Blut aus dem Watt

Der unscheinbare Wattwurm "Arenicola marina" könnte eine Lösung für den weltweiten Spenderblutmangel und weitere medizinische Probleme bedeuten.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Franck Zal, Chef des französischen Biotech-Unternehmens Hemarina, glaubt an eine einfachere Blutversorgung. Der Biologe entdeckte vor 17 Jahren ein Sauerstoff transportierendes Molekül im Blut von Wattwürmern. "Dieser mehrere Millionen Jahre alte Vorfahre des menschlichen Hämoglobins ist ihm strukturell sehr ähnlich, kann aber viel mehr Sauerstoff binden – 156 Moleküle statt vier", sagt Zal. Noch wichtiger aber ist, dass es sowohl Wirbeltiere als auch der Mensch sehr gut vertragen.

"Wir fanden weder von anderen tierischen Hämoglobinen verursachte Nebenwirkungen wie das Verengen von Blutgefäßen, noch wird das Molekül vom Immunsystem abgestoßen oder als Allergen behandelt", sagt der Biologe. Um die Idee weiterzuverfolgen, gab er 2007 seine Stelle bei der Forschungsorganisation Centre National de la Recherche Scientifique auf – und gründete seine Firma. Hemarina gewinnt das Ersatzhämoglobin direkt aus den Würmern, die es in einer Aquafarm züchtet.

Seine Verträglichkeit macht das Wurmhämoglobin für viele Einsatzmöglichkeiten interessant, vor allem als Basis für einen Universal-Blutersatz. Damit wäre die Blutgruppen-Unverträglichkeit obsolet. Denn der Farbstoff kommt frei im Blut vor, braucht also keine roten Blutkörperchen als Träger.

Außerdem hat Hemarina ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Wurmhämoglobin zu einem Pulver verarbeiten lässt. Damit ist es anders als Blutkonserven überall einsetzbar und viel länger haltbar. Während sich Blutkonserven nur 42 Tage nutzen lassen, hält das Pulver mindestens 2,5 Jahre. "Sie müssen nur Wasser hinzugeben und hätten es zum Beispiel vor Ort bei einem Unfall mit starkem Blutverlust gleich zur Hand", sagt der Hemarina-Chef. Bis das Pulver fertig entwickelt ist, wird es einige Zeit dauern. Derzeit laufen Tierversuche. Die erste klinische Studie könnte Anfang 2019 starten.

Eine andere Anwendung könnte indes schon bald zur Verfügung stehen. Im Februar hat Hemarina eine klinische Studie abgeschlossen, in der eine Schutz- und Nährlösung mit dem Wurmhämoglobin Spenderorgane mit Sauerstoff versorgt hat. "Die vorläufigen Daten zur Sicherheit und Effizienz sehen sehr gut aus", sagt Zal. Das HEMO2life getaufte Produkt hält die Organe bedeutend länger frisch als die klassische Kühlung und verlängert das Transplantationsfenster von Stunden auf Tage. "Bisher können zwanzig Prozent der Spenderorgane niemandem helfen, weil sie nicht schnell genug zu einem passenden Empfänger gelangen", klagt der Hemarina-Chef. Läuft alles gut, könnte HEMO2life 2018 in Europa zur Verfügung stehen.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit wäre eine Wundauflage für Diabetiker. Sie könnte chronische Wunden in schlecht durchblutetem Gewebe besser mit Sauerstoff versorgen. Dafür hat Hemarina sein Molekül in ein Hydrogel eingebettet, wo es außen Sauerstoff einfängt und nach innen zur Wunde abgibt. In etwa drei Jahren könnte dieses Produkt marktreif sein.

Damit ist das Potenzial des Wurmhämoglobins noch nicht ausgeschöpft. Hemarina hat auf Anfrage der US-Marine untersucht, ob sein Molekül Menschen mit Gehirntraumata helfen und ihr Gehirn mindestens eine Stunde mit Sauerstoff versorgen könnte. Denn Stoßwellen bei Explosionen können zu Gehirnblutungen und Blutgerinnseln und damit zu Sauerstoffmangel führen. Das Wurmhämoglobin schaffte 2,5 Stunden, wie im "Journal of Neurotrauma" berichtet wurde. Vorstellbar wäre somit auch eine schnellere und bessere Versorgung von Schlaganfallpatienten durch das Wurmhämoglobin. (bsc)