Bürger kontra Gesichtserkennung

In den USA formiert sich eine Bewegung, die verhindern will, dass Polizeibehörden, Schulen, Verwaltungen oder Privatfirmen ihre Überwachungsmaßnahmen verstärken.

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(Bild: Brett Jordan via Unsplash)

Von
  • Angela Chen

Was ist erlaubt bei der Gesichtserkennung und was nicht? In den USA gibt es einen Wust an Regeln, der die Menschen verwirrt und ihre Daten gefährdet. Doch das könnte sich durch Druck der Bürger ändern.

In San Francisco darf so beispielsweise die Polizei keine Gesichtserkennungsverfahren einsetzen, wenn sie eine Person festgenommen hat. Einem Vermieter ist es hingegen für Schließsysteme erlaubt, ebenso wie einer Schule, bei der sich die lieben Kleinen am Eingang mit ihrem Gesicht identifizieren müssen.

Denn: Wir befinden uns mitten in einem Zeitalter, in dem Kameras an jeder Ecke automatisch Passanten erkennen können – egal ob diese es mögen oder nicht. Die Frage danach, wem es erlaubt sein sollte, diese Technologie zu nutzen und wem nicht, bleibt in den USA weitestgehend unbeantwortet.

Bisher hat sich der amerikanische Protest gegen Gesichtserkennungstechniken größtenteils auf die Polizei fokussiert. San Francisco und Oakland sowie Somerville, Massachusetts, haben den Gesetzeshütern im vergangenen Jahr verboten, die Systeme zu nutzen, weil deren Algorithmen für farbige Menschen und Frauen nicht präzise arbeiten. Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat sogar ein Moratorium für die Nutzung bei der Polizei gefordert.

Privatfirmen und Immobilienbesitzer hatten bisher keine solchen Restriktionen – und Gesichtserkennung taucht folglich auch verstärkt in Wohnhäusern und Hotels auf. Privatsphärenschützer sind besorgt, dass Dauerüberwachung zu Diskriminierung führt und eine abschreckende Wirkung auf die freie Meinungsäußerung haben könnte – und die amerikanische Öffentlichkeit hat ein ungutes Gefühl. Einer aktuellen Studie von Pew Research zufolge fühlen sich die Menschen in den USA wohler, wenn die Polizei Gesichtserkennung verwendet als wenn es Privatunternehmen tun.

Jeder, der darauf wartet, dass es ein schnelles föderales Verbot gibt – entweder für die Polizei oder für die Privatindustrie – wird vermutlich enttäuscht, sagt KI-Politik-Expertin Mutale Nkonde, Stipendiatin am Berkman Klein Center der Harvard University. "Aus Perspektive der US-Bundesregierung heraus wird alles was danach aussieht, das Business oder die Innovation zu untergraben, nicht gewünscht", sagt sie. Theoretisch könnten Verbote in Städten, in denen sie bisher auf Polizisten ausgerichtet waren, auf Privatbereiche ausgeweitet werden. Bundesstaaten könnten diese dann aufgreifen, was schließlich zum Handeln in Washington führen müsste. Allerdings könnte dies eine Weile dauern, falls es überhaupt jemals passiert.

In der Zwischenzeit gibt es eine wachsende Bewegung mit dem Ziel, die Privatüberwachung mit einer Reihe von Taktiken einzuschränken. Diese reichen von der direkten Auseinandersetzung mit Unternehmen bis hin zu rechtlichen Diskussionen mit der Frage, was Bürgerrechte in Amerika überhaupt ausmacht.

Die erste Taktik gegen die Gesichtserkennung sei "Druck alter Schule auf die Unternehmen", sagt Evan Greer, stellvertretende Direktorin der Digitalrechte-Gruppe "Fight for the Future". Die Organisation hat eine Website erstellt, die Airlines auflistet, die Gesichtserkennung verwenden, um Konsumenten dazu zu ermutigen, andere Flugoptionen zu wählen. Jüngst hat Fight for the Future eine Kampagne gestartet, um Konzertorte und Festivals unter Druck zu setzen, die Technik nicht zu nutzen – teilweise inspiriert durch die Aussage von des Ticketverkäufers Ticketmaster, dass es Konzertkarten mit Gesichts-ID ersetzen könnte. Musiker, inklusive Singer-Songwriterin Amanda Palmer, Rapper Atmosphere oder Tom Morello von "Rage Against the Machine", haben die Kampagne unterstützt.

Festivals mit großen Namen wie Governors Ball, Austin City Limits, Bonnaroo und Pitchfork haben mittlerweile versprochen, keine Gesichtserkenung zu nutzen. "Solche verbindlichen Zusagen zu bekommen, ist viel wert", sagt Greer. "Wir müssen nicht darauf warten bis eine Industrie eine Technik bereits breit einsetzt und sie in ihr Geschäftsmodell eingeflochten hat."

Ein anderer Ansatz folgt den sich von Stadt zu Stadt ausweitenden Polizei-Verboten. Die Stadt Oregon, Portland, erwägt zwei unterschiedliche Verordnungen, eine würde Polizisten den Gebrauch der Technik verbieten und eine würde Privatunternehmen parallel dazu stoppen. Das Privatverbot würde jedoch beispielsweise Apples Face ID oder Facebooks Gebrauch von Gesichtserkennung in seinen Foto-Tagging-Funktionen nicht betreffen. Die Stadt sorgt sich vielmehr davor, dass Läden und andere Einrichtungen künftig die Gesichtserkennung für den Zutritt erforderlich machen könnten. Vor einem Jahr hat "Jacksons", ein lokaler Nachbarschaftsladen, angefangen, dies auf begrenzter Basis zu tun. Der Stadtrat diskutiert den Vorschlag erneut in einer Sitzung im November.

