Bekommen Covid-Apps unter Biden eine zweite Chance?

Amerika hat viele Gelegenheiten verpasst, die Pandemie-Bekämpfung mit hilfreichen Technologien zu unterstützen. Trotzdem ist es Experten zufolge nicht zu spät.

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Coronavirus - Corona-Warn-App

Die Entwicklung der Corona-App kostet rund 20 Millionen Euro.

(Bild: dpa, Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Von
  • Mia Sato
  • Lindsay Muscato

Während die Biden-Regierung Fahrt aufnimmt, muss sie sich auch um Erblasten wie rasant steigende Corona-Fallzahlen und einen vermasselten Impfstoff-Rollout kümmern. Viele fragen sich deshalb, mit welchen Strategien die neue Regierung die Ausbreitung von Covid-19 noch verlangsamen könnte. Einige Ideen in Washingtons neuem Covid-Plan sind grundlegende Maßnahmen, etwa die Wichtigkeit des Maskentragens zu betonen, mehr zu testen und klarer zu kommunizieren. Der Covid-Plan setzt aber auch auf digitale Technologien und gelobt, die Bemühungen zur Kontaktverfolgung auf Landesebene zu untersuchen und alles, was funktioniert, zu erweitern. Das eine neue nationale App bedeuten, eine Unterstützung der Bundesstaaten bei der Entwicklung eigener Apps oder beides zusammen.

Die nationale Führungsrolle bei Kontaktverfolgungs- und Expositionsbenachrichtigungs-Apps wäre eine große Veränderung für die USA. Vielen Ländern führten bereits im vergangenen Frühjahr nationale Apps ein. In den USA brachten allerdings nur einige staatliche Gesundheitsbehörden welche raus. Zwar warnen Gesundheitsexperten und Programmierer, dass Expositionsbenachrichtigungs-Apps nicht ausreichen, um das Virus einzudämmen, doch einige Experten sehen durch gute Möglichkeiten dafür, wie die Apps Teil einer umfassenden Strategie sein könnten.

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Bisher hat die US-Regierung die Bundesstaaten allerdings nicht nur nicht bei der Technologieentwicklung gegen Covid-19 unterstützt. Teilweise hat Washington die App-Fortschritte einzelner Staaten sogar gebremst. Laut Berichten des US-Magazins „Jacobin“ mussten Beamte in Pennsylvania um das Schweigen der CDC herum arbeiten, als sie versuchten, ihren Dienst zum Laufen zu bringen.

Obwohl 22 der 50 Staaten bis Ende 2020 eine App eingeführt hatten, haben es andere laut dem Covid-19-Tracker der US-Ausgabe von Technology Review nicht einmal versucht. Einige Staaten zögerten monatelang. Illinois beispielsweise führte trotz eines starken Fallzahl-Anstiegs zwischen Oktober und November immer noch Datenschutzbedenken ins Feld.

Mehreren Bundesstaaten übernahmen die vom irischen Softwareentwicklungsunternehmen Nearform entwickelte App, die auch Irland verwendet. Nearforms Wirtschaftsvorstand Larry Breen zufolge wäre allerdings für die USA eine einzelne zentralisierte App gar nicht die beste Lösung. Stattdessen könnte das Weiße Haus Ressourcen für die Entwicklung lokaler Varianten bereitstellen oder ihnen helfen, eine breitere Akzeptanz zu erreichen. So ließe sich „ein Teil des politischen Bezugs aus dem Spiel zu nehmen“, sagt Breen.

