Babylonische Vernetzung

Technisch sind Hausgeräte perfekt für die Heimvernetzung ausgerüstet. Doch die verschiedenen Typen verstehen einander nicht.

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Dieser Text ist der Print-Ausgabe 09/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Technisch sind Hausgeräte perfekt für die Heimvernetzung ausgerüstet. Doch die verschiedenen Typen verstehen einander nicht.

So könnte eine voll digitalisierte Vierzimmerwohnung aussehen: Im Fitnessraum radelt der Bewohner fleißig auf seinem Heimtrainer, dessen Daten direkt an einen Computer weitergeleitet werden. Dieser "Gesundheitsassistent" erfasst das tägliche Trainingsprogramm, weist Empfehlungen aus, wo es noch Schwächen gibt, hält den Body-Mass-Index im Blick und motiviert den Heimsportler auf einem großen Bildschirm mit Diagrammen und Icons. Das System ist wiederum direkt mit einem digitalen Kochassistenten in der Küche vernetzt, der den Bewohner bei gesunder Ernährung unterstützt – abgestimmt auf dessen Fitnessziele. Die Software findet passende Rezepte und überwacht das Kochen. Genaue Hinweise, Anweisungen und Filme helfen dem Nutzer bei der Ausführung der einzelnen Schritte. Dabei hören die Kochgeräte aufs Wort, denn schließlich hat man beim Kochen meist keine Hand für Touchscreens frei.

Damit es nicht plötzlich an Zutaten fehlt, gleicht das System zuvor die benötigten mit den im Haushalt vorhandenen Lebensmitteln ab und überträgt eine Einkaufsliste auf ein tragbares Internet-Tablet. Die Liste lässt sich auch später noch aus der Ferne ergänzen: Will die Dame des Hauses beispielsweise noch einen Snack, kann sie das mit zwei Klicks oder per Spracheingabe an ihren Gatten im Supermarkt auf dessen Mobilgerät übermitteln. Kehrt der Ehemann heim, sind die ersten Zubereitungsschritte wie das Aufheizen des Backofens bereits vollautomatisch erledigt, und dem Gelingen des Fitness-Menüs steht nichts mehr im Wege.

Dass dieses Heim nicht nur die Vision IT-verliebter Entwicklungsingenieure ist, zeigt der Showroom der Initiative "Connected Living" im Hochhaus der TU Berlin am Ernst-Reuter-Platz. Der im Juni 2009 gegründete Verein hat zum Ziel, die bisher getrennten Welten der Unterhaltungselektronik, Heimautomatisierung, Informations- und Kommunikationstechnik zusammenwachsen zu lassen. Folgerichtig kommen die Mitglieder aus völlig unterschiedlichen Branchen: Deutsche Telekom, Dr. Riedel Automatisierungstechnik, EnBW, Vattenfall, Miele, Loewe, AOK, Merg-Systems, MSR-Office und Orga Systems gehören dazu. "Die Motivation der großen Player lässt sich einfach erklären", sagt Professor Sahin Albayrak, Geschäftsführer des "Distributed Artificial Intelligence"-Labors (DAI) der Berliner TU und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des Vereins. Sie hätten inzwischen erkannt, dass die Standards der unterschiedlichen Geräte vereinheitlicht werden müssten – nur das führe letztlich zum gewünschten Ziel einer Vernetzung aller wichtiger Komponenten untereinander.

Als 2000 der erste Internet-Hype in vollem Schwung war, gab es kaum einen Anbieter von Haushaltselektronik, der nicht an der aufkommenden Hypervernetzung teilnehmen wollte – Kühlschränke mit Browser-Display, Kaffeemaschinen mit Netzwerkschnittstelle oder Waschmaschinen, die man per Web steuern konnte, kamen auf den Markt oder wurden zumindest auf Messen als Prototyp beworben. Doch von diesen großen Technikträumen hat sich bis dato nahezu nichts beim Kunden durchsetzen können. Zu kompliziert war die Bedienung, zu inkompatibel zeigten sich die unterschiedlichen Systeme. Jeder einzelne Anbieter kochte sein eigenes Süppchen, statt alle vorhandenen Gerät in ein gemeinsames, zentral steuerbares Netz zu hängen. Das war kaum anders als bei verschiedenen Betriebssystemen am PC: Während der Kühlschrank Java "sprach", enthielt die Waschmaschine ein altertümliches Embedded-Software-Eigengewächs.

