Besitzt Du noch, oder teilst Du schon?

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – die Statussymbole von einst sind zu Symbolen auf einem Smartphone-Display geworden. Besitzen ist out, nutzen ist in. Wie reagiert die „alte Wirtschaft“ auf die Bedrohung durch die neue Sharing Economy?

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 2 Beiträge
Von
  • Jens Lubbadeh

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – die Statussymbole von einst sind zu Symbolen auf einem Smartphone-Display geworden. Besitzen ist out, nutzen ist in. Wie reagiert die „alte Wirtschaft“ auf die Bedrohung durch die neue Sharing Economy?

Philipp Gloeckler will nichts mehr kaufen. Ein Jahr lang. Gut, Lebensmittel sind von dem Plan ausgenommen, der Mann muss sich schließlich ernähren. Rasierer braucht er für seinen Drei-Tage-Bart auch nicht so häufig. Aber all die Dinge, die jeder von uns beiläufig oder begeistert konsumiert – Zeitschriften, CDs, Gadgets –, die leiht sich der selbstbewusste Hamburger seit Januar nur noch. So wie die ungenutzte halbakustische Gitarre einer Freundin. Hobby-Gitarrist Gloeckler hatte früher ein Instrument, doch irgendwann die Lust daran verloren. Aus einer Laune heraus sich ein neues kaufen – und es dann doch wieder in die Ecke stellen? Mit der Gitarre in der Hand traf er sich mit Freunden, und siehe da, Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ ging noch locker von der Hand. „Es sind solche Offline-Erlebnisse mit Freunden, die zählen“, sagt Gloeckler.

Das Tool dazu hat er letztes Jahr selbst entwickelt: die App „Why own it“. 10000 Nutzer hat die kostenlose iPhone-Anwendung inzwischen, die im September 2012 veröffentlicht wurde. Sie bieten DVDs, Raclette-Grills, Boote, Reiseführer oder Fahrradpumpen an – all das, was sie für einige Zeit entbehren können, weil es sonst nur ungenutzt herumläge.

„Why own it“ ist eine von zahllosen Plattformen, die unter dem Schlagwort „Sharing Economy“ zusammengefasst werden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit der überkommenen Vorstellung von Konsum brechen: Kaufen und besitzen ist out, leihen oder mieten ist in. Zum einen macht die in sozialen Medien eingeübte Vernetzung dieses massenhafte Leihen und Mieten so einfach wie nie zuvor. Zum anderen, und vielleicht noch wichtiger, ist das Internet ein wahres Logistik-Wunder: Es führt Anbieter und Nutzer so einfach und schnell zueinander wie nie zuvor. „Ich glaube, dass wir gerade am Beginn einer kollaborativen Revolution stehen“, glaubt Rachel Botsman, Vordenkerin der neuen Bewegung und Autorin des Buchs „What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption“ (siehe auch Interview auf S. 32). Sie schätzt das gesamte Marktpotenzial der Sharing Economy auf gewaltige 850 Milliarden US-Dollar.

Getragen wird die Bewegung vor allem von den jüngeren Generationen, die Smartphones so selbstverständlich bedienen wie die Eltern die Hi-Fi-Anlage. Für die „Digital Natives“ ist das einstige Statussymbol Auto zu einem Symbol auf dem Bildschirm geworden. Einem von vielen. Mein Auto? Steht bei Car2Go oder Nachbarschaftsauto.de. Mein Wochenend-Domizil? Findet sich irgendwo bei Airbnb. Mein Boot? Bei Bootschaft.net. Ein Klick, eine Anmeldung und schon ist man Mitglied in einem Club Zehntausender Gleichgesinnter, die irgendetwas Nützliches anzubieten haben. Billiger als in der herkömmlichen Warenökonomie, nicht selten sogar kostenlos. „Ich glaube, dass unsere Generation, unser Verhältnis zur Befriedigung unserer Bedürfnisse weitaus weniger greifbar ist als dasjenige aller vorangegangenen Generationen“, sagte Botsman in einem Vortrag auf der Technologie-Konferenz TED im kalifornischen Monterrey. „Ich will nicht die DVD, ich will den Film, der darauf ist. Ich will keine CD, ich will die Musik, die sie spielt.“

(jlu)