Big Brother

Vom Ziegenstall in den USA direkt in die Zahnarztpraxis in Japan – Webcams erlauben weltweit Einblicke in sonst eher unzugängliche Orte.

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  • Diane Sieger
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Vorbei sind die Zeiten, als Eltern und Großeltern vor einer längeren Autofahrt gespannt auf die Verkehrsnachrichten im Radio warteten, um sich über die aktuelle Verkehrslage zu informieren. Heute kann man sich das Warten auf die Informationen sparen und sie stattdessen zu jeder Zeit online abrufen. An den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten stehen mittlerweile Kameras, die das Geschehen auf der Straße live ins Netz übertragen.

Die Stadt Köln ermöglicht beispielsweise den Blick auf Staus und zähfließenden Verkehr. Ähnliche Angebote gibt es unter anderem in Dresden und Frankfurt sowie in vielen weiteren Städten Deutschlands und Europas.

Manchmal nehmen die Überwachungskameras jedoch nicht nur Verkehrssituationen auf, wie ein Bericht aus der Türkei aus dem letzten Jahr beweist. Eine Mutter hatte dort ihr Baby unter einem Gebüsch nahe einer Autobahn schlafen gelegt und das Kind allein gelassen. Als es aufwachte, krabbelte es munter auf eine viel befahrene Straße – eine auf der gegenüberliegenden Straßenseite platzierte Kamera hat die Bilder festgehalten.

Oft setzen auch Wissenschaftler Kameras ein, um Naturphänomenen auf dem Grund zu gehen. Besonders in der Tierforschung sind derartige Aufnahmen beliebt. Eins der Online-Highlights ist das Falkennest am Franklin Institute in Philadelphia. Die dortige Kamera ist in Betrieb, seit das Falkenweibchen 2009 das erste Ei gelegt hat, und erlaubt Vogelkundlern den Blick in die Nestaktivitäten jedes Jahr aufs Neue. Auch in diesem Jahr ist das Brutpaar zurückgekehrt, aus den drei gelegten Eiern sind bereits drei fluffige Küken geschlüpft und schon bald wird man beobachten können, wie sie ihre ersten Flugstunden nehmen.

Nicht nur exotische Tiere habe ihre eigene Webcam, Haus- und Farmtiere kann man ebenfalls live im Internet bestaunen. Eine nett gestaltete und pädagogisch wertvolle Seite ist „The HenCam“. Die Hühner einer Farm in den USA zeigen sich vor der Kamera von ihrer besten Seite. Scharren, picken, futtern, relaxen – hier lässt sich alles beobachten, was Hennen während eines Tages tun. Und wem das Gegacker zu langweilig wird, der kann zur Ziegenansicht wechseln. Besitzerin der Minifarm ist Kinderbuchautorin Terry Golson, daher ist die Webseite lehrreich und unterhaltsam zugleich.

Webcams stillen jedoch nicht nur Wissensdurst, auch wenn die Sehnsucht nach fernen Ländern plagt, können sie helfen. Im neuseeländischen Tauranga gibt es beispielsweise die direkte Meeresansicht. Den Blick übers Wasser in die Ferne schweifen lassen, Hund und Herrchen beim Joggen beobachten oder zuschauen, wie der Surfer-Dude sich auf dem Parkplatz für den Wellenritt vorbereitet – all das ist per Mausklick möglich. Internet Service Provider EOL bietet Zugriff auf zwei Kameras an, die der Web-Surfer vom heimischen Computer aus steuern kann. Die Strandkamera „Mount Wavecam“ bietet verschiedene Voreinstellungen zur Auswahl an, die sich nach Lust und Laune durch Schwenken und Zoomen variieren lassen. Für die Hafenkamera „Harbour Cam“ findet sich im Dropdown-Menü nur eine einzige Voreinstellung namens „Gnom!“. Die sollte man jedoch nicht verpassen.

Für weitere Impressionen vom anderen Ende der Welt empfiehlt sich der Neuseeland-Webcam-Überblick. Aber bitte nicht vergessen, dass dort Nacht herrscht, wenn in Deutschland Tag ist; die beste Bildübertragung gibt es also zur Schlafenszeit.

