Bilder auf die Netzhaut

Der japanische Druckerspezialist Brother hat eine Spezialbrille entwickelt, die ihre Bilder mittels schwachem Laserlicht indirekt ins Auge projiziert.

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Von
  • Ben Schwan

Die Idee klingt wie aus einem Science Fiction-Film: Statt auf ein gewöhnliches Display zu schauen, soll der Büromensch von Morgen die von seinem PC generierten Bilder direkt auf die Netzhaut gebeamt bekommen. Der Vorteil: Niemand benötigt mehr einen Riesenschirm, um Aufnahmen im Großformat zu betrachten – und unterwegs lässt sich die Technik, bei der die Privatsphäre des Trägers jederzeit gewahrt wird, ebenfalls nutzen.

Der japanische Mischkonzern Brother, hier zu Lande vor allem für seine Drucker und Multifunktionsgeräte bekannt, will diese Vorstellung nun verwirklichen: Mit einem so genannten "Retinal Image Display" (RID), einem Bildschirm, der ohne große Umwege in die Retina strahlt. Der Projektor ist klein genug, um an den Brillenrand zu passen.

Die Idee, Bilder indirekt in die Netzhaut zu projizieren, existiert bereits seit längerem, allerdings ist Brother die erste Firma, der die Herstellung einer zuverlässigen Vollfarbvariante gelang, die klein genug ist, um sie auch bequem zu tragen. Damit das möglich ist, nutzt Brother Laserdioden, die die drei Grundfarben Rot, Grün und Blau zu einem Bild zusammensetzen. Die dabei eingesetzte Solid State-Technik wurde von dem Technologiekonzern so verkleinert, dass das RID insgesamt nur noch ein Zwanzigstel des Volumens früherer Prototypen einnimmt und nur noch ein Dreizehntel davon wiegt. Besonders die grüne Lichtquelle, die es in dieser Form bislang noch nicht gab, wurde dabei miniaturisiert. Ein weiterer wichtiger Erfolg gelang bei der Stromversorgung: War der Projektor zuvor nur an einer Wechselstromquelle zu betreiben, reicht nun auch eine an den Gürtel geschnallte Batterie.

Die aktuelle Auflösung des RID liegt bei 800 mal 600 Pixeln (SVGA). Für den Betrachter wirkt dies wie ein 10 Zentimeter großes Objekt, das sich etwa einen Meter vor ihm befindet – das entspricht einem mittelgroßen Bildschirm mit 16 Zoll. Da die Darstellung genau in der Bildmitte erfolgt, sind beispielsweise Augmented Reality-Anwendungen denkbar, wenn Brother die Brille noch mit einer Kamera ergänzt – dann erscheinen Zusatzinformationen wie Texte oder Grafiken, wenn man mit der RDI-Brille auf einen bestimmten Gegenstand schaut.

Der von Brother eingesetzte Laser stammt eigentlich aus der Drucktechnik, ist aber derart schwach, dass er dem Auge nichts anhaben kann. Direkt bestrahlt wird dieses davon sowieso nicht – stattdessen kommt ein Hochgeschwindigkeitsspiegel-System in MEMS-Technik zum Einsatz, das das Bild derart schnell aufbaut, dass es nicht zu Nachbildern kommt. Die Leuchtkraft ist dabei so milde gewählt, dass sich die Umgebung weiterhin wahrnehmen lässt.

Brother, das sein RID frühestens 2010 in kleinen Stückzahlen auf den Markt bringen möchte, ist nicht das einzige Unternehmen, dass Retina-Bildschirme ohne Umwege baut: Der japanische Konkurrent NEC arbeitet an einer ähnlichen Technik, die im täglichen Umgang als Übersetzungshilfe dienen soll. Das Gerät nennt sich "Tele Scouter" und besteht aus einem Brillengestell, an dem ein kleiner Projektor und ein Mikrofon befestigt sind, beide hängen an einem am Gürtel angebrachten Minirechner. Spricht man nun mit einer Person, die eine andere Sprache spricht, nimmt das Mikrofon sie auf, der Minirechner übersetzt das Gesagte in den eigenen Zungenschlag und zeigt das Ergebnis dann direkt auf der Netzhaut an. Der Vorteil: Der "Tele Scouter"-Nutzer kann seinem Gegenüber die ganze Zeit über ins Gesicht sehen, ohne dass er einen einzigen Satz der Übersetzung verpasst.

NEC zufolge ist der Projektor derart augenfreundlich, dass man ihn viele Stunden benutzen kann, ohne dass es zu Ermüdungsbeschwerden kommt. Bevor der "Tele Scouter" tatsächlich von geschäftlichen Anwendern genutzt werden kann, muss seine Übersetzungskompetenz und die Spracherfassung aber noch verbessert werden. Deshalb will NEC zunächst in etwa einem Jahr mit einer reinen Display-Variante auf den Markt kommen, die beispielsweise Arbeiter in einer Fabrik tragen könnten, um sich ihre Arbeitsschritte ins Sichtfeld einzublenden.

Allerdings wird nicht jeder Mensch mit den neuen Netzhaut-Bildschirmen umgehen können: So kommt es noch zu Schwindelgefühlen und Reisekrankheit, wenn man die Displays zu lange auflässt oder die falsche Sehstärke der Brille wählt. (bsc)