Billiges Erdgas: Was vom klimaschädlichen US-Fracking-Boom übrig blieb

Die Gewinnung von Schiefergas sollte in den Appalachen viele Jobs schaffen. Die meisten sind wieder verschwunden.

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Fracking in den USA.

(Bild: Joshua Doubek / cc-by-sa-3.0)

Von
  • Colin Jerolmack
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Das Hydraulic Fracturing, allgemein als Fracking bekannt, erlebte in den vergangenen Jahren insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika einen massiven Boom. Hunderttausende Arbeitsplätze sollten beim Herausholen von Schiefergas und -öl geschaffen werden, wenn nicht gar Millionen, wenn man die verarbeitende Industrie hinzurechnet.

Als "Saudi-Arabien des Erdgases" war Pennsylvania das Aushängeschild für die Fracking-Industrie. Doch dort und in den Nachbarstaaten wie Ohio stellt sich nun heraus, dass sich der Hype nicht als nachhaltig erweist. Es wurden viel weniger Arbeitsplätze geschaffen, als gedacht – und viele sind inzwischen wieder verschwunden.

Nehmen wir etwa Williamsport, Pennsylvania. Die ehemalige Holzfällerstadt zwischen dem Susquehanna River und den Ausläufern der Appalachen ist Gastgeber der jährlichen "Little League World Series" im Baseball – doch viel mehr passiert hier eigentlich nicht. Die Probleme der Stadt sind im gesamten "Rust Belt" nur allzu bekannt. Die Bevölkerung ist in den letzten 60 Jahren um mehr als ein Drittel geschrumpft. Die Armutsrate ist doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt – und die Stadt hat eine hohe Drogenmissbrauchs- und Gewaltrate.

Während der US-Präsidentschaftsvorwahlen 2016 machte der republikanische Kandidat Ted Cruz einen Wahlkampfstopp in Billtown, wie die Einheimischen ihren Ort liebevoll nennen. Zu dieser Zeit entwickelte sich die Gegend schnell zu einem Zentrum der Schiefergasförderung. Nachdem viele örtliche Landbesitzer ihre Grundstücke an Erdölfirmen verpachtet hatten, tauchten außerhalb der Stadt immer mehr Bohrtürme auf. Karawanen von Wasser- und Sandtransportern fuhren durch die Nebenstraßen. Der Ölgigant Halliburton eröffnete eine riesige Anlage, die 600 Menschen beschäftigte. Und die Metallverarbeitungsfirma NuWeld – jener Ort von Cruz' Kundgebung – wuchs von 60 auf 290 Arbeiter.

Das Aufkommen von Fracking bot die verlockende Aussicht, dass Billtown und andere deindustrialisierte Gemeinden ihre glorreichen Tage der Industrieproduktion wiedererlangen könnten. "Pennsylvania ist ein Energiestaat", sagte Cruz bei seinem Auftritt. Er sah NuWeld als Vorbote der "Abermillionen neuer hochbezahlter Arbeitsplätze", die Fracking bringen könne. Aber weniger als zwei Wochen nach seinem Besuch schloss das Unternehmen abrupt (es hat seitdem in viel kleinerem Maßstab wieder eröffnet).

NuWeld ist keinesfalls das einzige Unternehmen in der Gegend, das von einer branchenweiten "Verlangsamung" betroffen war, wie Fans des Erdgases es vorsichtig ausdrücken. Dan Klingerman, der den Marcellus Energy Park in Williamsport errichtete, betonte gegenüber Technology Review, dass die Industrie nicht auf dem Rückzug sei – dennoch schloss er selbst still und leise seine Ölfeld-Transportfirma. Eilig gebaute Hotels für Gastarbeiter standen halb leer. Die örtliche Halliburton-Niederlassung reduzierte ihre Belegschaft auf etwa 40 Mitarbeiter.

Bis 2019 war es offensichtlich, dass "Abschwung" ein Euphemismus für Pleite war. Im Januar desselben Jahres gab es im gesamten Bundesstaat nur noch 19 Bohranlagen, gegenüber 114 im gleichen Monat des Jahres 2012. Das sind weniger Anlagen, als Pennsylvania vor Beginn des Fracking-Booms hatte. Was war geschehen? Ein "Bloomberg"-Bericht schreibt: "Die Zahlen haben nie gepasst". Fracking war schon immer teuer; außerordentlich großzügige Subventionen für fossile Brennstoffe halfen, die wahren Kosten zu verbergen. Da neue Bohrvorhaben im ersten Jahr mit einem durchschnittlichen Produktionsrückgang von 60 Prozent konfrontiert sind, mussten die Mineralölunternehmen stets neue Bohrlöcher eröffnen. Das gesamte Modell basierte auf hohen Öl- und Gaspreisen. Doch landesweit drückte die durch den Fracking-Boom ausgelöste Gasschwemme (und in geringerem Maße auch beim Öl) die Preise auf den niedrigsten Stand seit den Neunzigerjahren.

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Die Folge? Die Fracker traten auf die Bremse. Eine Welle von Konsolidierungsbemühungen und Insolvenzen schwappte durch den Sektor. Die Aktienkurse führender Energieunternehmen wie Chesapeake Energy Corporation stürzten ab (das Unternehmen meldete 2020 Konkurs an). Einige, wie die Anadarko Petroleum Corporation, liquidierten ihre Schiefergas-Beteiligungen ganz. Chevron gab im Dezember 2019 bekannt, dass es bis zu 11 Milliarden US-Dollar an Schiefergasanlagen abschreiben würde.

Die Öl- und Gasindustrie hat im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Arbeitsplätze abgebaut. Ein Bericht des Beratungsunternehmens Deloitte warnte, dass etwa 70 Prozent der im Jahr 2020 verlorenen Arbeitsplätze nicht mehr zurückkommen könnten – weder 2021 noch irgendwann sonst. Im April wies der Energieabbausektor mit 15 Prozent die höchste Arbeitslosenquote des Landes auf. Die Erdölindustrie und der Gassektor haben auch einen großen Reputationsschaden erlitten, weil sie zur Erwärmung des Planeten beitragen und gleichzeitig den Klimawandel leugnen. Die mit dem Fracking verbundenen Methanemissionen kommen so häufig vor, dass Wissenschaftler inzwischen vermuten, dass der Ersatz von Kohle durch Erdgas die Treibhausgasemissionen gar nicht reduzieren wird. Die Aktionäre revoltieren, Finanzverwalter trennen sich von ihren Beteiligungen.