CO2: Waldbrände machen Corona-Ersparnis zunichte

Große Feuer wüten derzeit in vielen Weltregionen. Die pandemischen Klimaschutzgewinne sind größtenteils bereits verloren, sagen Forscher.

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Feuer
Von
  • James Temple

Die Waldbrände, die an der Westküste der USA wüten, haben mittlerweile so viel Kohlendioxid in die Luft geblasen, dass mehr als die Hälfte der pandemiebedingten Emissionsreduzierung in der Region im vergangenen Jahr zunichte gemacht wurde. Und das war nur der Juli. Die Zahlen verdeutlichen eine beunruhigende Rückkopplungsschleife: Der Klimawandel führt zu heißeren und trockeneren Bedingungen, die immer häufiger zu verheerenden Bränden führen, die wiederum Treibhausgase freisetzen, die die Erwärmung weiter vorantreiben.

Das Problem wird sich in den kommenden Jahrzehnten in weiten Teilen der Welt wahrscheinlich noch verschärfen. Das bedeutet nicht nur, dass tödliche Brände einen immer höheren Tribut für Gemeinden, Rettungskräfte, die Luftqualität, die menschliche Gesundheit und die Wälder fordern werden, sondern auch, dass sie unsere sehr eingeschränkten Fortschritte bei der Bekämpfung des Klimawandels untergraben könnten.

Nach Angaben des Carbon Monitor sind in Kalifornien, Idaho, Oregon und Washington die Emissionen fossiler Brennstoffe im vergangenen Jahr um immerhin rund 69 Millionen Tonnen Kohlendioxid zurückgegangen, da die Pandemie den Ausstoß durch den Straßenverkehr, die Luftfahrt und die Industrie reduzierte. Vom 1. Juli bis zum 25. Juli haben die Brände in diesen Staaten jedoch etwa 41 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt, wie aus den Daten des Copernicus Atmosphere Monitoring Service der Europäischen Kommission hervorgeht, die MIT Technology Review vorliegen.

Das liegt weit über den normalen Werten für diese Jahreszeit und kommt noch zu dem Emissionsanstieg hinzu, der durch die großen Brände im amerikanischen Westen im Jahr 2020 verursacht wurde. Allein durch die Feuer in Kalifornien wurden im vergangenen Jahr mehr als 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt, was bereits ausreichte, um den jährlichen Emissionsrückgang in der gesamten Region mehr als auszugleichen. "Die stetige, aber langsame Reduzierung der [Treibhausgas-Emissionen] verblassen im Vergleich zu denen, die durch Waldbrände verursacht werden", sagt Oriana Chegwidden, Klimawissenschaftlerin bei CarbonPlan.

Massive Waldbrände, die sich über Millionen von Hektar in Sibirien erstrecken, verdunkeln auch den Himmel über Ostrussland und setzen Dutzende Millionen Tonnen an Emissionen frei, wie Copernicus Anfang des Monats berichtete. Es wird erwartet, dass Brände und Emissionen aus den Wäldern in vielen Regionen der Welt zunehmen werden, da sich der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten beschleunigen könnte. Das Brandrisiko - definiert als die Wahrscheinlichkeit, dass in einem bestimmten Jahr in einem Gebiet ein mittelschweres bis schweres Feuer ausbricht - könnte sich in den USA bis 2090 vervierfachen, selbst wenn die Emissionen in den kommenden Jahrzehnten deutlich zurückgehen, so eine aktuelle Studie von Forschern der University of Utah und CarbonPlan. Bei ungebremsten Emissionen könnte das Brandrisiko in den USA gegen Ende des Jahrhunderts sogar 14-mal höher sein.

