Unsere letzte Chance: Was gegen das Artensterben hilft

Fast 200 Staaten treffen sich derzeit auf der "Weltnaturkonferenz" in Montréal – und reden. Doch was lässt sich gegen das Artensterben konkret tun?

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  • Gregor Honsel
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Vertreter von fast 200 Ländern treffen sich vom 6. Dezember bis zum 19. Dezember im kanadischen Montréal zur Weltnaturkonferenz, beziehungsweise zur "Convention on Biological Diversity", wie die Versammlung offiziell heißt. Das Ziel des Treffens soll es sein, sich auf eine Art "Weltnaturvertrag" zu einigen. Nach dem Vorbild des Pariser Klimaabkommens soll so dem Aussterben von Tier- und Pflanzenarten entgegengewirkt werden. Doch auch der Blick auf die Klimavereinbarung zeigt: Leicht wird es nicht. So fand auch UN-Generalsekretär António Guterres zur Eröffnung der Konferenz in Kanada harsche Worte: Die Menschheit behandle die Natur wie eine Toilette. "Letztendlich begehen wir damit stellvertretend Suizid, denn der Verlust von Natur und Artenvielfalt geht mit gewaltigen Kosten für die Menschheit einher", so Guterres. Ein starkes Abkommen ist daher dringend nötig.

Online-Serie: Biodiversität
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(Bild: Miha Creative / Shutterstock.com)

Anlässlich der Weltnaturschutzkonferenz in Kanada vom 7. bis 19. Dezember veröffentlichen wir täglich einen der insgesamt sieben Texte des Heft-Schwerpunktes zur Biodiversität von MIT Technology Review hier frei lesbar (die Ausgabe erschien im Juli 2022). Die Artikel beschäftigen sich mit Lösungsansätzen, was es braucht, um die Biodiversität unserer Erde zu schützen.

Bevor sie das Panda-Gehege betreten, ziehen sich Tierpfleger im chinesischen Wolong schwarz-weiße Kostüme über und besprenkeln sich mit Panda-Urin. So wollen sie verhindern, dass sich die Tiere vor dem Auswildern an Menschen gewöhnen. In Neuseeland hatte der Tierschützer Don Merton über Jahre hinweg alle Ratten und andere eingewanderte Säuger auf einer zwei Hektar großen Insel vergiftet, um die letzten fünf Exemplare des Chatham-Trauerschnäppers zu schützen.

In Süddeutschland und Österreich bekommen Waldrapp-Küken Motorgeräusche vorgespielt, um sie auf Ultraleichtflugzeuge zu konditionieren, die sie später über hunderte Kilometer in ihre Überwinterungsgebiete führen sollen. Und um die Eier der wenigen hundert verbliebenen Weißkehl-Kleidervögel auf Hawaii in Sicherheit zu bringen, streiften Tierschützer oft tagelang durch die Wildnis. Hatten sie dann ein Nest gefunden, mussten sie per Hubschrauber eine Aluleiter einfliegen lassen. 130 Personenstunden konnte die Rettung eines einzigen Geleges dauern.

Der Waldrapp ist ein Zugvogel, der mit menschlicher Hilfe das Ziehen wieder erlernen muss.

(Bild: Daniel Zupanc)

Die Beispiele, die der Wissenschaftsjournalist Lothar Frenz in seinem Buch Wer wird überleben? zusammengetragen hat, zeigen: Für die Rettung einiger Tierarten ist dem Menschen kein Aufwand zu groß. Aufopferungsvoller als Homo sapiens hat sich wohl noch nie eine Spezies um andere gekümmert. Dies ist die eine Seite.

Die andere: Die gleiche Spezies bringt einige Nashorn-Arten an den Rand der Auslöschung, weil sie deren Hörnern irgendwelche obskuren Heilkräfte andichtet – dabei wäre es genauso wirksam, an den eigenen Nägeln zu kauen. Sie fackelt zudem Regenwälder ab, fischt Meere leer, kastriert Landschaften zu sterilen Agrarsteppen, erwärmt das Klima.

Damit hat sie das sechste Massenaussterben in der Erdgeschichte in Gang gesetzt. Die fünf bisherigen fanden vor 444, 360, 250, 200 und 65 Millionen Jahren statt. Danach dauerte es jeweils mehrere Millionen Jahre, bis sich die Artenvielfalt wieder erholte. Zwar ist das Artensterben ein normaler Teil der Evolution, doch zurzeit läuft es einhundert- bis eintausendmal schneller ab. Laut Living-Planet-Index des WWF sind zwischen 1970 und 2016 rund 68 Prozent der Wirbeltierarten verschwunden. Weitere 25 Prozent sind derzeit vom Aussterben bedroht, warnt der jüngste Report der "Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services".

Bei Amphibien hat sich das Artensterben stärker beschleunigt als bei allen anderen Wirbeltierarten.

(Bild: IPBES, The Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services )

75 Prozent der Ökosysteme zu Land und 66 Prozent zu Wasser seien bereits erheblich beeinträchtigt oder gar zerstört worden, warnte ein interdisziplinäres Forscherbündnis im Mai in der "Berliner Erklärung". Davon seien heute schon 3,2 Milliarden Menschen betroffen.

"Die von uns ausgelöste Ökokrise ist gewaltiger als alles, was Gesellschaften in der menschlichen Geschichte überstehen mussten", schreiben die Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens und Fritz Habekuss in ihrem Buch Über Leben. "Nicht einmal die Klimakrise bedroht uns so sehr in unserer Existenz. Sie gefährdet zwar die Art, wie wir leben, aber nicht, ob wir leben".

Beide Themen sind eng miteinander verwoben. "In Ökosystemen auf dem Land werden 3 bis 14 Prozent der untersuchten Spezies schon bei einem globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad einem sehr hohen Risiko der Ausrottung ausgesetzt sein", heißt es im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC. Bei einer weiteren Erwärmung kann sich das Aussterberisiko für bestimmte Arten verdoppeln bis verzehnfachen. Umgekehrt können sich artenreiche Lebensräume nicht nur besser auf ein verändertes Klima einstellen – sie sind auch in der Lage, große Mengen CO2 zu binden. "Der Schutz von Biodiversität ist fundamental für die Klima-Resilienz", so der IPCC-Bericht. Dies könne "dem Wohlbefinden, der Gesundheit und der Ernährung der Menschen dienen und das Risiko von Katastrophen senken".