Buchbesprechung: Ask Your Developer

Twilio-CEO Jeff Lawson plädiert in seinem Buch für ein kooperativeres Miteinander von Führungsriege und Entwicklungsabteilung.

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Buchbesprechung: Ask Your Developer

(Bild: Dezay/Shutterstock.com)

Von
  • Tam Hanna

Jeff Lawson
Ask Your Developer
How to Harness the Power of Software Developers and Win in the 21st Century
Harper Business 2021
304 Seiten, 20,99 Euro
ISBN: 978-0-06301-829-7

Fans der Dilbert-Comics wissen, dass die Beziehung zwischen "Management" und "technischem Personal" von Konflikten geprägt ist – und sich im besten Fall noch als unkooperativ bezeichnen lässt. Jeff Lawson, Mitgründer und CEO des Messaging-Diensts Twilio, hat nun unter dem Titel "Ask Your Developer" ein Buch vorgelegt, das für ein "besseres Auskommen" zwischen den streitenden Parteien sorgen könnte.

Schon im Vorwort arbeitet Lawson heraus, dass digitale Disruption, Transformation und Industrie 4.0 die an das IT-Wesen nicht-traditioneller IT-Unternehmen gestellten Anforderungen radikal verändern werden. Ging es bisher vor allem um das Melden von Kennzahlen und das Verwalten von Daten, so ist IT heute integraler Teil der meisten Unternehmen und steht im Fokus bei der viel beschworenen Customer Experience.

Ask Your Developer

(Bild: harpercollins.com)

Nach einem historischen Rückblick auf die Microservices-Revolution wendet sich Lawson der leidlichen Frage des "Build or Buy?" zu. Denn in der heutigen, von modularen Software-Dienstleistungen geprägten Zeit müssen sich auch Entwicklerinnen und Entwickler stets fragen, ob sie die vorliegende Aufgabe mit einem hauseigenen oder besser mit einem zugekauften Produkt erledigen. Da Lawson die Anfänge der Amazon Web Services beim ehemals reinen Buchhändler live miterlebt hat, streut er nicht nur interessante Anekdoten ein, sondern geizt auch nicht praktischen Beispielen – etwa von Twilio, aber auch von digitalen Banken und "disruptiven" Matratzenherstellern. Seine Handreichungen orientieren sich unterdessen daran, was in der klassischen Welt der Programmierung seit langer Zeit als Best Practice gilt.

Während das Verhältnis zwischen IT-Experten und der Managementriege in Unternehmen häufig nicht von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist, beginnt Lawson den zweiten Teil seines Buchs mit einem Plädoyer für die Kommunikation mit den Entwicklungsteams. Er gibt Führungskräften Tipps, wie sie sich für Softwareentwickler identifizierbar und ansprechbar machen. Darauf folgen Überlegungen zum Informationsmanagement und zur Rekrutierung sowie zur "Hege und Pflege" der Kreativangestellten in den Entwicklungsabteilungen.

Als Teil der Motivation im Job stellen amerikanische Software-Unternehmen ihren Mitarbeitern gerne die unterschiedlichsten "Perks" (Vergünstigungen) zur Verfügung – im Fall des Unternehmens des Rezensenten, der Tamoggemon Holding, können das auch eher fragwürdige Angebote wie Alkohol und Zigarren sein.

Lawson untermalt seine Überlegungen dazu mit praktischen Beispielen und Zitaten realer CEOs. So kommt ein Manager der niederländischen Fintech-Bank bunq zu Wort, der erklärt, warum sein Unternehmen absichtlich keine Spitzengehälter zahlt. Sinn dahinter sei es, Personen nicht allein mit Geld anzulocken, sondern vielmehr jene zu gewinnen, die mehr an der Lösung eines technischen Problems interessiert seien.

In traditionell ausgerichteten Unternehmen erweist sich Lawson zufolge auch die Personalabteilung häufig als Hemmschuh, wenn es gilt, Entwicklerinnen und Entwickler "an der langen Leine" zu führen – ihnen also mehr Freiheiten zuzugestehen. Der Twilio-CEO veranschaulicht dies unter anderem anhand eines Beispiels aus der Obama-Administration, die einen hauseigenen Digital-Stab aufbauen wollte. Dabei hätten sich schon harmlose Probleme als Stolperstein erwiesen, etwa, dass viele Entwickler sich weigerten, in Meetings Krawatten zu tragen.

Im abschließenden Teil des Buchs wendet sich Lawson noch der Frage zu, wie es das Management schafft, Entwicklerinnen und Entwicklern bei deren "erfolgreichem Erreichen" ihrer Ziele zu unterstützen – oder ihnen zumindest nicht im Wege zu stehen. Neben konkreten Hinweisen zum Gestalten einer innovationsförderlichen Unternehmensstruktur finden sich hier auch Überlegungen dazu, wie sich eine Entwicklungsinfrastruktur aufbauen lässt und wie Meetings erfolgreich laufen können. Überraschenderweise plädiert Lawson dabei für einen Hands-on-Managementstil.

Interessant und wichtig sind auch die Überlegungen und Hinweise dazu, dass Unternehmen ihre Entwicklerinnen und Entwickler so stark wie möglich in die Kommunikationsprozesse mit Kunden einbinden sollten. Nach Meinung des Rezensenten rechtfertigen allein diese Ausführungen den Erwerb des Buches.

Harper Collins zählt zweifelsohne nicht zu den Verlagen, die für Bücher zur traditionellen Welt der Informatik bekannt sind. Mit "Ask Your Developer" aus der Reihe Harper Business gelingt dem Verlag allerdings ein Brückenschlag, der insbesondere auf Management-Seite neue Perspektiven öffnet. Wer – wie auch der Rezensent – als Manager tätig ist, findet in dem Werk zudem diverse Hinweise "alter Meister", die zum Lernen anregen. In diesem Sinne ist Lawsons Buch eine volle Empfehlung.

Tam Hanna
befasst sich seit dem Jahr 2004 mit Handcomputern und Elektronik. Derzeit liegt sein Fokus auf interdisziplinären Anwendungen von Informationstechnologie.

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