Bewerbervorauswahl per Algorithmus: Wie man eine KI von sich überzeugt

In den USA und bald auch bei uns werden Lebensläufe immer häufiger von Rechnern ausgesiebt. Mit diesen Tricks versuchen Jobsuchende, da durchzukommen.

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(Bild: Ms Tech / Pexels)

Von
  • Sheridan Wall

Immer mehr US-Unternehmen setzen beim Optimieren des Einstellungsprozesses auf Künstliche Intelligenz (KI) – und auch in Europa interessiert man sich zunehmend für diesen Ansatz. Dazu gehören zum Beispiel Job-Matching-Plattformen sowie KI-gestützte Spiele und Vorstellungsgespräche.

Doch immer mehr Arbeitssuchende fühlen sich durch diese Verfahren frustriert und missverstanden. Malika Devaux ist Studentin des HOPE-Programms, einer gemeinnützigen Einrichtung in New Yorker Stadtteil Brooklyn, die Jobtraining anbietet. Da Devaux selbst auf Jobsuche ist, bat MIT Technology Review sie, einen 90-Sekunden-Persönlichkeitstest zu absolvieren, der die Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale der Bewerber bewertet.

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Den Ergebnissen zufolge sei sie "pragmatisch" und "sorgenfrei", aber Devaux war mit der Einschätzung ihrer Persönlichkeit durch das KI-System nicht einverstanden. Darüber hinaus fand sie den Test verwirrend. „Ich glaube, [dieser Test] hätte mich um die Chance gebracht, diese Stelle zu bekommen oder eine Gelegenheit zu erhalten, bei der ich endlich glänzen kann", sagt sie.

Dabei ist es durchaus möglich, die KI-Systeme zu beeindrucken, wie Bewerber berichten. Dabei werden immer wieder vier zentrale Tipps genannt. Wie kann man also diese Algorithmen bei Bewerbung zum eigenen Vorteil nutzen?

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Tipp Nr. 1: Konventionelle Lebenslauf-Ratschläge verwerfen. Anstatt eines einzigartigen Designs, spezieller Farbschemata oder ausführlicher Stellenbeschreibungen sollten man sich darauf konzentrieren, ihn so einfach und unkompliziert wie möglich zu gestalten, sagt Ian Siegel, Mitbegründer und Geschäftsführer der Jobplattform ZipRecruiter. „Sie brauchen die einfachste, langweiligste Lebenslaufvorlage, die Sie finden können. Sie wollen sich wie eine Art Höhlenmensch in den kürzesten, knackigsten Worten schreiben, die Sie finden können.“

In den meisten Fällen werden die Lebensläufe von Bewerbern, die sich auf eine Stelle bewerben, zunächst von einem automatisierten Bewerberverfolgungssystem ("applicant tracking system", kurz ATS) verarbeitet, erklärt Siegel. Um die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch zu erhöhen, sollte man einen Lebenslauf mit kurzen, beschreibenden Sätzen vorlegen, den die KI richtig interpretieren kann.

Darüber hinaus hilft eine klare und deutliche Auflistung der eigenen Fähigkeiten, ergänzt durch Informationen darüber, wo man diese erlernt hat und wie lange man sie bereits anwendet. Auch Lizenz- oder Zertifizierungsangaben etwa von Fortbildungen können helfen, Fachwissen zu belegen. „Sie sollten deklarativ und quantitativ vorgehen, da die Software versucht, herauszufinden, wer Sie sind – und zu entscheiden, ob Sie einem Menschen vorgestellt werden sollten“, sagt Siegel.