Das Problem dabei ist, dass Landes-Apps eben nicht immer grenzüberschreitend funktionieren, damit also auch nicht in Nachbarstaaten. Um das zu umgehen, haben einige Bundesstaaten mit Apps Allianzen geschmiedet, zum Beispiel New York mit New Jersey, Delaware und Pennsylvania. Zudem ermöglichen einige Back-End-Infrastrukturen, die von der Association of Public Health Laboratories erstellt wurden, die Zusammenarbeit von Apps aus etwa 20 Bundesstaaten und Territorien. Aber auch dieses System deckt immer noch nicht das gesamte Land ab. Die Biden-Administration muss also eine Lösung koordinieren, die für alle Bundesstaaten funktioniert, und dabei sicherstellen, dass die lokalen Gesundheitsbehörden über alle Informationen verfügen, um die Technologie der Öffentlichkeit präzise zu kommunizieren.

Sobald aber das globale Reisen wieder einfacher wird, muss die Technologie auch über internationale Grenzen hinweg funktionieren. Deshalb sollte die US-Regierung laut Breen auch mit ausländischen Regierungen zusammenarbeiten, damit Reisende von einem Expositionsrisiko trotzdem durch ihre gewohnte App erfahren können, anstatt zu einer lokalen Version wechseln zu müssen. Das ist angesichts der Praxis einiger Länder wie Singapur besonders wichtig, die mit ihrer App Freiheiten und Privatsphäre einschränken. Könnten US-Reisende die US-App weiter verwenden, würden sie ihre Daten aus dem zentralen System Singapurs möglicherweise heraushalten.

Die USA könnten sich auch für eine Führungsrolle entscheiden, indem sie mehr Geld in Technologien für das öffentliche Gesundheitswesen lenken. Die Linux Foundation arbeitet bereits daran, die Interoperabilität für Covid-bezogene Technologien zu verbessern. Programmdirektorin Jenny Wanger zufolge ist der Sektor seit Jahrzehnten unterfinanziert, wodurch „viele Systeme nicht gut zusammenarbeiten“. Sie fügt hinzu: „Das Faxgerät hat immer noch Vorrang. Dabei weiß jeder, dass wir es viel besser machen könnten, nur besteht der einzige Weg dahin darin, das Geschäftsmodell zu ändern.“

Verwirrende Nachrichten und Fehlinformationen über das Virus aus dem Weißen Haus haben das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft und Medizin nachhaltig geschwächt, einschließlich des Vertrauens in Kontaktverfolgungs-Apps. Trotzdem ist Stephanie Mayfield, die US-amerikanische Covid-Programme für die gemeinnützige Organisation Resolve to Save Lives leitet, optimistisch, dass die Biden-Administration das Vertrauen wiederherstellen kann. „Wir in der Welt der öffentlichen Gesundheit hoffen, dass es Transparenz über das Virus und in Zukunft auch eine evidenz- und wissenschaftsbasierte Führung geben wird“, sagt Mayfield.

Vertrauen zu gewinnen ist allerdings nicht einfach und historisch marginalisierte Gruppen können der Regierung aus einer Reihe von guten Gründen misstrauen. Laut Mayfield könnte ein nationaler Vorstoß Gesundheitsdienstleister dabei unterstützen, Empfehlungen an lokale Gemeinschaften zu richten.

Laut Cyd Harrell, Autor des Buchs „A Civic Technologist's Practice Guide“, ist Vertrauen entscheidend dafür, um Menschen dazu zu bringen, Apps und andere von der Regierung entwickelte Technologien zu nutzen. „Besonders für schutzbedürftigere Menschen müssen Sie vermitteln, dass Sie als Regierung hier sind, um zu helfen, und nicht, um Schaden zuzufügen. Und dass Sie die Menschlichkeit der Bürger respektieren, egal welche Fähigkeiten Sie in Bezug auf Lesen oder Sprechen haben mögen.“

Laut Harrell ist bei diesem grundlegenden Prozess des Vertrauensgewinns auch eine sorgfältige Implementierung entscheidend. Ansonsten „haben die Leute unweigerlich das Gefühl, dass Sie sich nicht um sie kümmern“, sagt sie. „Technologie kann nicht all die Kommunikationsarbeit aufbringen, die Sie benötigen, um in einer beängstigenden Zeit Vertrauen aufzubauen.“ (vsz)