Autonome Autos mit menschlichem Element

Wenn bei manchen Fahrzeugen Computer die Steuerung übernehmen, heißt das nicht, dass auf den Straßen keine Menschen mehr unterwegs wären. Ein Künstliche-Intelligenz-Startup bezieht sie deshalb intensiv in seine Überlegungen ein.

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Von
  • Will Knight

Die größte Herausforderung für autonome Autos wird vielleicht nicht darin liegen, auf andere Fahrzeuge zu achten oder ungewöhnliche Hindernisse zu umfahren. Mehr Schwierigkeiten könnte ihnen etwas viel Unberechenbareres und Verwirrenderes bereiten: das Verhalten von Menschen.

Drive.ai, ein neues Start-up für autonomes Fahren, macht Interaktionen mit Menschen deshalb zu einem wesentlichen Teil seiner Strategie. Das Unternehmen, für das viele Künstliche-Intelligenz-Forscher von der Stanford University arbeiten, entwickelt wie andere ein System, das sich darauf trainieren lässt, Daten von Sensoren zu interpretieren und ein Fahrzeug zu steuern. Ungewöhnlicher aber ist: Gleichzeitig beschäftigen sich die Entwickler mit Möglichkeiten, wie Autos Regeln für das Verhalten von Autofahrern und Fußgängern erlernen könnten. In den nächsten Wochen will drive.ai in Kalifornien mit Tests von autonomen Fahrzeugen beginnen, die über Anzeigen und Audiosignale mit Fußgängern kommunizieren.

Das Projekt könnte sich als sehr wichtig erweisen. Dies gilt umso mehr, als die ersten selbstfahrenden Autos möglicherweise keineswegs schon vollständig autonom sein werden. "Jeder spricht von dieser magischen Welt, in der sich alle Autos auf der Straße selbst steuern", sagt Carol Reiley, Mitgründerin und Präsidentin von drive.ai. "Ich finde es überraschend, dass die menschliche Seite bei den technischen Überlegungen kaum beachtet wird."

Laut Reiley, die nach einem Studium an der Johns Hopkins University früher an medizinischen Robotern gearbeitet hat, hebt sich drive.ai dadurch von anderen Unternehmen in diesem Bereich ab, dass es Maschinenlernen sowohl für das Fahren als auch für Interaktionen mit Menschen einsetzt. Kleine und heute alltägliche Interaktionen wie Gesten, um sich bei anderen Fahrern zu bedanken oder zu entschuldigen, werden nach ihren Worten in Zukunft vollkommen anders aussehen.

"Wir gehen fest davon aus, dass sich das Verhalten von Menschen im Zusammenhang mit selbstfahrenden Autos verändern wird", sagt Reiley. Je nach Einsatzort würden sich die Fahrzeuge vielleicht auch unterschiedlich verhalten müssen, und es werde einige Zeit dauern, herauszufinden, was am besten funktioniert. "Letztlich aber glauben wir, dass man das menschliche Element von Anfang an einbeziehen und darauf reagieren muss", so Reiley.

Das erste Produkt des Unternehmens soll Hardware sein, mit der sich Autos nachträglich für automatisiertes Fahren aufrüsten lassen. Angeboten wird es Kunden, die Fahrzeugflotten auf bestimmten Routen betreiben, etwa Liefer- oder Taxi-Diensten. Neben Sensoren und Systemen zur Steuerung des Autos gehören dazu ein auf dem Dach montiertes Kommunikationssystem und ein neuartiges Interface im Cockpit.

Für die Kommunikation mit Fußgängern und Autofahrern will drive.ai mit Text, Tönen, Licht und sogar Bewegungen experimentieren. Der Bildschirm auf dem Dach könnte Fußgängern zum Beispiel anzeigen, wann sie sicher die Straße überqueren können, leichtes Rollen nach vorne könnte anderen Autos signalisieren, dass sie Vorfahrt gewähren sollen. Die Systeme dafür werden Deep-Learning nutzen, eine Technik, die sich als sehr leistungsfähig darin erwiesen hat, Maschinen Aufgaben beizubringen, die manuell schwierig zu programmieren wären.

Bryan Reimer, der sich als Forscher am MIT mit Automation und Fahrerverhalten beschäftigt, ist ebenfalls der Meinung, dass menschliches Verhalten von den Entwicklern von Systemen für automatisches Fahren bislang zu wenig beachtet wurde.

"Viele der wichtigsten Technologiefirmen beschäftigen sich derzeit vor allem mit Problemen bei Erfassung und Verarbeitung. Doch die werden sich viel schneller lösen lassen als die Herausforderung, kohärente Designs zu entwickeln, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht", sagt Reimer. Zwar werde es demnächst wohl auch viele Fahrzeuge mit hohem Automatisierungsgrad geben – "aber ich glaube, dass auf der Straße noch viele Jahrzehnte lang weniger automatisierte Systeme dominieren werden."

(sma)