Bye-bye Facebook

Der laxe Umgang des größten sozialen Netzwerks der Welt mit seinen Nutzerdaten hat in diesem Jahr hohe Wellen geschlagen. Facebook-Konkurrent Diaspora will es nun besser machen. Seine Alpha-Version kann sich schon sehen lassen. Ein Erfahrungsbericht.

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Von
  • Erika Jonietz

Der laxe Umgang des größten sozialen Netzwerks der Welt mit seinen Nutzerdaten hat in diesem Jahr hohe Wellen geschlagen. Diaspora will es besser machen – und die Alpha-Version kann sich schon sehen lassen. Ein Erfahrungsbericht.

Vor kurzem habe ich mich Diaspora angeschlossen. Nein, nicht der Diaspora – ich bin nicht zur jüdischen Religion konvertiert und auch nirgendwohin ausgewandert. Ich habe eine der begehrten Einladungen bekommen, mich bei Diaspora anzumelden: jenem dezentralisierten sozialen Netzwerk, das vier New Yorker Studenten für diejenigen gegründet haben, die mit dem laxen Datenschutz von Facebook ein echtes Problem haben.

Offiziell am 24. April aus der Taufe gehoben, stellten die Vier Mitte September eine Open-Source- Entwicklerversion der zugrunde liegenden Software ins Netz. Am 23. November gingen dann die ersten Einladungen zur Alpha-Version von Diaspora raus. Auch wenn das Netzwerk noch einige technische Kinderkrankheiten hat und nur spärlich bevölkert ist – ich habe ganze zwei Kontakte –, weist es doch sehr interessante Unterschiede zu anderen Netzwerken auf.

Nehmen wir zum Vergleich den Marktführer: Facebook ist wie ein Casino – grell, überlaufen und doch betörend, dafür geschaffen, einen hineinzulocken und länger zu drinnen zu halten, als man vorhatte. Statusmeldungen von Freunden, Firmen oder Stars, Videos, Anzeigen, Spiele, Chatfenster, Kalender und diverse Tools für noch mehr neue Kontakte ballen sich auf dem engen Raum einer Webseite zusammen.

Verglichen damit erscheint Diaspora geradezu wie die ruhige, minimalistische Klause eines Zen-Anhängers. Anders als bei Facebook und der Konkurrenz kann man verschiedene soziale Kreise leicht voneinander trennen. Die eigene Seite zeigt ebenfalls Statusmeldungen der Online-Freunde an, die zudem aufgelistet werden. Dazu gibt es aber die so genannten Aspekte, unter denen man seine Freunde sortieren kann. Voreingestellt sind „Arbeit“ und „Familie“, doch neue Aspekte lassen sich im Handumdrehen hinzufügen (siehe Bild). Mit deren Hilfe lässt sich genau einstellen, wer welche Statusmeldung zu sehen bekommt. Auf jeder Seite ist leicht nachzuvollziehen, welche Information wohin geflossen ist.

Einfachheit und Klarheit sind zwei der zentralen Ziele des Diaspora-Teams. In einem Blogeintrag im Sommer erklärte es, „eine Menge Zeit in die Entwicklung eines übersichtlichen, kontextabhängigen Mechanismus für das Teilen von Informationen zu stecken. Das heißt, Nutzer sollen intuitiv Entscheidungen treffen können, ohne dauernd darüber nachzudenken, welche Inhalte an Arbeitskollegen und welche an Kneipenfreunde gehen.“ Der Aufwand hat sich gelohnt: Der Unterschied zu den komplizierten und gut verstecken Datenschutzeinstellungen auf Facebook ist gewaltig.

Auch die Weiterleitung von Diaspora-Inhalten an Twitter – oder auch Facebook – funktioniert anders. Man muss nicht lange nach den entsprechenden Verbindungseinstellungen suchen: Wer Meldungen auch auf Twitter, Facebook oder via RSS-Feed veröffentlichen möchte, braucht dafür nur eine kleine Box anzuklicken. Langfristig solle Diaspora formatunabhängig werden, sagt Mitgründer Maxwell Salzberg, um Daten aus beliebigen Webdiensten importieren oder dorthin exportieren zu können. Ziel sei nicht, Facebook oder irgendein anderes Netzwerk zu ersetzen. Stattdessen gehe es darum, dass Nutzer nicht mehr ihre persönlichen Daten auf vielen verschiedenen Webseiten speichern müssen, wo der Datenschutz oft einer „Friss oder stirb“-Maxime folgt – man also alles mit allen teilt oder mit niemandem.