Ein Beispiel für Webcams, die nichts anderem als der Unterhaltung dienen, findet man in Florida bei Andie und Mike. Sie haben in ihrem Garten eine riesige Seifenblasenmaschine stehen, die Websurfer per Knopfdruck in Gang setzen und so 30 Sekunden lang einen Seifenblasenzauber beobachten können. Einen Blick hinter die Kulissen erlaubt die Seite „How it Works“ rechts im Menü. Laut bereitgestellter Statistiken wurde die Maschine seit Einrichten der Webcam im Jahr 2001 bereits mehr als 18 000-mal aktiviert.

Nicht immer, wenn es um Unterhaltung geht, muss es sich um einen Live-Feed handeln. Lohnend ist der Blick in das Schweizer Large Hadron Collider (LHC) Labor. Hier ist jedoch Vorsicht geboten – wer nicht über eine gute Portion Humor verfügt, sollte diese Seite meiden.

Für diejenigen, die nach diesen Einblicken wissen möchten, wie man eine Webcam einrichtet, hier eine Kurzanleitung: Als Erstes benötigt man eine an einen Computer angeschlossene Kamera (oftmals mit USB-Anschluss). Mithilfe einer Software werden dann regelmäßig erzeugte Standbilder oder ein Video-Datenstrom online zur Verfügung gestellt. Die Alternative hierzu sind (semi-)professionelle Netzwerkkameras mit direkter Integration in IP-Netze. Sie sind oftmals im Sicherheitsumfeld zu finden und dementsprechend eher im Hochpreissegment angesiedelt.

USB-Kameras sind aufgrund der vergleichsweise kurzen Kabelwege eher für Webcams innerhalb geschlossener Räume geeignet. Der einfachste Weg zur Erzeugung regelmäßiger Standbilder kann in vielen Fällen über die mit der Kamera gelieferte Software führen. Richtet man sie so ein, dass sie die Bilder in einem bestimmten Ordner speichert, aus dem sie ein automatisierter FTP-Upload auf einen HTTP-Server lädt, genügen einige <meta>-Tags auf der HTML-Seite, um die Bilder dort im Abstand von einigen Sekunden oder Minuten neu laden zu lassen.

Je nach Betriebssystem gibt es verschiedene integrierte Lösungen für den Upload von Bildern via FTP. Software wie WebcamXP oder G2 versprechen Windows-Nutzern eine einfache Installation und den störungsfreien Betrieb. Freunde von OS X 10.4+ bietet EvoCam einen vergleichbaren Ansatz. Letzterer beinhaltet auch einen HTTP-Server für Live-Video. Speziell für OS-X-Nutzer dürfte auch Macam interessant sein, eine Sammlung von Treibern für USB-Kameras, darunter eine Vielzahl von Geräten, die offiziell weder Apple noch der Hersteller der Kamera unterstützt.

Möchte man Videobilder als Live-Stream ins Web senden, gilt es, das Ausgabeformat zu beachten. Gängige Videoformate sind beispielsweise Flash Video, QuickTime oder Windows-Media-basierte Streams. Je nach verfügbarer Hardware und gewünschter Präsentation muss die Produktionsumgebung der Webcam passend geplant werden.

Ein empfehlenswertes Tutorial zum Einrichten einer Webcam mit Live-Stream für Flash Video via HTTP bietet „GoodRobot“. Die Vorgehensweise nutzt VLC und FFmpeg, um die von der Kamera empfangenen Bilder live in das .flv-Format zu transkodieren. Ähnliches lässt sich mit Microsofts Windows Media Encorder erreichen. Wer RTMP-Streaming mit Flash Video nutzen möchte, dem seien der unter einer Open-Source-Lizenz verfügbare Media Server Red5 oder Adobes hauseigener Flash Media Server empfohlen.

Zum Schluss noch ein Blick in die Welt von „EarthCam“. Ob Paris, Moskau, Hawaii, Cancun oder die Wasserstelle im südafrikanischen Bush – für jeden Geschmack gibt es den passenden Live-Feed. Doch Vorsicht, die Webseite hat Suchtpotenzial.

VERKEHRSMANAGEMENTZENTRALE Niedersachsen / Region Hannover
Verkehrskameras aus der Region Hannover
Zugeschickt von: Michael Papke (ka)