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"Die durch Brände verursachten Emissionen sind bereits heute schlimm und werden nur noch schlimmer werden", sagt Chegwidden aus dem Studieteam. Über längere Zeiträume hinweg werden die Emissionen und Klimaauswirkungen zunehmender Waldbrände davon abhängen, wie schnell die Wälder nachwachsen und Kohlenstoff binden - oder ob sie dies überhaupt noch tun. Dies wiederum hängt von den Baumarten, der Schwere der Waldbrände sowie davon ab, wie stark sich die lokalen Klimabedingungen seit der Entstehung des Waldes verändert haben. Während ihrer Doktorarbeit in den frühen 2010er Jahren verbrachte Camille Stevens-Rumann die Sommer- und Frühlingsmonate damit, durch die Wälder in Idahos "Frank Church-River of No Return Wilderness"-Naturschutzgebiet zu wandern und die Folgen von Bränden zu untersuchen. Sie notierte, wo und wann Nadelwälder wieder auftauchten und wo nicht, und wo opportunistische invasive Arten wie Raufußgras die Landschaft eroberten.

In einer 2018 in der Fachzeitschrift Ecology Letters veröffentlichten Studie kamen sie und ihre Mitautoren zu dem Schluss, dass Bäume, die in den Rocky Mountains abgebrannt waren – in diesem Jahrhundert, in dem die Region heißer und trockener geworden ist – weitaus größere Probleme hatten, wieder nachzuwachsen, als am Ende des letzten Jahrhunderts. Trockene Nadelwälder, die bereits am Rande der Überlebensfähigkeit standen, wandelten sich viel eher in Gras- und Strauchland um, die im Allgemeinen viel weniger Kohlenstoff aufnehmen und speichern.

Dies kann bis zu einem gewissen Grad gesund sein, weil dadurch Brandschneisen entstehen, die den Schaden künftiger Brände verringern, sagt Stevens-Rumann, Assistenzprofessorin für Wald- und Weidelandbewirtschaftung an der Colorado State University. Dies kann auch dazu beitragen, die aggressive Brandbekämpfung in den USA ein wenig auszugleichen, die groteskerweise dazu geführt hat, dass sich in vielen Wäldern brennbares Material angesammelt hat, was wiederum die Wahrscheinlichkeit größerer Brände erhöht, wenn es sich entzündet. Die Ergebnisse der Studie sind jedoch "sehr bedrohlich" angesichts der massiven Brände, die wir bereits sehen – und der steigenden Temperaturprognosen für den amerikanischen Westen, sagt sie.

Andere Studien haben festgestellt, dass sich die Wälder im Westen der USA in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern könnten, indem die Reservoirs für Artenvielfalt, Wasser, Lebensraum für Wildtiere und Kohlenstoffspeicherung geschädigt oder zerstört werden. Brände, Dürren, Insektenbefall und veränderte Klimabedingungen werden große Teile der kalifornischen Wälder in Buschland verwandeln, so eine Modellstudie, die letzte Woche in AGU Advances veröffentlicht wurde. Der Verlust an Bäumen könnte in den dichten Douglasien- und Küstenmammutwäldern entlang der nordkalifornischen Küste und in den Ausläufern der Sierra Nevada besonders groß sein.

Alles in allem wird der Bundesstaat bis zum Ende dieses Jahrhunderts etwa 9 Prozent des in Bäumen und Pflanzen oberirdisch gespeicherten Kohlenstoffs abgeben, wenn wir die Emissionen in diesem Jahrhundert stabilisieren – und mehr als 16 Prozent, wenn sie in Zukunft weiter ansteigen. In der Zwischenzeit besteht bei Szenarien mit mittleren bis hohen Emissionen "eine reale Wahrscheinlichkeit, dass die Wälder des Yellowstone in der Mitte des 21. Jahrhunderts in Nicht-Waldvegetation umgewandelt werden", da immer häufiger auftretende und größere Brände es den Bäumen immer schwerer machen würden, wieder nachzuwachsen, so eine Studie aus dem Jahr 2011 in den Proceedings of the National Academy of Sciences. Und was man in Amerika sieht, sieht man auch in Europa – von Griechenland bis Brandenburg.

(bsc)