Blutuntersuchung zeigt tatsächliche Coronavirus-Verbreitung

Ein neuer Test weist anhand von Antikörpern nach, ob eine Person jemals mit Covid-19 infiziert war, auch wenn sie keine Symptome hatte.

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(Bild: USAF)

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Um festzustellen, wie verbreitet das neue Coronavirus ist, muss man die tatsächliche Infiziertenzahl kennen. Denn viele Leute stecken sich an, entwickeln aber kaum oder gar keine Symptome. Jetzt hat ein Team an der Icahn School of Medicine in New York einen Test entwickelt, der Menschen mit solchen asymptomatischem Krankheitsverlauf identifizieren kann. Der in einer MedRxiv-Vorabpublikation beschriebene Nachweistest sucht in Blutproben nach Antikörpern gegen das Coronavirus und ähnelt damit dem am häufigsten verwendeten Nachweistest etwa für HIV.

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Tests wie dieser zeigen, ob das Immunsystem einer Person jemals mit dem Virus in Kontakt gekommen ist. Wie viele Menschen tatsächlich infiziert waren, ist zum einen für Krankheitsmodellierer wichtig, damit ihre Prognosen genauer werden. Regierungen brauchen die Zahl ebenfalls dringend, um entscheiden zu können, wie starke Abschottungsmaßnahmen für Bevölkerung nötig sind.

Das neue Coronavirus hat weltweit mehr als 10.000 Menschen getötet. Das entspricht etwa vier Prozent der 244.600 bestätigten Fälle und ergibt eine schockierende Sterblichkeitsrate (Stand: 20.03.2020). Allerdings liegt die tatsächliche Sterblichkeitsrate mit Sicherheit niedriger und möglicherweise sogar viel niedriger. Epidemiologen können sie aber nicht genau beziffern, weil viele Betroffene mit leichten Symptomen nicht ins Krankenhaus müssen oder gar keine Symptome entwickeln. Im Wesentlichen fehlt den Modellierern der genaue Nenner der Sterblichkeitsraten-Berechnung: Dafür teilt man die Zahl der am Corona-Virus verstorbenen Menschen durch die Zahl aller Infizierten.

Die echte Infiziertenzahl nicht zu kennen, ist ein großes Problem bei der Festlegung von Gegenmaßnahmen. John Ioannidis von der Stanford University argumentierte Mitte März auf der Biotechnologie-Nachrichtenseite Stat News, dass die wahre Sterblichkeitsrate niedriger sein könnte als die der saisonalen Grippe. Wäre das tatsächlich der Fall, würden weltweit gerade aufgrund "absolut unzuverlässigen" Daten "drakonische Gegenmaßnahmen" beschlossen, so der Forscher. Wie darüber hinaus Forscher aus Großbritannien, den USA und China im fachjournal "Science" schreiben, wurden zu Beginn des Ausbruchs nur eine von fünf oder gar nur eine von zehn tatsächlichen Infektionen dokumentiert.

Derzeit verstärken die USA und andere Länder ihre Bemühungen, Menschen schnell zu testen. Der neue diagnostische Test sucht mittels einer Polymerasekettenreaktion (PCR) genannten Methode in Nasen- oder Rachenabstrichen direkt nach dem genetischen Material des Virus. Er sagt Menschen mit besorgniserregenden Grippesymptomen, ob sie gerade mit dem neuen Coronavirus infiziert sind.

Der neue Test kann zudem auch verraten, ob jemand überhaupt Kontakt mit dem Keim hatte, eventuell schon vor Monaten – oder eben nicht. Wenn jemand exponiert war, sollte sein Blut Antikörper gegen das Virus enthalten. Das Icahn-Team unter der Leitung des Virologen Florian Krammer sagt, mit dem neuen Test ließen sich immun gewordene Menschen finden, die dann beispielsweise ihr antikörperreiches Blut an Menschen auf Intensivstationen spenden könnten, um deren Immunität zu stärken.

Darüber hinaus könnten Ärzte, Krankenschwestern und Mitarbeiter des Gesundheitswesens erfahren, ob sie bereits exponiert waren. Krammer zufolge könnten diejenigen, die aufgrund des Tests von einer Immunität ausgehen können, theoretisch wieder an die Versorgungsfront eilen und riskante Aufgaben wie die Intubation einer infizierten Person ausführen, ohne sich Sorgen über eine Infektion machen zu müssen.

Andere wissenschaftliche Zentren etwa in Singapur arbeiten ebenfalls an Antikörpertests, ebenso wie einige US-Unternehmen, die Produkte an Forscher verkaufen. Auch die US-Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) sind dabei, einen solchen Antikörper-Nachweistest zu entwickeln. Für seine Version stellte das Icahn-Team zunächst Kopien des sogenannten Spike-Proteins auf der Oberfläche von Covid-19 her. Dieses Protein ist hoch immunogen, die Körperabwehr erkennt es also als Fremdkörper und bildet Antikörper dagegen. Für den Test wird dann die Blutprobe Bruchstücken des Spike-Proteins ausgesetzt. Sind Antikörper in der Blutprobe vorhanden, binden sie an die Spikes und lösen eine Farbreaktion aus, die den Treffer anzeigt.

Das Icahn-Team prüfte seinen Test mithilfe von Blutproben, die vor dem Corona-Ausbruch in China gesammelt wurden, sowie mithilfe von Blut von drei tatsächlichen Coronavirus-Fällen. Laut Krammer kann der Test die Reaktion des Körpers auf eine Infektion "bereits drei Tage nach Auftreten der Symptome" erfassen. Um das wahre Ausmaß der Infektionen herauszufinden, wird der nächste Schritt für Forscher in New York und anderswo darin bestehen, den Bluttest an einer großen Anzahl von Menschen in einem Ausbruchsgebiet durchzuführen. Das könnte allerdings einige Zeit dauern. Krammer zufolge laufen die Bemühungen für breitere Test "gerade erst an".

(vsz)