Billige Verhütung für alle

Victoria Hale, Gründerin der Non-Profit-Organisation "Medicines360", will allen Frauen weltweit Verhütungsmittel zugänglich machen.

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Victoria Hale, Gründerin der Non-Profit-Organisation "Medicines360", will allen Frauen weltweit Verhütungsmittel zugänglich machen.

Die Aktivistin Hale hat einen Pharmakonzern mit völlig andersartiger Struktur gegründet: "Medicines360" ist im Kern eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation, besitzt jedoch eine Tochtergesellschaft, die wie ein ganz normaler Pharmakonzern Gewinne erwirtschaftet. Hales Organisation entwickelt derzeit eine eigene Spirale, die sie zu einem regulären Preis verkaufen will. Die daraus entstandenen Gewinne subventionieren dann den Verkauf der vergünstigten Spirale für ärmere Frauen.

Technology Review: Frau Hale, mit "Medicines360" entwickeln Sie eine Spirale zur Verhütung, die für Arme erschwinglich ist. Wo wird sie gebraucht?

Victoria Hale: Überall, wo Krankenkassen oder Gesundheitssysteme Verhütungsmittel nicht subventionieren, müssen Frauen und Paare Kontrazeptiva aus eigener Tasche bezahlen – in den USA zum Beispiel, oder in Deutschland. Die Hälfte aller Schwangerschaften in den USA ist ungewollt oder ungeplant. Das ist peinlich, und natürlich trifft eine Schwangerschaft arme Frauen ungleich härter. In den USA brauchen sie also hoch effektive und bezahlbare Verhütungsmittel genauso dringend wie in Entwicklungsländern.

TR: Sie entwickeln eine eigene Hormonspirale. Warum bieten Sie nicht einfach die Pille an?

Hale: Die Spirale ist 20-mal sicherer als die Pille. Stellen Sie sich vor, Sie haben Bluthochdruck und sind ein Schlaganfall-Risikopatient – wollen Sie da die Pille nehmen und Ihr Risiko noch mal um den Faktor 20 erhöhen? Natürlich nicht. Außerdem haben wir uns auf die Hormonspirale konzentriert, weil sie bei Frauen und Gesundheitsdienstleistern zwar sehr gefragt, aber wegen ihres hohen Preises oft unzugänglich ist.

TR: Und warum verkaufen Sie nicht einfach ein bereits bestehendes Produkt als Nachahmerpräparat? Das wäre auch günstiger.

Hale: Die Hormonspirale ist ein Kombipräparat aus Medikament und Gerät, in diesem Fall gibt es in den USA für ein Nachahmerpräparat leider keine rechtliche Grundlage. Ohne Konkurrenzprodukt würde Mirena (die derzeit einzige Hormonspirale des Konzerns Bayer, d. Red.) immer ein Eliteprodukt bleiben, das nur wenigen zur Verfügung steht. Unsere eigene Hormonspirale (LNG20, d. Red.) haben wir bewusst ähnlich zu Mirena gestaltet, derzeit testen wir sie an amerikanischen Frauen.

Wir haben eine Lizenz beantragt, um unser Produkt in den USA kommerziell zu vertreiben. Diese Lizenz beinhaltet auch, dass die öffentliche Hand LNG20 in den USA zu einem sehr geringen Preis abgeben darf – und zwar für immer. Danach wollen wir sie in Entwicklungsländern anbieten.

TR: Wann wird man Ihre Hormonspirale kaufen können?

Hale: Sie befindet sich derzeit in der klinischen Phase 3 und wird ab 2014 an mehreren Tausend Patientinnen getestet. Die Tests werden fünf Jahre dauern, erst danach können wir die Zulassung beantragen. Unser Traum ist, sie bedürftigen Frauen mit Anämie zu geben, weil Hormonspiralen die Stärke der Monatsblutung vermindern. Es wäre ein großer Schritt nach vorn für die Frauen.

TR: Könnten auch konventionelle Pharmaunternehmen Ihren Weg gehen?

Hale: Ja. Bislang herrscht die Vorstellung vor, dass ein Unternehmen Verluste einfährt, wenn es Qualitätsprodukte für arme Leute bereitstellt. Aber Medicines360 ist der Gegenbeweis. Nur sollte man nicht erwarten, dass gewinnorientierte Großkonzerne besonders einfallsreich werden bei der Frage, wie man den Armen helfen kann. Dafür wurden die Leute dort nicht eingestellt. Wir werden wichtige Erfahrungen machen, aus denen Konzerne lernen können – wenn sie es wollen. Manche werden interessierter sein als andere.

TR: Haben Pharmakonzerne eine moralische Verpflichtung?

Hale: Moral impliziert immer richtig und falsch. Einigen wir uns lieber darauf, dass das herkömmliche Wirtschaftsmodell unzureichend auf die Bedürfnisse von mehr als einer Milliarde Menschen eingeht. Das können wir besser, das ist auch keine Hexerei. Wir können die Marketing- und Distributionsmaschinerie der Pharmaindustrie nicht ignorieren, wir brauchen sie. Aber ich glaube, es gibt eine Lösung, bei der alle gewinnen. Und sie wird anders aussehen als die Lösungen, die wir heute haben. ()