BioNTech: Wie der mRNA-Impfstoff gegen COVID-19 funktionieren soll

Das Rennen um das erste Vakzin gegen das Coronavirus könnte eine Firma aus Mainz machen.

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Impfung – hier durch die Nase.

(Bild: CDC)

Von
  • Nike Heinen

Die Neuigkeit schaffte es auch auf die großen Nachrichtenseiten: Einen bis zu "90-prozentigen Schutz" soll ein neuer COVID-19-Impfstoff bieten, den das Mainzer Unternehmen BioNTech zusammen mit dem Pharmariesen Pfizer entwickelt hat. Die Phase-III-Tests seien vielversprechend, hieß es, die Beantragung einer Zulassung nur Tage entfernt.

Das "Impfen mit Erbgutschnipseln" verspricht eine schnelle und dennoch sichere Entwicklung von Vakzinen. mRNA statt der Oberfläche von Erregern wird dabei verwendet. Das eigentliche Ziel von BioNTech sind zwar mRNA-Systeme gegen Krebs, aber auch in der Pfalz stellten die Biotechniker kurzfristig auf prophylaktische Impfstoffentwicklung um und haben ihren ersten Covid-19-Impfstoff namens BNT162b2 produziert.

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Die Idee hinter der mRNA-Therapie – egal gegen welche Krankheit – ist so genial wie einfach: Eine mRNA ist der Bauplan für Proteine. Die Zelle fertigt sie als Abschrift eines ganz bestimmten Abschnitts der DNA. Anschließend transportiert sie diese aus dem Zellkern heraus, um Hormone, Enzyme oder andere wichtige Produkte herzustellen. Daher stammt der Name: „m“ steht für messenger, Bote. Warum also diesen Mechanismus nicht nutzen – und den Körper seine Medikamente selbst herstellen lassen? Genau das steckt hinter den mRNA-Medikamenten: Forscher wollen die Baupläne für therapeutische Proteine in die Zellen schleusen und sie dort nachbauen lassen.

Bei Stoffwechselkrankheiten wären es Proteine, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Bei Krebs wären es jene, die das Immunsystem auf Tumorzellen aufmerksam machen. Nach einer Tumor-Biopsie bestimmen Biotechniker charakteristisch Oberflächenproteine der entarteten Zellen. Dann impfen sie die Patienten mit der entsprechenden mRNA gegen diese individuellen Tumormerkmale.

Wirkt die Impfung, bekommen die Patienten zusätzlich eine Chemotherapie. Eine Impfung gegen Eierstockkrebs erprobt BioNTech gerade im niederländischen Groningen. In frühen klinischen Studien an Patienten hat das Unternehmen weitere acht verschiedene mRNA-Vakzine, die die körpereigene Abwehr auf die Spur von wachsenden Krebszellen bringen sollen. Und bei Sars-CoV-2? Dort stellen die geimpften Zellen Feindproteine des Virus her. Sind sie fertig zusammengesetzt, stellt die Zelle fest, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, und alarmiert das Immunsystem.

Schon vor der Corona-Pandemie herrschte Goldgräberstimmung in der mRNA-Branche: Nachdem die ersten den Schritt in die klinischen Studien mit Patienten geschafft hatten, öffneten Investoren ihre Portemonnaies. BioNTech ging im Oktober 2019 an die US-Börse – seitdem ist der Aktienwert um fast 600 Prozent gestiegen.

Nicht nur BioNTech ist ein großer Player im mRNA-Bereich. Pionierarbeit auf dem Gebiet leistet auch das US-Unternehmen Moderna Therapeutics. Das Unternehmen ist durch seinen Covid-19-Impfstoff-Kandidaten, den es seit Mitte März in klinischen Studien hat, weltweit bekannt geworden. Aber es hat bereits vier Vakzine an Menschen erprobt, unter anderem gegen das durch Mücken übertragene Zika- und gegen das Cytomegalievirus. Letzteres ist vor allem bei Transplantationen und anderen Behandlungen, bei denen das Immunsystem der Patienten unterdrückt werden muss, lebensgefährlich. In der Szene mischt außerdem CureVac aus Tübingen mit. Dort begann im Frühjahr die Arbeit an einem Corona-Impfstoff. (bsc)