Unterdessen konzentrieren sich die US-Kongressabgeordneten Yvette Clarke, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib nicht auf geografische Regionen, sondern auf bestimmte Gruppen. Sie haben jüngst ein Bundesgesetz vorgestellt, das die Gesichtserkennung bei vom US-Bund finanzierten Sozialwohnungen verbieten würde. Die Nutzung von Gesichtserkennungen durch Vermieter wird schnell zum zentralen Streitpunkt. Dem neuesten Pew-Report zufolge finden nur 36 Prozent der Amerikaner, dass es okay ist, Gesichtserkennung zu verlangen, um den Ort betreten zu können, an dem sie wohnen.

Noch größere Besorgnis besteht beim Sozialwohnungsbau. Die Technik ist nicht nur invasiv, sagen Bewohner, sondern diskriminierend – weil viele Bewohner farbig sind. In New York kämpfen Bewohner eines Sozialwohnungsbaus gegen den Plan ihres Vermieters, das Schlüssel-Eingangs-System durch ein System mit Gesichtserkennung zu ersetzen. "Warum hat [der Vermieter] unser Haus ausgewählt, um dieses System auszuprobieren? Gegenüber 11 anderen Gebäuden, die eine andere Sozialstruktur haben?", fragte Icemae Downes, einer der Bewohner.

Die existierende Gesetzeslage kann auch aktualisiert werden, damit sie die Gesichtserkennung abdeckt, sagt Jevan Hutson, ein Jurastudent und Technik-Politik-Forscher an der University of Washington. Bundesstaaten haben bereits Bürgerrechte, die Diskriminierung an öffentlichen Orten wie Restaurants, Hotels, Schulen, Krankenhäusern oder etwa Kongresszentren verhindern. Angesichts dessen, dass die Technik in der Vergangenheit gezeigt hat, dass sie unfähig ist, Menschen fair zu behandeln, meint Hutson, sei es möglich, juristisch zu argumentieren, dass Gesichtserkennung Zivilrechte verletze. Sollte solch eine Änderung verabschiedet werden, würde das Gesetz effektiv verhindern, dass die Technik an einer Reihe öffentlicher Orte aufgestellt wird.

Ein anderer Weg wäre es, die Verbraucherschutzgesetze eines Bundesstaates zu aktualisieren. Viele Firmen behaupten, dass ihre Gesichtserkenungstechnik sogar Emotionen erkennen kann. Studien haben aber gezeigt, dass die Methoden zutiefst fehlerhaft sind. Es ist daher möglich, zu argumentieren, dass diese Algorithmen Gesetze gegen unfaire oder gar betrügerische Praktiken verletzen.

Ein solcher Schritt zwingt die Aktivisten dazu, sich mit der Sprache der Bürgerrechtsgesetze auseinanderzusetzen. "Die Sache ist die, wir aktualisieren die Bürgerrechtsgesetze. Euch sind die Prinzipien der Bürgerrechte wichtig", sagt Hutson. "Wenn Ihr nicht wollt, dass wir es tun, wie können wir damit rechnen, dass irgendwelche Eurer [vorgeschlagenen] Schutzmaßnahmen von Bedeutung sind?" Er arbeitet mit Abgeordneten zusammen und hofft, während der nächsten im Januar beginnenden Legislaturperiode im Staat Washington eine Gesetzesvorlage einzubringen.

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In der Praxis ist die Unterscheidung zwischen staatlicher und privater Gesichtserkennung falsch. Das eine zu normalisieren normalisiere das andere, sagt Evan Selinger, Philosoph am Rochester Institute of Technology. Sobald jeder daran gewöhnt sei, Facebooks Gesichtserkennungssystem zu nutzen, sagt er, "wird es sehr viel schwerer zu sagen, dass die Strafverfolgung, deren Interesse das Gute ist, weniger Freiheit haben sollte, als Du sie hast". Wenn Gesichtserkennung als selbstverständlich betrachtet wird, "belieferst Du den Privatsektor im Grund mit Informationen, die er dann mit den Strafverfolgern teilen kann".

Der private Sektor ist einflussreich und wird ein Mitspracherecht in Sachen Regulierung haben wollen. Der CEO von Amazon, Jeff Bezos, sagte jüngst, dass die Firma ihren eigenen Entwurf für eine Gesichtserkennungs-Richtlinie entwickele, die sie Gesetzgebern präsentieren will. Microsoft unterstützte in diesem Jahr Datenschutzbestimmungen im Bundesstaat Washington, die der Gesichts-ID einige Beschränkungen auferlegen würde. Allerdings besagte der Gesetzesantrag, es sei gestattet, Gesichtserkennung für die Profilbildung zu nutzen, solange jemand die Resultate überprüfe. Das Gesetz scheiterte, nachdem sechs Datenschutzgruppen argumentiert hatten, dass es viel zu schwach sei.

Das ist einer der Gründe warum Aktivisten wie Greer von Fight for the Future beharrlich darauf bestehen, dass eine mehrgleisige Strategie notwendig ist, die sich gesetzgeberische und ökonomische Herangehensweisen ansieht. "Wir brauchen all diese Dinge", sagt sie. "Bürger sollten Konzerne unbedingt zur Verantwortung ziehen. Gesetzgeber sollten dies unbedingt adressieren. Wenn es eine Sache gibt, die wir wissen, dann ist es, dass wir nicht darauf vertrauen können, dass Industrien sich selbst regulieren."

(bsc)