Ein weiterer auffälliger Unterschied ist das Fehlen eines „Like“-Button, der auf Facebook überaus populär ist. Man kommentiert die Mitteilungen anderer entweder direkt oder lässt es bleiben. Ich bin gespannt, wie dies meine Online-Interaktionen verändert. Denn ich muss gestehen, dass ich mich oft der fixen „Gefällt mir“-Bewertung der Statusmeldungen von Freunden schuldig mache. Es geht einfach schneller, als einen richtigen Kommentar zu schreiben oder mich auch nur auf dem oberflächlichen Facebook-Niveau mit jemandem auszutauschen.

Diaspora ist auch nicht so aufdringlich: Es schickt nicht jedesmal eine Email-Notiz, wenn jemand eine Statusmeldung von mir kommentiert hat oder die eines Freundes, zu der ich mich ausgelassen habe. Alle Inhalte auf Diaspora sind nur sichtbar, wenn man eingeloggt ist. Dadurch kann man zwar Online-„Gespräche“ schneller aus dem Auge verlieren – aber die Entlastung für meine ohnehin immer überfüllte Mail-Inbox ist toll.

Ob Diaspora sein Versprechen einlösen kann, den Nutzern die volle Kontrolle über ihre Daten zu geben, kann ich als Nichtexptertin für Computersicherheit nur schwer einschätzen. Mir gefallen die Transparenz der Benutzeroberfläche und der Einsatz von Websicherheitsstandards wie dem https-Protokoll, das auch für Finanztransaktionen im Web eingesetzt wird. Das System selbst ist auf viele private und öffentliche Server verteilt, die „Samen“ („Seed“) genannt werden. Sämtliche Kommunikation zwischen den Samen erfolgt verschlüsselt. Das Protokoll für die Verschlüsselung ist ebenfalls ein Webstandard, die Gnu Privacy Guard (GPG).

Die Diaspora-Entwickler streben eine Architektur an, in der jeder Nutzer seinen eigenen Seed-Rechner betreibt und dort seine persönlichen Daten lagert. Dieser Ansatz ist das genaue Gegenteil des derzeitigen Trends, Daten irgendwo in einer Cloud-Computing-Umgebung abzulegen, die verschiedenen Unternehmen gehört. Im Diaspora-System sollen alle Seed-Rechner bruchlos und intuitiv miteinander kommunizieren. Da heutzutage nur die wenigsten Nutzer wissen, wie man einen eigenen Webserver betreibt, haben die Entwickler die Plattform joindiaspora.com eingerichtet. Sie soll auch Datenschutz-bewussten Nutzern ohne Fachkenntnisse die Anwendung des Systems so einfach wie möglich machen.

Perfekt ist die derzeitige Version sicher noch nicht. So aufgeräumt Diaspora daherkommt, könnte die Seite doch ein paar zusätzliche Erläuterungen vertragen. Ich habe einen Moment gebraucht, bis mir klar wurde, dass etwa die graue Box oben auf der Seite keine Dekoration, sondern ein Texteingabefeld für die Suchfunktion ist (siehe Bild oben).

Die Hauptplattform auf joindiaspora.com läuft noch recht langsam. Die Server sind nicht so zuverlässig wie bei den gängigen Diensten, so dass es in unregelmäßigen Abständen zu Ausfällen kommt. Tatsächlich wurde ich einen Tag nach meinem Eintritt in Diaspora von meinem Account ausgesperrt. Nach vergeblichen Versuchen, mich wieder einzuloggen, bekam ich vom Team schließlich eine neue Einladung und legte ein zweites Nutzerkonto an.

Für die Geeks, die derzeit und wohl auch in Zukunft den Kern von Diaspora bilden, mag es eine Randnotiz sein: Aber dass Diaspora nicht im Internet Explorer von Microsoft, sondern nur in „modernen“ Browsern wie Firefox, Chrome, Safari und Opera läuft, dürften manche Nutzer ärgerlich finden.

Ob Diaspora so aufgeräumt bleibt wie jetzt, ist ebenfalls nicht sicher. Die Entwickler arbeiten bereits an neuen Funktionen, darunter Plug-ins, die Chats oder Spiele ermöglichen. „Wir sind SEHR alpha“, schrieb mir Maxwell Salzberg in unserem Mailwechsel wegen meines blockierten Accounts. Ich werde Diaspora jedenfalls weiterhin nutzen und hoffe, dass es meine Facebook-Sucht eindämmt – und dass meine Daten dort wirklich mir gehören. (nbo)