichweite von etwa fünf Metern.

(sma)