"Das Nebeneinander war gestern", sagt Albayrak. "Connected Living" will helfen, Standards zu schaffen, sodass sich die unterschiedlichen Geräte in ein vernetztes System integrieren lassen. Fernseher, Herd, Internet und Waschmaschine – alle Geräte im Haushalt und alle Netze – sollen einander zukünftig verstehen und für den Benutzer über eine einheitliche Plattform zu bedienen sein. Darüber hinaus sollen die gebräuchlichen Geräte durch Software beliebig um neue Funktionen ergänzt werden können.

Ein Programmierer aus der Unterhaltungselektronik kennt sich aber nicht zwangsläufig auch in der Sprache der Heim- automatisierung aus. Die Berliner Forscher entwickeln deshalb zusammen mit der Industrie eine Software-Blackbox, die das Vernetzen aller Geräte übernimmt. Sie läuft oberhalb bestehender Systeme als Zusatzschicht und lässt sich problemlos programmieren. Das Standardgewirr verschwindet dabei hinter einer für alle gleich eingerichteten Schnittstelle.

Wie sich durch Vernetzung auch sehr effizient Strom sparen lässt, demonstriert die ebenfalls im Showroom gezeigte Technik von "Digitalstrom", einer Schweizer Non-Profit-Organisation mit Mitgliedern aus Hochschulen und Unternehmen. Dabei wird die Mess- und Steuertechnik in Form eines fingernagelgroßen Chips direkt in bestehende Stromleitungsnetze, beispielsweise in den Schalter einer Lampe, eingebaut. "Das hat den unendlichen Vorteil, dass man nicht auch noch Wände aufreißen muss", erklärt DAI-Labor-Forscher Michael Quade. Befindet sich der Chip in oder vor allen Geräten, kann man mit einem einzigen Befehl von jedem Schalter aus alle anderen Geräte, so weit gewollt, vom Netz trennen. Oder der Föhn stellt sich im Badezimmer über eine einfache Schaltvernetzung ab, wenn es an der Haustür klingelt, damit der Gastgeber die Ankunft der Gäste auch hört. Der von Digitalstrom empfohlene Chip liest außerdem den Stromverbrauch eines jeden Gerätes aus und stellt ihn etwa am PC bereit.

Durchblick für den Kunden ist auch "Connected Living" wichtig. Letztendlich soll jeder Endnutzer vernetzter Systeme Anwendungen, wie aus Apples iPhone-App-Store bekannt, auf seine Geräte herunterladen können. Er wird dadurch zu seinem eigenen Systemintegrator, so die Vorstellung des Vereins. Das klingt heute spektakulärer, als es in der Praxis sein wird: Oft mag es zum Beispiel einfach um eine Software gehen, die den Geräten bislang unsichtbare Informationen entlockt. Die Daten etwa, wie viel ein Gerät an Strom verbraucht, ließen sich sehr leicht ermitteln.

Welche Geräte was zu lesen bekommen, bestimmt – wie "Connected Living" im Berliner Showroom vorführt – natürlich der Benutzer selbst. Will zum Beispiel die Dame des Hauses auf dem Heimtrainer nicht, dass ihre Daten in die Küche übermittelt werden, wo der Gatte bereits das Menü vorbereitet, so schaltet sie die Verbindung einfach aus. Die Privatsphäre soll bei aller Vernetzung stets gewahrt bleiben können. Noch ist unklar, wann erste im Rahmen der "Connected Living"-Initiative und ihrer Vorläuferprojekte entwickel-te Systeme auf den Markt kommen. Derzeit werde eine Einführungs- und Vermarktungsstrategie erarbeitet, sagt Vereinschef Albayrak. "Connected Living" denke auch daran, wichtige Bereiche als freien Quellcode zu veröffent- lichen. So können interessierte Programmierer und Hardware-Entwickler über das Internet an den Projekten teilnehmen. Zentrales Element ist dabei eine eigens entwickelte "Home"-Plattform, eine Art Software-Werkzeugkasten, die jede teilnehmende Firma im Verein benutzen kann. (bsc)