"Bunte Reifen wären möglich"

Holger Lange vom Automobilzulieferer Continental über die Frage, warum Fahrzeugpneus immer schwarz sein müssen.

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Von
  • Udo Flohr

Holger Lange vom Automobilzulieferer Continental über die Frage, warum Fahrzeugpneus immer schwarz sein müssen.

Chemiker Lange leitet die Materialentwicklung für Pkw-Reifen bei der Continental AG in Hannover.

Technology Review: Herr Lange, warum sind Reifen schwarz?

Holger Lange: Zu Beginn waren die Reifen eher grau-braun. Schwarz wurden sie erst in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als Ruß zur Mischung hinzukam. Ruß verlängert die Laufleistung deutlich. Und als Farbe ist Schwarz auch schöner als ein eher unscheinbares Grau-Braun, das durch die Sonneneinstrahlung ein fast schäbiges Aussehen annimmt.

TR: Aber heute verwendet man doch kaum noch Ruß.

Lange: Das stimmt. Ruß wurde in den neunziger Jahren durch Silica ersetzt – also Kieselsäure. Dadurch bremst der Reifen besser auf nasser Straße. Zugleich sinkt der Rollwiderstand. Darüber hinaus ist die Herstellung umweltfreundlicher. Zwei bis drei Prozent Ruß mengen wir aber heute noch bei, hauptsächlich, um den Reifen schwarz zu machen – sonst käme er wieder hässlich grau-braun aus dem Werk.

TR: Reifen in anderen Farben wären also machbar?

Lange: Ja. Sie hätten sogar keine technischen Nachteile. Das Problem ist allerdings die Optik. Nach 500 Metern auf der Straße wären andersfarbige Reifen wieder schwarz. Parkt man dann ein, kommt man früher oder später in Kontakt mit dem Bordstein. Dabei wird logischerweise die Seitenwand schwarz. Außerdem haben wir nach wie vor das Phänomen, dass sich der Reifen mit der Zeit verfärbt.

Schuld sind die für das Gummi wichtigen Alterungsschutzmittel. Sie wirken zwar ähnlich wie moderne Sonnenschutzmittel, aber dort, wo die Strahlung stärker ist, werden die Reifen schmutzig braun. Spätestens hier ist die Begeisterung für den farbigen Reifen dahin. Anders sieht es bei Modellen aus, die für Showcars designt und produziert werden. Sie haben schon mal farbige Bereiche in der Lauffläche. Aber solche Wagen rollen eben nur auf die Messestände und zurück in den Transporter.

TR: Außer diesen Kunden will keiner bunte Reifen?

Lange: Wer hip sein will, fragt sicher immer wieder danach. Aber dann müsste der Reifen ja farblich zum Auto passen.

TR: Sie könnten doch entsprechende Kleinserien produzieren.

Lange: Schon, aber sie wären unbezahlbar. Wir müssten alle Werkzeuge, Förderbänder, Heizpressen und im Grunde das ganze Werk rundum putzen, damit die Rußreste wegkämen.

TR: Warum funktioniert es bei Fahrradreifen – auch die werden doch beim Fahren schmutzig?

Lange: Da ist es nur die sehr schmale Lauffläche – damit kann ein Radler leben.

TR: Es gibt also dringendere Materialprobleme zu lösen...

Lange: Ja. Wir kämpfen in der Reifenentwicklung mit einer Vielzahl von Zielkonflikten. So vertragen sich niedriger Rollwiderstand und kurze Bremswege auf nasser Straße nicht. Wir suchen noch nach der ultimativen Mischung, die zusätzlich lange hält, ein präzises Handling erlaubt und problemlos wiederverwertbar ist. Wer diese Mischung findet, kann sicher sein, dass seine Patente ihm ein finanziell sorgenfreies Leben sichern. (bsc)