Autonom in drei Tagen

Das chinesische Internet-Unternehmen Baidu will den neu entstehenden Markt für selbstfahrende Autos auf den Kopf stellen: Mit einer offenen Technologie-Plattform, die vielen Partnern zur Verfügung steht.

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Von
  • Will Knight

Zur ersten Entwicklerkonferenz seines Unternehmens vergangene Woche in Peking kam Robin Li, der CEO von Baidu, mit einem Auto, das die Welt der autonomen Fahrzeuge auf den Kopf stellen könnte.

Das Fahrzeug wurde gesteuert von Software, die Baidu in den kommenden Jahren im Rahmen eines Projekts namens Apollo kostenlos bereitstellen möchte. Indem es das Gehirn für selbstfahrende Autos allgemein verfügbar macht, soll das Apollo-Projekt den vielen jungen Autoherstellern in China helfen, sich am Markt zu etablieren.

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Gleichzeitig zeigt Apollo den chinesischen Ehrgeiz, sich als führendes Zentrum für künstliche Intelligenz zu etablieren. Dass Baidu seine Trainingsdaten offen verfügbar machen will, ist eine sehr neue Entwicklung auf dem Gebiet der kommerziellen KI, wo die Informationen für die Schulung von raffinierten Algorithmen normalerweise streng bewacht werden.

Die Pläne passen zu dem Wunsch der chinesischen Regierung, ihre junge KI-Industrie wettbewerbsfähiger zu machen. Die darin entstehenden Technologien sollen beispielsweise auch in die Planung neuer Städte einfließen. Und wenn das Apollo-Projekt in Schwung kommt, könnte es für Unternehmen, die ihre Software nicht freigeben, schwieriger werden, das Gebiet des autonomen Fahrens zu dominieren.

"Apollo ist ein wichtiger Meilenstein für die Autoindustrie", sagte Qi Li, Vice Chairman von Baidu, den Teilnehmern der Konferenz. "Im Grunde ist es das Android des autonomen Fahrens, nur offener und leistungsfähiger."

Die Zeitpläne für die Entwicklung von autonomem Autos mit der Baidu-Technologie sind ambitioniert. Schon in diesem Monat sollen Apollo-Autos in einzelnen Gebieten getestet werden, bis Ende 2020 soll es vollständig autonomes Fahren auf städtischen Straßen und Autobahnen geben.

Die Apollo-Plattform scheint tatsächlich gut geeignet, der Entwicklung selbstfahrender Autos einen Schub zu geben. Bei der Veranstaltung in Peking führte das kalifornische Start-up AutonomousStuff eine Lincoln-Limousine vor, die es mit der Apollo-Technologie innerhalb von nur drei Tagen zu einem autonomen Auto gemacht hatte. Die Apollo-Plattform besteht aus einem Software-Stack, einer Reihe von Cloud-Diensten und Hardware wie GPS, Kameras, Lidar und Radar.

Selbst ist das Auto (14 Bilder)

Im Jahr 2014 stellte Google sein eigenes autonomes Auto vor. Die Vision war es, kleine Zweisitzer mit Elektro-Antrieb zu entwickeln, die komplett auf Lenkrad und Pedale verzichten. Das Projekt Google Driverless Cars firmiert heute unter der Bezeichnung Waymo.
(Bild: Waymo)

Die derzeit für externe Entwickler verfügbare Software ist relativ einfach: Sie zeichnet das Verhalten eines Autos auf, das von einem Menschen gefahren wird, und ahmt es dann im autonomen Modus nach. Im November will Baidu zusätzlich Wahrnehmungsfunktionen freigeben, mit denen Apollo-Autos Objekte in ihrer Nähe identifizieren können. Anschließend sollen Funktionen für Fahrtplanung und Ortsbestimmung sowie eine Schnittstelle zum Fahrer folgen. Zu den von Baidu entwickelten Cloud-Diensten zählen Mapping-Dienste, eine Simulationsplattform, ein Sicherheitsmodell und die Stimminterface-Technologie DuerOS.

Wie Dawen Zhou, leitender Produktmanager für Apollo, auf der Konferenz erklärte, soll die von Baidu entwickelte Simulationsplattform genutzt werden, um Software-Code zu testen und die Algorithmen für autonomes Fahren zu trainieren. Für die ständige Verbesserung der Technologie sind Fahrdaten aus der realen Welt sehr wichtig. Einer der größten Vorteile der Öffnung der Apollo-Plattform ist deshalb, dass Baidu Daten von seinen Partner bekommen kann. „Das ist der wahre Schatz des Projekts“, sagte Zhou.

Bei der Konferenz gaben Baidu und der US-Chiphersteller Nvidia außerdem Pläne für die Zusammenarbeit bei mehreren KI-Initiativen bekannt. Unter anderem soll die Nvidia-Plattform Drive PX beim Apollo-Projekt zum Einsatz kommen.

Auch sonst beeindruckt das Projekt mit einer Reihe namhafter Partner. Dazu zählen chinesische Autohersteller wie Chery Automobile, Dongfeng Motor, Foton, Yiqi und FAW Group, aber auch große Unternehmen aus Europa und den USA, etwa Bosch, Ford, Intel, Microsoft und Velodyne. Weitere Partner sind bedeutende chinesische Unternehmen und Regierungsstellen.

Laut Stephen Zoepf, Geschäftsführer des Center for Automotive Research an der Stanford University, könnte der Ansatz von Apollo dazu beitragen, die Behörden davon zu überzeugen, dass sie die Technologie zulassen sollten. "Eine gewisse Offenheit wird wichtig sein, damit Projekte dieser Art Unterstützung bekommen", sagt er. "Vielleicht müssen sie nicht komplett Open-Source sein, aber zumindest so offen, dass Öffentlichkeit und Aufsichtsbehörden ein Gefühl für die entstehenden Risiken bekommen."

(sma)