"Betroffene ansprechen, wo die Sucht entsteht"

Bert te Wildt ist ärztlicher Psychotherapeut an der Uniklinik Bochum. Er hat eine "Online-Ambulanz für Internetsüchtige" (OASIS) gestartet.

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Technology Review: Wie merke ich, dass ich meinen Internetkonsum nicht mehr unter Kontrolle habe?

Bert te Wildt: Um ein Suchtverhalten zu diagnostizieren, unterscheidet man zwischen zwei Symptombereichen. Da ist zum einen der Kontrollverlust: Ich weite Online-Zeiten immer weiter aus, ich denke ans Internet, selbst wenn ich gerade nicht im Internet sein kann und richte meinen ganzen Alltag danach aus. Zum anderen ist mindestens ein Lebensbereich nachhaltig negativ von dem Kontrollverlust betroffen.

Bert te Wildt

(Bild: Peter Johann Kierzkowski)


Welche Bereiche können das sein?

In der Regel sind das drei Bereiche: Leistung; wenn man nicht mehr regelmäßig zur Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf geht. Soziale Beziehungen; Freundschaften, Partnerschaften oder Familien brechen auseinander. Der dritte Bereich bezieht sich auf die körperliche Unversehrtheit. Bei Betroffenen kommen Unter- oder Überernährung vor, Haltungsschäden, Augenstörungen, Aufhebung des Schlaf-Wach-Rhythmus' – bis hin zu extremen Fällen körperlicher Verwahrlosung.

Wer viel Sport treibt, ist auch häufig verletzt und hat vielleicht eingeschränkte soziale Beziehungen. Wie stellen Sie fest, ab wann das Online-Sein krankhaft ist?

Die Sportsucht kann da als ein Vergleich dienen. Wenn ein exzessiver Sportler weiter trainiert, obwohl er verletzt ist und sich dadurch weiter selbst schädigt und auch isoliert, dann ist eine Sportsucht zu vermuten. Wenn Menschen immer weiter online bleiben, obwohl ihnen ein Lebensbereich nach dem anderen wegbricht, dann ist die Grenze zum Kranksein überschritten.

Sehen Sie in Ihrer Arbeit als Psychotherapeut einen erhöhten Bedarf an einer solchen Online-Ambulanz für Internetsüchtige?

Grundsätzlich spricht alles dafür, dass die Zahlen der Internetabhängigen in Deutschland gestiegen sind und weiter steigen. Die digitale Revolution schreitet ja weiter fort, Jugendliche werden ganz selbstverständlich mit den neuen Medien groß. Allerdings wird sich sicherlich auch eine Gegenbewegung formieren, die das Ziel hat, den Internetkonsum wieder einzudämmen. Das wird auch etwas damit zu tun haben, dass die Internetsucht als medizinisches Phänomen erkannt und noch mehr zum Gegenstand von Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen wird. Daran arbeite ich ja auch mit.

Warum muss das Ihr Angebot im Netz sein?

Wir wollen die Betroffenen mit OASIS direkt dort ansprechen, wo die Sucht entsteht, ähnlich wie bei Streetworkern, die Heroinabhängige auf der Straße ansprechen. Mit der Online-Ambulanz wollen wir eine Brücke bauen, aus dem Netz in ein analoges Beratungs- oder Behandlungssetting vor Ort.

Wie erfolgt die Anmeldung bei der Online-Ambulanz?

Der erste Kontakt läuft zunächst über die Homepage. Dort können Betroffene einen Selbsttest machen, um sich zu orientieren, ob eine Online-Sucht vorliegen könnte. Wenn dies der Fall ist, werden sie eingeladen, sich einen Account zu erstellen, um einen Termin für eine Online-Sprechstunde zu machen. Bei diesem 50-minütigen Gespräch per Webcam erfolgt die Diagnostik, ob wirklich eine Internetabhängigkeit und weitere psychische Erkrankungen vorliegen. Dieses Gespräch werten wir zusammen mit den Online-Fragebögen, den der Betroffene ausgefüllt hat, aus.

Wie geht es weiter?

Bei einer weiteren Online-Sprechstunde erfolgt die individuelle therapeutische Beratung. Wir schauen, was sinnvoll ist und wo der Betroffene diese Art von Unterstützung vor Ort finden kann. Durch ein sogenanntes "Motivational Interviewing" versuchen wir denjenigen zu motivieren, wirklich Hilfe in Anspruch zu nehmen. Über ein einfaches Rückmelde-System kann uns der Betroffene über seine weiteren Fortschritte informieren. Diese Ergebnisse fließen dann in unsere begleitende wissenschaftliche Studie ein.

Sie haben das Projekt im August auf der Gamescom vorgestellt, also inmitten einer Online-affinen Community. Wie war die Resonanz?

Auf der Messe war das Interesse von Eltern, Pädagogen und Presse deutlich größer als von Betroffenen selbst. Die gehen nachvollziehbarer Weise dahin, um ihren Spaß zu haben. Aber im Nachgang der dortigen Vorstellung erhielten wir bereits Anmeldungen für die Online-Ambulanz im dreistelligen Bereich.

www.onlinesucht-ambulanz.de (jle)