"Betrug durch Falschangaben"

Steigende Kosten, massive Verzögerungen – die Probleme beim Bau des Berliner Flughafens sind die Regel bei Großprojekten, zeigen Analysen von Bent Flyvbjerg. Der Wissenschaftler von der University of Oxford arbeitet an einer Methode, um das zu ändern.

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  • Julia Tahedl

Steigende Kosten, massive Verzögerungen – die Probleme beim Bau des Berliner Flughafens sind die Regel bei Großprojekten, zeigen Analysen von Bent Flyvbjerg. Der Wissenschaftler von der University of Oxford arbeitet an einer Methode, um das zu ändern.

Flyvbjerg ist Professor für Major Programme Management an der Said Business School an der University of Oxford. Zum Bau von Großprojekten hat er mehrere Bücher verfasst.

Technology Review: Herr Flyvbjerg, warum laufen Großprojekte immer wieder völlig aus dem Ruder?

Bent Flyvbjerg: Aus Ignoranz. Eine Stadt braucht nur selten einen neuen Flughafen, daher fehlt nötiges Wissen. Aber statt Fragen zu stellen versuchen Planer, das Rad neu zu erfinden. Das ist das Schlimmste, was man tun kann, schließlich gibt es genug Erfahrungen. Bauwerke sind keine Unikate, auch wenn das gern als Entschuldigung vorgebracht wird.

TR: Die Fehler liegen in der Planung? Steigen die Kosten nicht immer erst während des Baus?

Flyvbjerg: Mehrkosten entstehen immer schon in der Planung, weil der Aufwand unterschätzt wird.

TR: Und Sie wissen, wie man schlechte Planungen verhindert?

Flyvbjerg: In Oxford besitzen wir eine große Datenbank, die wir ständig erweitern. Sie enthält unzählige Eckdaten von Projekten, sie führt auf, wie der Plan aussah und zu welchem Resultat er geführt hat. Einmal gemachte Fehler können uns zeigen, wo Stolpersteine für neue Projekte liegen. Wir können feststellen, ob ein Projekt schiefgehen wird und an welcher Stelle.

TR: Wird Ihre Methode denn genutzt?

Flyvbjerg: Ja, immer öfter. In manchen Ländern gibt es sogar verbindliche Vorschriften, dass Projektplaner unsere Methode verwenden müssen, zum Beispiel im Vereinigten Königreich, in Dänemark und in der Schweiz.

TR: Es gibt sie also, die perfekte Planung?

Flyvbjerg: Eines von zehn Projekten liegt im Budget oder darunter. Das fünfte Terminal in London Heathrow etwa wurde termingerecht fertiggestellt. Davon hätten die Planer des Berliner Flughafens lernen können. Aber natürlich müssen die Verantwortlichen sich schon vor Projektbeginn darum kümmern. Wenn sie bereits in Schwierigkeiten stecken, ist es zu spät.

TR: Warum tun sie es nicht?

Flyvbjerg: Der Mensch ist von Natur aus Optimist. Das führt bei Planungen dazu, dass er nachteilige Einflüsse nur unzureichend einberechnet oder sogar ganz vernachlässigt. Dadurch gibt es zwangsläufig Mehrkosten. Das ist aber nur einer von zwei Gründen für den unterschätzten Aufwand.

TR: Was ist der zweite Grund?

Flyvbjerg: Betrug durch strategische Falschangaben. Der politische Entscheidungsprozess ist ein Kampf um knappe Ressourcen. Um sicherzugehen, dass ihr Projekt die Bauzulassung und die nötige finanzielle Unterstützung bekommt, lassen Planer es auf dem Papier gut aussehen: Sie rechnen mit zu niedrigen Kosten und zu hohen Erträgen.

TR: Also liegt der Fehler auch im Vergabeprozess?

Flyvbjerg: Ja. Denn natürlich wollen bietende Firmen den Zuschlag bekommen. Beim Bauen stellen sie dann Nachforderungen für zusätzliche Arbeiten. Diese werden für gewöhnlich gewährt, weil die politische Entscheidung schon lange feststeht und das Projekt in jedem Fall realisiert wird.

TR: Ist nicht auch die schiere Größe mancher Projekte das Problem?

Flyvbjerg: Größe ist ein Risikofaktor. Aber viele erfolgreiche Planer zerlegen ihre Projekte in Einzelteile und bauen diese gleichzeitig. Dann fügen sie die Elemente zusammen wie Legosteine. Wir beschäftigen uns gerade mit Dammbauten wie dem Drei-Schluchten-Damm in China. Oft täten Länder gut daran, ein paar kleine Dämme statt eines solchen Monsters hochzuziehen.

TR: Menschen scheinen aber gerade diese Riesen besonders gern zu errichten...

Flyvbjerg: Politiker bauen sich einfach gern Monumente. Außerdem lässt sich mit milliardenschweren Projekten viel Geld verdienen. Und drittens lieben es Ingenieure, das Größte und Schnellste zu bauen.

TR: Gibt es auch ein Viertens?

Flyvbjerg: Ästhetik! Etwas sehr Großes ist manchmal auch etwas sehr Schönes. ()