Autonome Drohnen und KI-Waffen im Ukraine-Krieg

Im Ukraine-Krieg sollen autonome Drohnen und KI-gestützte Waffensysteme besonders präzise Militärschläge erlauben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

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Kronshtadt Orion-E, Kronshtadt

(Bild: Kronshtadt Orion-E, Kronshtadt)

Von
  • Dr. Ingvild Bode
  • Anna Nadibaidze
Inhaltsverzeichnis

Die revolutionäre Veränderung der Kriegsführung durch den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) war in den letzten Jahren immer wieder ein zentrales Thema internationaler Debatten. Besondere Aufmerksamkeit erregte die russische Führung, seit Putin im September 2017 argumentierte, dass derjenige, der das Feld künstlicher Intelligenz anführt, der Herrscher der Welt sein würde.

Russische Militärs und Politiker diskutieren seit mehreren Jahren über die strategischen und operativen Vorteile von KI, insbesondere im Bereich der Robotik. In den ersten Kriegswochen in der Ukraine zeigten sich jedoch viele politische Analysten vom Low-Tech-Charakter des russischen Angriffskrieges überrascht – nicht zuletzt, weil dieser im scheinbaren Widerspruch zu den zuvor dargestellten Narrativen der russischen Führung steht. Dies könnte darauf hinweisen, dass auch der prominente Diskurs über einen KI-Rüstungswettlauf übertrieben ist. Welche Rolle spielen also militärische Anwendungen von KI und unbemannte Systeme im Ukraine-Krieg?

Wie unsere Analyse gezeigt hat, sind selbst die modernsten autonom agierenden Waffensysteme derzeit kaum in der Lage, Zivilisten und Kombattanten zu unterscheiden. Menschliche Operatoren müssen ihre Entscheidungen häufig anhand verpixelter Aufnahmen und einiger Metadaten treffen. In Kampfsituationen bleiben ihnen dazu oft nur wenige Sekunden Zeit, wodurch das Risiko tödlicher Fehlentscheidungen steigt.

c't kompakt
  • Russland baut eigene Drohnen und KI-gesteuerte Waffensysteme. Die Ukraine importiert Drohnen aus der Türkei und den USA.
  • Im Ukraine-Krieg spielten derartige Hightech-Systeme bislang nur eine untergeordnete Rolle.
  • Russische und ukrainische Medien nutzen Berichte über erfolgreiche Einsätze und Abschüsse von Drohnen zur Propaganda.

Drohneneinsätze bleiben auch deswegen umstritten, weil sie Grundprinzipien des Völkerrechts verletzen können. Dazu gehört nicht nur eine Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Zielen, sondern auch, ob ein Angriff proportional und militärisch notwendig ist. Weil der Einsatz von Drohnen keine eigenen Soldaten gefährdet, verringern sie die politischen Kosten von militärischen Angriffen und könnten deshalb leichtfertiger eingesetzt werden.

Russische Militärs und Politiker diskutieren seit Jahren über die strategischen und operativen Vorteile von Künstlicher Intelligenz (KI). Die Führung setzt sie in Bereichen der Datenerfassung und -analyse, der Entscheidungsfindung sowie in strategischen Planspielen ein. Beim Modernisierungsprozess der russischen Streitkräfte spielen die Integration von KI und autonom agierenden Waffensystemen eine wichtige Rolle. Dabei fließen hohe Investitionen in die Entwicklung unbemannter Fahrzeuge an Land, zu Wasser und in der Luft.

Die Prioritäten liegen vor allem auf unbemannten Flugsystemen (unmanned aerial vehicles, UAVs) und Drohnen. Sie sollen bei der Datensammlung und der Identifikation von Zielen helfen, etwa um U-Boote, Schiffe, Panzer, Flugzeuge sowie Flugabwehr- und Raketenartilleriesysteme lahmzulegen und zu zerstören. Noch 2020 bekräftigte Putin, dass UAVs entscheidend für den Ausgang künftiger militärischer Auseinandersetzungen seien.

Und so verwundert es nicht, dass das russische Militär seit Beginn seiner Intervention im Syrienkrieg 2015 die Zahl der Drohneneinsätze deutlich steigerte. Offizielle Quellen sprachen im Juli 2018 von etwa 60 bis 70 russischen Drohnen pro Tag, die bis dahin in 23.000 abgeschlossenen Operationen insgesamt 140.000 Flugstunden absolviert hatten. Die eingesetzten Drohnen lassen sich in drei Typen unterteilen, die alle in Russland hergestellt werden (siehe Tabelle).

Bei der Mehrzahl russischer Drohnen handelt es sich um kleinere Modelle, die vor allem Aufklärungszwecken dienen und Militärs "Augen und Ohren" im Kampfgebiet liefern. Dazu gehören die Eleron-3, die Orlan-10 oder die Granat-4. Außerdem kamen in Syrien mittelgroße Kampfdrohnen vom Typ Orion-E zum Einsatz, die mindestens 19 Luftangriffe und 18 Aufklärungsflüge flogen.

Die kleine russische Aufklärungsdrohne Eleron-3 kann rund 100 Minuten lang die Umgebung im Umkreis von 25 Kilometern erkunden.

(Bild: Enics)

Die Orion-E vom Hersteller Kronshtadt ist bislang die größte russische Drohne (siehe Bild). Die Serienproduktion von Höhen- und Langstreckendrohnen läuft in Russland gerade erst an: Ende 2021 eröffnete Kronshtadt eine Fabrik in Dubna nahe Moskau, um dort große UAVs und Bodenkontrollstationen zu fertigen. Die Kapazität liegt bei einigen Dutzend Systemen pro Jahr.

Zala Aero zeigt den Start einer russischen Kamikaze-Drohne KYB im Werbevideo.

(Bild: Zala Aero)