Man sollte sich auch nicht davon abhalten lassen, sich auf Stellen zu bewerben, die mehr Erfahrung erfordern, solange man einige der Qualifikationen in der Stellenbeschreibung erfüllt. „Wenn Sie über eine der aufgeführten Fähigkeiten verfügen, sollten Sie sich bewerben“, sagt Siegel. „Lassen Sie die Algorithmen entscheiden, ob Sie zu der Stelle passen oder nicht, und sie werden Sie dann nach oben oder unten in der Bewerberliste einsortieren.“

Tipp Nr. 2: Mehrere Lebenslauf-Versionen erstellen. Wer befürchtet, dass der auf die KI optimierte Lebenslauf schlecht lesbar ist, kann eine weitere Version für die menschliche Überprüfung vorbereiten, empfiehlt Gracy Sarkissian, kommissarische Leiterin des Career Center der New York University. „Einige Studenten sagen mir: ‚Ich habe getan, was Sie mir gesagt haben und dafür gesorgt, dass mein Lebenslauf voller Schlüsselwörter ist. Jetzt klingt er wie ein kitschiges Marketingdokument‘“, sagt Sarkissian. Sie rät deshalb dazu, einen weiteren Lebenslauf mit individuellem Design und Format zu erstellen, den man per E-Mail verschicken oder den Personalverantwortlichen bei einem Vorstellungsgespräch vorlegen kann.

Tipp Nr. 3: Lebenslauf-Test mit einer KI durchführen. Automatische Lebenslauf-Checker wie Jobscan bewerten anhand des hochgeladenen Lebenslaufs und der Stellenbeschreibung, wie gut der Lebenslauf mit der Stellenbeschreibung übereinstimmt und helfen, ihn für das ATS des jeweiligen Arbeitgebers zu optimieren. VMock bietet zudem Software für Universitäten und andere Einrichtungen an, die Feedback zu Lebensläufen gibt. Dabei hebt es inkonsistente Daten hervor und vereinfacht Beschreibungen früherer Stellen, die für die aktuelle Bewerbung weniger relevant sind.

Der Algorithmus von VMock hilft den Nutzern auch dabei, übertragbare Fähigkeiten zu identifizieren. Das Programm sagt: „Hier ist etwas, das Sie gemacht haben, aber das entspricht den Soft Skills, nach denen Personalverantwortliche suchen“, sagt Kiran Pande, Mitbegründer und Leiter der Produktabteilung bei VMock. „Sie haben Kommunikationsfähigkeiten, die nicht unbedingt marketingorientiert sind, aber Sie haben gute Kommunikationsfähigkeiten. Sie haben andere Dinge getan, die Ihre Kommunikationsfähigkeiten weiterentwickelt haben. Schreiben Sie auch über diese.“

Tipp Nr. 4: Übung macht den Meister. Warum sollte man sich nicht mithilfe von KI auf Vorstellungsgespräche vorbereiten? Mehrere Unternehmen, darunter auch VMock, bieten Werkzeuge für die Vorbereitung auf virtuelle Vorstellungsgespräche an. Interview Stream stellt Nutzern per Webcam Fragen und ermöglicht es, die Antworten aufzuzeichnen und zu überprüfen. (Alles Angebote auf Englisch und für den US-Markt optimiert.)

Mehrere KI-Dienste für Vorstellungsgespräche wie HireVue, Retorio und Yobs bieten auch die Möglichkeit, ihre Plattformen vor dem geplanten Gespräch zu testen. Bei einigen kann man sogar das Persönlichkeitsprofil einsehen, das sie auf der Grundlage aller Leistungen erstellt haben. „Wenn wir ein Vorstellungsgespräch mit KI-Hilfe führen, fühlt es sich an wie ein gesichtsloser Fremder“, sagt Sarkissian. Aber das Üben mit diesen Plattformen macht den Prozess vertrauter.

Je mehr Informationen man zudem über die Einstellungsprozesse potenzieller Arbeitgeber und die von ihnen verwendeten Bewertungsinstrumente finden kann, desto besser. Nutzergenerierte Videos etwa auf YouTube erklären, wie man KI-gesteuerte Spiele und Vorstellungsgespräche meistert, auch wenn die Qualität und Genauigkeit dieser Ratschläge variieren kann.

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(vsz)